Männertag

Man kommt ja zu gar nix mehr. Nicht einmal dazu, die vielen schönen Momente der doch gerade erst angebrochenen und doch schon wieder viel zu schnell an uns vorbeirasenden Saison zu dokumentieren. Das möchte ich hiermit noch eilig nachholen, denn ab nächster Woche würde es im Trubel rund um die Weltpremiere der neuen S-Klasse untergehen (fünfkommasechs.de ist vor Ort in Hamburg dabei und wird live berichten auch auf unserer Facebook-Page).

Schon wieder drei Wochen ist es her, da hatten wir ein gepflegtes Männerwochenende im Kreise unserer guten Freunde Felix und Willi, die uns auch in Friedrichsruhe schon begleiteten.  Schauplatz diesmal: der 5,6 Hangar in Downtown Hanau mit seiner eindrucksvollen und stetig wachsenden Betriebsstoffe-Sammlung auf dem einst schneeweiß lackierten Boden.

Der nicht ganz dichte Bewohner dieses fast 40m² großen Ateliers hatte mal wieder Bedarf nach künstlerischer Zuneigung. Weil er zuletzt beim Anlassen verdächtig mit der Tachonadel zuckte, verpflanzten wir dem Blauwal einen neuen Lichtmaschinenregler. Nötig war das in jedem Falle, wie sich zeigte. Gänzlich Abhilfe schaffte es aber noch nicht.

Viel bedeutsamer für mich war aber sowieso die Reparatur des wichtigsten Bauteils eines jeden echten Daimlers: dem Kühlerstern! Der Bug des Sternenkreuzers sollte endlich wieder originalgetreu aussehen dank eines jüngst in Klein-Germersheim erworbenen 123er-Sterns. Der ist inzwischen schon eine echte Antiquität, und da ist es nur menschlich, dass es dann im Alter  mit der Standfestigkeit nicht mehr weit her ist. Hier mußte nachgeholfen werden.

Hauptnavigationssystem der Baureihe 126: der Kühlerstern mit 123er Teilenummer

Für den Kölschen MacGyver, der zur Not auch mit einer Haarspange eine KE-Jetronic-Revision aus dem Gedächtnis durchführen kann, ist so eine Haubenstern-Verpflanzung nebst Austausch des Federmechanismus kaum mehr als eine Fingerübung. Für mich hingegen ist das, was der Herr Christiansen so schnell und fein säuberlich zerlegte, ein Wunderwerk der Technik! Immerhin handelt es sich hierbei um das Navigationssystem des S-Klassikers, ohne das ein zuverlässiger Geradeauslauf kaum gewährleistet ist.

Und last but not least bewahrte Herr Kühn mich noch vor einer absehbaren Blamage.  Am Abend stand nämlich noch ein Chauffeur-Einsatz bevor. Ein Arbeitskollege bat mich, seinen Senior anläßlich dessen runden Geburtstages mit meiner nautikblauen S-Klasse vor der Haustüre einzusammeln und einmal um den Häuserblock herum zu dessen Geburtstagsfestivitäten zu fahren. Vollklimatisiert statt klimaneutral, versteht sich.

Gar kein Problem, wäre da nicht diese kleine Malaise ausgerechnet mit der Fondtür rechts gewesen. Die Bedieneinheit für Fensterheber, elektrische Rücksitzbank und Sitzheizung hatte nach diversen OPs der Tür (u.a. Fangbänder und Gleitbacken des Fensterhebers erneuern) keinen dauerhaften Halt mehr. Im Klartext: schloß man die Tür etwas zu unstaatsmännisch, rutschte einem das komplette Schalterelement richtung Schoß. Ein unhaltbarer Zustand im wahren Wortsinne.

