Formel 1 mit Fliegerbrille: 100 Jahre Mercedes-Dreifachsieg von Lyon (VIDEO)

Die Wolken hängen tief über Frankreich und unser Flugzeugmotor dröhnt während des Sturzflugs. Mein linker Arm wird heiß und ich bin nicht angeschnallt. Das Cockpit vibriert und ich muss aufpassen, dem Abgasrohr direkt neben mir nicht zu nahe zu kommen. Mein Pilot sitzt Schulter an Schulter zu meiner Rechten, trägt Fliegerbrille samt Lederkappe und gibt mir in all dem Lärm Handzeichen, unbedingt auf den Benzindruck der Maschine zu achten, die normalerweise in einem klimatisierten Sarkophag oder im Museum steht – und dann von den Besuchern nicht einmal berührt werden darf.

LeMans-Sieger und Rennlegende Jochen Mass am Volant des Mercedes Grand-Prix-Wagen von 1914

Ich greife hinter seinen Rücken und pumpe ein paar Mal hektisch an einem Hebel mit Holzgriff, um den Druck auf der antiken Skala wieder hoch auf 1 bar zu kriegen, so wie man mir das vor dem Start beigebracht hat. Vor uns öffnet sich die Rhone-Ebene und die Maschine erreicht gefühlt 200 km/h.

Jochen Mass heißt mein Pilot, und er hat sichtlich Spaß auf der Jagd runter zur Todeskurve. Mit zwei nahezu baugleichen Boliden vor uns lassen wir ein historisches Bild wiederauferstehen – wenn man sich mal die Polizeieskorte, den Kamerawagen, den modernen Straßenbelag und den unbekümmerten Gegenverkehr wegdenkt: den fulminanten Mercedes-Dreifachsieg beim Großen Preis von Frankreich 1914!

Historisches Vorbild für die Formel-1-Saison 2014?

Es gibt derzeit nicht nur an einem Formel-1-Wochenende viel zu feiern bei Daimlers. Vor genau 100 Jahren nämlich, als die Silberpfeile noch eierschalenfarben waren und Flugzeug- statt Hybridtechnik besaßen, dominierten sie das Renngeschehen fast ebenso nach Belieben wie heute in der Königsklasse. Dabei sah das wenige Monate vor der Rennsaison noch ganz und gar nicht danach aus – heute wie damals!

Erfolgreiche Neukonstruktion in Rekordzeit | Abbildung: Daimler AG

Die Mercedes-Ingenieure hatten sich eine radikale Reglement-Änderung bei den Motoren zu Nutze gemacht: so wie heute der Schritt zum niedrigdrehenden Turbomotor eine anhaltende Herausforderung selbst für erfolgsverwöhnte Rennställe ist, so war es damals die faktische Halbierung des Hubraums, die nahezu sämtliche Teams zu einem radikalen Einschnitt bei der Konstruktion ihrer Boliden zwang.

Die Daimler Motoren Gesellschaft hatte nach einiger Rennabstinenz erst im Herbst 1913 beschlossen, am „Grand Prix de l’Automobile Club de France“ im Juli 1914 teilzunehmen. Ein sehr ambitioniertes Vorhaben!

Drehfreudiger Reihenvierzylinder | Foto: Daimler AG

In kürzester Zeit schafft es das Team um Chefingenieur Paul Daimler, ältester Sohn von Gottlieb Daimler, das schlichtweg beste Antriebs-Aggregat seiner Zeit zu konstruieren: ein leichter, vergleichsweise hochdrehender 4,5-Liter-Reihenvierzylinder aus dem Flugzeugbau, mit 16 Ventilen und 106 PS, der in einer späteren Ausbaustufe per Kompressor sogar noch bis in die hohen 1920er Jahre in seinen Grundzügen erfolgreich bleiben sollte. Das Gesamtkonzept umfasst auch eine kardanische Antriebswelle, die die meisten anderen Boliden mit ihren schweren Kettenantrieben wie Dinosaurier aussehen lässt.

Auf Vorderradbremsen wird indes auch weiterhin verzichtet. Was andere schon können, nämlich mittels Vierradbremse später zu verzögern, machen die Mercedes über ihre schiere Antriebskraft wieder wett: sie können weitaus schneller wieder aus Kurven herausbeschleunigen. Eine bessere Gewichtsverteilung und eine vergleichsweise stromlinienförmige Karosserie tun das ihrige.

Fahrerprobung in Stuttgart im Frühjahr 1914 | Foto: Daimler AG

Aber nicht nur Techniker allein sind die Väter des späteren Erfolgs. Auch die akribische Vorbereitung der Fahrer trägt entscheidend dazu bei. Von Max Sailer, dem späteren Vorstandsmitglied der Daimler-Benz AG, ist ein handschriftliches „Roadbook“ seiner Streckenerkundungen erhalten, gespickt mit Zahlen, Symbolen und Anmerkungen.

