Navara + Dr. Z = X?

Fangen wir mal mit dem an, was wir über den mysteriösen Mercedes Pick-Up schon immer zu wissen glaubten.

Erstens: der Daimler verpasst dem Nissan Navarra einen Stern und verkauft ihn anschließend überteuert an Leute, die sich ansonsten auch einen Mercedes Citan andrehen lassen, um in Wahrheit einen Renault Kangoo zu bekommen. Ist doch wahr, oder?

Zweitens: die Produktoffensive, die Mercedes-Benz unter Dr. Z seit Jahren sehr erfolgreich fährt, zieht auf dem zuletzt schwächelnden nordamerikanischen Markt nicht mehr. Was liegt da näher als mit einem Produkt anzugreifen, das amerikanischer nicht sein könnte? War ja klar, oder?

Und drittens: gibt es eigentlich noch ein sinnbefreiteres Auto als ein „Lifestyle“-Pick-Up? Nein! Und nein heißt tatsächlich nein!

Um die Pointe vorweg zu nehmen: außer vielleicht beim dritten Punkt wurden alle meine bisherigen Gewissheiten jäh pulverisiert. Und schlimmer noch: auch und gerade der dritte Punkt wäre für mich sogar ein Kaufanreiz ;-)

Hier ein Rundgang als Smartphone-Video. Unseren Livestream von der Weltpremiere findet Ihr hier.

Kunst statt Klotz

Daimler wählte für die Weltpremiere des „Concept X-Class“ nicht irgendeine Location mit Prollfaktor, sondern lud zu einem mit reichlich Vorträgen und Diskussionen durchgetakteten Nachmittag in das beschauliche Kunstzentrum Artipelag vor den Toren Stockholms.

Ausgerechnet Schweden?! OK, da gibt es hübsche Mädels und ästhetische Architektur, aber sind die ansonsten nicht alle ein bisschen gaga und öko? Schon auf der Fahrt vom Flughafen in die Schärengärten wurde mir klar: Skandinavien ist einer der Primärmärkte für Pick-Ups, und das leuchtet beim zweiten Nachdenken auch ein. Viel Wildnis, viel Ursprünglichkeit, weitläufige Landschaften statt subjektiv wahrgenommenem „Dschungel“ in der Stadt. Wohl noch in 2017 werden hier die ersten „X-Klassen“ auf befestigten und unbefestigten Straßen fahren – lange bevor die Übersee-Märkte den dann möglicherweise „GLX“ getauften Mercedes-Pritschenwagen sehen werden.20161025_190237_hdr

Aber der Reihe nach. Hier mein Gedächtnisprotokoll all dessen, was ich aus den Vorträgen und Gesprächen des Nachmittags in Schweden mitgenommen habe.

Echter „Schwermaschinenbau“ hinter „sinnlicher Klarheit“

Die Leiterrahmenkonstruktion, wie man sie auch von der G-Klasse her kennt, unterscheidet die X-Klasse am deutlichsten von kleineren Pick-Ups auf PKW-Basis. 1,2 Tonnen Nutzlast und 3,5 Tonnen Zuglast setzen sie sogar an die Spitze der Kategorie „mittlere Pick-Ups“.

Das entspricht nicht weniger als einer Zuladung von 4 Kubikmetern Brennholz oder 60 Kisten Bier! Dass es aber nicht allein um „Öl“ (schwedisch für „Bier“) geht, unterstreicht auch der permanente Allradantrieb mit Differentialsperre. Die weite Spur erhöht zudem die maximal mögliche Seitenneigung im Gelände und begünstigt die Horizontierung bei schneller Kurvenfahrt. Konkrete Zahlen zu all dem liegen uns aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor.

Was wir aber wissen: den „X“ wird es ausschließlich mit konventionellen Stahlfedern geben. Das Fahrwerk wurde speziell auf die hohe Nutzlast und die Tauglichkeit sowohl im Gelände als auch auf der Straße abgestimmt. Die neu entwickelte 5-Lenker-Hinterachse kommt dabei ebenso von Daimler wie auch der komplette Triebstrang – zumindest solange auch ein Mercedes-eigener Motor bestellt wurde.

Triebwerke von Renault-Nissan – und von Mercedes!

Zum Zeitpunkt der Markteinführung Ende 2017 sehen wwir unter anderem den bewährten OM 642 V6-Diesel mit 3 Litern Hubraum unter der Haube des „X“ wieder. Denkbar wäre dann also ein „GLX 350 d“ als Typenschild auf dem Heckdeckel – pardon – auf der Ladeklappe.