Bedienelemente für Sitzheizung, elektrische Rücksitzbank und Fensterheber in der langen Fondtür des 560 SEL | Foto: Familie Klein

Befund: akute Ausgelutschtheit der gesamten Mimik, welche Herr Kühn in simpler wie genialer MacGyver-Manier zu fixieren wußte, nämlich mit kleinen Klebeband-Auffütterungen an den neuralgischen Punkten. Hält bis heute!
Wenn nicht, dann wäre es auch nicht weiter schlimm gewesen, denn der zu chauffierende Jubiliar wohnte ausgerechnet im Gebrauchtteile-Paradies Klein-Germersheim, das offiziell Rödermark-Urberach heißt und in dessen Gewerbegebiet die gewaltige Gebrauchtteilesammlung von Oli Stork beheimatet ist. Ein Abstecher zu ihm war ohnehin der nächste Programmpunkt.

Kaiserwetter in „Klein-Germersheim“

Falls bis hierhin auch die eine oder andere Dame mitgelesen haben sollte, dann kann ich diese zum Weiterlesen nur ermuntern. Es folgt die perfekte Analogie auf Eure Mädelsnachmittage mit Shopping, Prosecco und Rumgegacker. Bei uns Dreibeinern heißt das: Haubentauchen, Bier trinken, Benzin und Altblech reden und Spontankäufe im Herrenkaufhaus machen. Daß Willi am Ende eine komplette Scheinwerfer-Reinigungsanlage und ich ein Airbag-Lenkrad in der Einkaufstüte hatten, ist in Wahrheit nur das gleiche Anti-Streß-Programm wie Eure sinnlosen Schuhkäufe. Frieden?

300 E 24

Natürlich geht es bei uns Kerlen immer auch um Getratsche. Euer „wer mit wem“ trägt bei uns die Überschrift  „Vorbesitzer und Sonderausstattungen“. Wenn der Opa sich eine Fondbelüftung selber baut, trägt das schon sehr zur allgemeinen Erheiterung bei, zumal das Stromkabel für den kleinen Ventilator wie eine Wäscheleine längst durch den Innenraum geführt wurde. Das alles in einem weißblauen 300 E-24 in ordentlichem Zustand, den man für einen fairen Preis gerne auch im Stück bei Oli Stork hätte erwerben können.

Oli Stork löst das Rätsel um den mysteriösen Haken samt Schleifspuren auf dem Armaturenbrett des 124ers

An sich ein schönes Auto mit reichlich Dampf unter der Haube. Wo ist der Haken, fragt Ihr Euch? In diesem Fall direkt auf dem Armaturenbrett: da hat der Vorbesitzer nämlich sein Schlüsselbund eingehängt. Gottseidank ließ sich der Kleber leicht ablösen und bis auf einige Kratzspuren wird nicht viel von dieser frühen Interpretation eines „Keyless Go“ bleiben.

Ein 124er mit Veloursausstattung gefällig? Ratet mal, wer da der Vorbesitzer war. Sicher kein Buchhalter, das ist korrekt. Höherer Angestellter mit Sinn für teures Understatement? Bescheidener Bankdirektor mit Hang zur Behaglichkeit bei dennoch kompakter Wohnfläche? Weit gefehlt! Hier waltet die pure Gemeinnützigkeit in Gestalt des Dienstwagens eines eingetragenen (christlischen) Vereins. Déjà-vu?

Feines Velours sorgt für ein wahrhaft „sprirituelles“ Ambiente im W124

Christliche Mobilitätsgarantie, falls der oberste Rennleiter den Fahrer des schicken Kirchen-124ers mal im Stich lassen sollte

Ein besonderer Beweis des festen Glaubens seiner Eigentümer sind denn auch die zugeschweißten Wagenheberaufnahmen des christlichen Dienstwagens. Oder sollte man besser von Wundmalen sprechen?

Der heilige Geist hätte es nicht schöner schweißen können: Wundmale, wo einst Wagenheberaufnahmen waren

Ach ja, einen ganz unchristlichen Sportline 124er mit passenden Schonbezügen gab es auch noch. Faszinierendes Gefährt!

Sportline-Innenausstattung im W124

Altmercedes-Metzgermeister Stork verrät, daß solcherlei Frischware stets weggeht wie Filetstücke im Sonderangebot.