Blick in das Sailersche „Roadbook“ mit Skizzen und Notizen seiner detaillierten Streckenerkundung | Foto: Daimler AG

Für die gesamte Route hatte der Rennfahrer unter anderem Gefälle und Steigungen protokolliert, Straßenbeläge vermerkt und Hinweise zu Besonderheiten notiert. Der Mann wollte ganz klar so wenig als möglich dem Zufall überlassen, zumal wenn der Austragungsort des Rennens nicht eben vor der eigenen Haustüre liegt.

Die Grand-Prix Strecke im Überblick (Norden ist nach rechts ausgerichtet) | Abbildung: Daimler AG

Die letzte große Rennveranstaltung vor dem Ersten Weltkrieg

Gewaltiges Publikumsinteresse | Foto: Daimler AG

Mehr als 300.000 Zuschauer waren damals an der Strecke bei Lyon, um dem Spektakel beizuwohnen – gleichsam ein riesiges Volksfest weniger als vier Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Von den 37 teilnehmenden Rennwagen hatte Mercedes das maximale Kontingent an fünf Autos an den Start gebracht. Zwei davon fielen im Verlauf des Rennens aus, ein zusätzliches Fahrzeug blieb als Reserve im Paddock.

Am Nachmittag des 4. Juli 1914, nach genau 752,6 Kilometern und wenig mehr als 7 Stunden, rasen drei Mercedes-Boliden dieser neuen Bauart als erste über die Ziellinie – weit vor einer noch kurz zuvor übermächtig scheinenden Konkurrenz. Die Sensation ist perfekt, damals beim französischen Grand Prix wie heute in der Formel 1!

Das glorreiche Siegertrio | Foto: Daimler AG

Grand-Prix-Sieger Christian Lautenschlager während des Rennens | Foto: Daimler AG

Christian Lautenschlager mit der Startnummer 28 gewinnt mit einer unglaublichen Durchschnittsgeschwindigkeit von 105,6 km/h in 7:08:18 Stunden, gefolgt von seinem Teamkollegen Louis Wagner (105,1 km/h, 7:09:54 Stunden) und Otto Salzer (104,3 km/h, 7:13:15 Stunden). Erst mehr als fünfeinhalb Minuten später folgt Jules Goux auf Peugeot.

„Der Sieg der Mercedes war ein Sieg der Überlegenheit in allen Punkten“, schreibt daraufhin das britische Magazin „Autocar“ nach dem Rennen.

Und auch die Werbestrategen bei der DMG reagieren quasi in Echtzeit. Kurz nach dem Ausgang des Rennens entrollt die Mercedes-Niederlassung am Champs Elysée dieses Werbetransparent über ihrem Schaufenster:

Damals wie heute: die Grand-Prix-Erfolge der Marke Mercedes als willkommene Werbebotschaft für den Vertrieb | Foto: Daimler AG

Alles könnte so perfekt sein! Doch nur wenige Tage später, am 28. Juli 1914, beginnt der Erste Weltkrieg. Vom freudigen Ereignis des Grand-Prix-Siegs bleibt vorerst nur die Erinnerung, vor allem an einen friedlichen Wettbewerb der Nationen.

Die drei letzten Ihrer Art treffen sich nach 100 Jahren wieder

Rechtzeitig zum großen Jubiläum lud Mercedes-Benz Classic nun Ende April nach Lyon, um den legendären Dreifachsieg an historischen Schauplätzen nacherlebbar zu machen.

Zu Beginn der Planung dürfte das Team aus Mercedes-Benz-Museum und Classic-Center kaum zu hoffen gewagt haben, wie hoch der Aktualitätsbezug dieses historischen Triumphs für die Formel-1-Saison 2014 sein würde. Besser planbar, aber dennoch nicht minder schwierig in der Umsetzung: drei Originalfahrzeuge der insgesamt nur sieben jemals gebauten Exemplare nach 100 Jahren zurück an den Ort ihres Triumphes zu bringen. Denn wohlgemerkt: es gibt weltweit nur noch genau drei, und nur eins davon befindet sich im Besitz der Daimler-Classic-Sammlung.

Einer von nur drei noch existierenden Grand-Prix-Rennwagen des Jahres 1914: das Siegerfahrzeug aus einer Privatsammlung in Oregon

Die fehlenden beiden Autos müssen über den Atlantik anreisen, darunter das Siegerfahrzeug von Grand-Prix-Champion Christian Lautenschlager mit der Startnummer 28.

George F. Wingard im Gespräch mit Eddie Berrisford

Heute gehört es George F. Wingard, ein ehemaliger US Senator aus Oregon, Hobby-Rennfahrer und leidenschaftlicher Auto-Sammler, der gemeinsam mit seinem Schwiegersohn gleich mit nach Frankreich anreist, um den Wagen im Rahmen der Fahrveranstaltung selbst pilotieren zu können.

Dritter Zeitzeuge im Bunde ist der ehemalige Ersatzwagen mit der Nummer „41bis“, der aus der Collier Collection stammt und von seinem Restaurator Eddie Berrisford und Revs-Institute-Kurator Scott George aus Florida auf die historische Rennstrecke bei Lyon begleitet wird.