Der Weihnachtskalender, den keiner wollte

Indes prangt die neue A-Klasse W176 auf einem Weihnachtskalender der Niederlassung Frankfurt/Offenbach, von dem Oli gleich mehrere gebunkert hat. Im letzten Jahr waren ja Mineralöl-Rückstände in Adventskalenderschokolade gefunden worden. Zwar nicht bei diesen schicken Exemplaren hier, trotzdem blieben sie massenweise liegen. Schoki mit Mineralöl? Für unseren Oli war das erst recht ein Grund zuzuschlagen! Wer in Karosserieteilen Pflanzen züchtet, der ißt auch gerne Schokolade mit Geschmack!

Apropos: über allem schwebte ja noch die große Frage, was eigentlich aus der Storkschen Pflanzenzucht geworden ist. Die Antwort: leider ist das zarte Grün inzwischen verdorrt (s. Foto links). Oli hat den grünen Daumen daher aufgegeben und brütet längst etwas neues aus. Von der Flora zur Fauna: in einer der Gitterboxen hinten auf dem Gelände fanden wir ein paar Amseleier, noch verdächtig warm. 

Dem werdenden Vogelvater kann man nur Glück wünschen! Uns überrascht hier gar nichts mehr, deshalb sind wir ja so gerne in Klein-Germersheim. Und Euch sei versichert: von den Anekdoten und Sehenswürdigkeiten aus gerade einmal einer Stunde Aufenthalt habe ich hier nur einen Bruchteil wiedergegeben. Mehr Impressionen vom Samstagnachmittag im April findet Ihr an gewohnter Stelle hier: [KLICK]

Am Stück oder im Filet. Wie hätten Sie Ihre S-Klasse gern?

Wir mussten denn auch rasch weiter. Vom Gewerbegebiet Rödermark-Urberach waren es gottseidank nur noch ein paar Minuten Fahrt zu unserem Fahrgast des Abends, der schlanke Herr mit dem runden Geburtstag, der mit der S-Klasse überrascht werden sollte.

Fahren nicht nur im Alltag die gleichen Autos (W211 Mopf „Avantgarde“), sondern haben auch ähnlich avantgardistische Vorstellungen vom idealen Beinkleid für feierliche Anlässe: Herr K. und Herr S. | Foto: Familie Klein

Pünktlich vor Ort wurde mir schlagartig klar: Herr K. und ich haben einen recht ähnlichen Geschmack, denn wir fahren im Alltag jeweils gemopfte 211er-E-Klassen in Avantgarde-Ausführung. Und selbst unsere Hosentracht ist durchaus Avantgarde, wie ich anhand dieser Bilder nachträglich feststellen muß. Dem großen Auftritt tat das jedoch keinen Abbruch, denn als der große Achtzylinder mit frischgeliftetem Kühlerstern die Auffahrt zum Restaurant in Rödermark-Urberach empor fauchte, waren alle Blicke und Kameras auf uns gerichtet.

Die Scheibe blieb geschlossen, da der Chauffeur es versäumt hatte, die Kindersicherung des Fondbereichs von der Mittelkonsole aus zu deaktivieren. | Foto: Familie Klein

Beim nächsten Mal denke ich auch vorher daran, die Kindersicherung noch zu deaktivieren, damit Herr K. der örtlichen Presse nicht hinter verschlossener Scheibe zuwinken muß. Denn zwar fiel ihm die Bedieneinheit des Fensterhebers nicht in den purpurnen Schoß (nochmals danke, Herr Kühn!), jedoch war die Schaltereinheit an sich gesperrt. Peinlich, peinlich…

Dennoch ein rundum gelungener Tag mit anschließender Einkehr im Gasthof und meiner ganz persönlichen Vorfreude auf ein noch größeres (Busfahrer)-Lenkrad aus anno 1987 als das Originale meines 1989er 560SEL. Danke, Oli!

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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