Meister der Details, technischen Rafinesse und Ästhetik bei Restaurationen: Eddie Berrisford und „sein“ Grand-Prix-Rennwagen mit der Reserve-Startnummer „41bis“, der mit 100 Jahren Aufschub nun endlich zum EInsatz kommt

Für mich ist es mit seinem mattweißen Finish, den vielen liebevollen Details sowie dem Kupfer-Interieur das schönste der drei Geschwister. Würde es eine „Scuderia Steampunk“ geben, der 41bis wäre zwingend Teil davon!

Historischer Boden, neu asphaltiert

Die Piège de la mort hat ihren Schrecken heute gottseidank verloren

Die alte Grand-Prix-Strecke besteht aus öffentlichen Straßen und ist in ihrem Verlauf nahezu vollständig erhalten. Wer möchte kann im Rahmen der Fahrveranstaltung die gesamte Strecke von 37,6 Kilometern Länge im CLA 45 AMG und weiteren Neuwagen erkunden. Für die Mitfahrten in den historischen Boliden beschränken Orga-Team und Polizei-Eskorte den Aktionsradius aber auf einen Streckenabschnitt im Norden des Rundkurses, der zugleich auch die berüchtigte „Todeskurve“ beinhaltet. Dank des breiten Asphaltteppichs, der Beton-Abgrenzung und Jochen Mass am Volant meines Renntaxis hält sich die Todesangst beim Befahren dieses Abschnitts aber gottseidank in Grenzen. Trotzdem ein unbeschreibliches Erlebnis – und zwar für alle Sinne – jetzt und hier im offenen Rennboliden auf den Reifenspuren der Grand-Prix-Legenden von vor 100 Jahren unterwegs zu sein. Mein Respekt vor den Leistungen sowohl der Ingenieure als auch der Rennfahrer von damals steigt während der zweieinhalb Tage meines Aufenthalts in Lyon ins Astronomische.

Blick hinter die Kulissen

Meine Kamera saugt das alles gigabyteweise auf. Wenn ich nicht pausenlos fotografiere, dann wird meistens gefilmt. Für unsere fünfkommasechs-Videos sind ja immer auch die spontanen Eindrücke und Momente wichtig. Nur konsequent und auch viel schöner als das beste Hotelfrühstück ist es da, schon in aller Frühe mit dem Team aus Mechanikern, Fahrern und Fahrzeugbesitzern in die „Werkstatt“ zu fahren, um einen wunderbaren Blick hinter die Kulissen zu erhalten.

Die drei unbezahlbaren Grand-Prix-Wagen werden über Nacht bei einem unscheinbaren Handwerksbetrieb in einem Gewerbegebiet untergestellt. „Wenn die Lyoner wüssten, was hier geparkt ist!“ denke ich mir. Die morgendlichen Startvorbereitungen vor dem „Roll Out“ sind mehr als interessant. Nicht nur weil das Motoröl nachgefüllt, Ventile geschmiert und etwaige feinste Blessuren vom Vortag gerichtet werden müssen. Es entspinnen sich vor allem unterhaltsame Benzingespräche, die es später am Tag in dieser ruhigen und konzentrierten Atmosphäre nicht mehr geben würde.

Eine knappe Stunde später tritt dann der Gänsehaut-Moment ein: nacheinander starten die Triebwerke und der charakteristische Sound der drei Flugzeugmotoren verbindet sich zu einem gewaltigen Klangerlebnis (zu sehen und hören im Video am Ende dieses Artikels!), während die Polizei den Straßenabschnitt vor dem Gewerbegrundstück sperrt, um den drei „Hundertjährigen“ eine freie und sichere Ausfahrt zu ermöglichen.

Ein Geschäftsmann in einem Audi wird Opfer dieser vorübergehenden Maßnahme und ist anfangs wenig begeistert davon, seine Fahrt ins Büro hier unfreiwillig pausieren zu müssen. Als er aber bemerkt, welch exklusiven Logenplatz er ausgerechnet hier für ein Spektakel besitzt, das es so seit 100 Jahren nicht mehr in seine Heimat gegeben hat, lässt ihn das Grinsen nicht mehr los. Im Augenwinkel sehe ich, wie er den drei weißen Grand-Prix-Geschossen von 1914 und ihren Besatzungen aus seinem SUV heraus frenetisch zuwinkt. Sein Tagesthema an der Büro-Kaffeemaschine dürfte damit gesetzt gewesen sein.

Am 1. Mai im Park am Rathaus von Brignais

Tags darauf hat er nochmals Gelegenheit, vielleicht zusammen mit der Familie die glorreichen Drei hautnah zu erleben: eine historische Rallye zum 100. Jubiläum des Grand Prix zieht am 1. Mai tausende Besucher in den Park am Rathaus von Brignais und schließlich an die historische Rennstrecke, wo auch Fahrzeugklassiker anderer Epochen ihre Runden drehen. Kann man besser in den Mai tanzen?

 „100 Jahre Dreifachsieg von Lyon“ im Bewegtbild:

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