Die angedachte Motorenpalette umfasst insgesamt sowohl Vier- als auch Sechszylinder-Diesel und -benziner. Ein Achtzylinder ist zunächst nicht vorgesehen, da diese Liga auch eher dem Full-Size-Pick-Up Segment vorbehalten ist, wie man es aus dem US-amerikanischen Markt kennt. Der Clou: dort soll der X erst gar nicht antreten! Doch dazu später mehr.

Das Gros der Motoren und Getriebe steuert der Kooperationspartner Renault-Nissan bei. In den beiden Show-Fahrzeugen, die erkennbar auf Nissan-Navarra-Basis aufgebaut wurden, verrät das u.a. die mercedes-untypische Schaltkulisse, aber auch die (noch) starre Hinterachse, die im Serienmodell durch eine von Mercedes entwickelte, aufwendige 5-Lenker-Konstruktion ersetzt wird.

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C-Klasse auf Stelzen? V-Klasse mit Ladefläche?

Das Interieur lässt sich am besten als eine Mischung aus C-Klasse mit einem Schuss V-Klasse beschreiben. Auf uns haben die Interieurs der Showfahrzeuge durchaus schon einen seriennahen Eindruck gemacht, wenn auch die eingesetzten Materialien wie etwa die Lüftungsdüsen in Chrom-Optik noch eher nach Show als nach Serie anmuteten.

20161025_191809_hdrDie eher boulevardesque Lifestyle-Version kommt im Salon mit offenporigem Holz und Wildleder daher. Die grobschlächtigere „Adventurer“-Version zielt auf den Spieltrieb des Kindes im Manne und weckt Begeisterung mit schrillen Farben, Sichtkarbon und augenzwinkernden Details wie etwa dem beifahrerseitig angebrachten Feuerlöscher.

20161025_191521_hdrWir mögen beides. Den Abenteurer vielleicht sogar ein bißchen mehr als den Boulevardier :-)

Den X wird es übrigens nur mit Doppelkabine geben. Auch das ist ein Ergebnis einer strategischen Marktanalyse. Dem Daimler ist sehr wohl bewußt, dass er das Segment nicht neu erfinden kann. Umso wichtiger ist es also zu wissen, mit welchen Produktmerkmalen man erfolgreich sein kann und welche man lieber der (billigeren) Konkurrenz überlässt.

Den Stuttgartern kann es daher nicht darum gehen, im weitläufigen Segment der „Handwerker-Fahrzeuge“ zu wildern, die meist mit einfacher Kabine und robuster Ausstattung daherkommen. Angesprochen werden sollen vornehmlich klassische SUV-Kunden und solche, die im Pick-Up Bereich bereits zu Hause sind, sich aber ein Fahrzeug mit höchsten Sicherheitsanforderungen und gehobenem Anspruch an Design und Status wünschen, so wie es Mercedes typischerweise bietet. Eben doch mehr PKW als Nutzfahrzeug, daher auch ausschließlich mit viertüriger Doppelkabine.

Mercedes-Benz Concept X-CLASS stylish explorer (rechts) und Mercedes-Benz Concept X-CLASS powerful adventurer (links) // Mercedes-Benz Concept X-CLASS stylish explorer (right) and Mercedes-Benz Concept X-CLASS powerful adventurer (left)

Hat die Welt auf ein Mercedes Pick-Up gewartet? Naja, vielleicht nicht die ganze Welt…

Interessant ist die geographische Strategie von Daimler. Ein jeder verortet diese Fahrzeuggattung wohl vornehmlich in Nordamerika – und dort insbesondere in den USA. Tatsächlich aber wird Daimler zunächst einen Bogen um diesen vermeintlichen Kernmarkt machen. Warum?

In den USA ist das Segment derzeit auf dem absteigenden Ast. Es gibt außerdem kaum Nachfrage nach weniger als „Full Size“ und größtmöglicher Motorisierung. In dieser Kategorie ist der Markt ohnehin bereits mehr als gesättigt. Wo also wird der X antreten?

Uns fiele da die Region China und Asien insgesamt ein, schließlich sind das die automobilen Wachstumsmärkte schlechthin – warum also nicht auch in der Pritschenwagen-Nische? Aber auch hier sieht Daimler keine attraktive Nachfrage nach dem, was die X-Klasse eigentlich verkörpern soll, nämlich ein Pick-Up des gehobenen Premium-Anspruchs. Insbesondere in Asien herrscht aber vorrangig eine Nachfrage nach kleinen und sehr preisgünstigen Fahrzeugen, also eher den kleinen Pick-Ups auf PKW-Basis und mit wenig Anspruch an Design und heimeliger Materialanmutung.

Was bleibt sind also die Märkte Europa, Russland, Südafrika, Australien/Neuseeland und Süd- und Mittelamerika. Insbesondere in Brasilien und Argentinien (in Cordoba wird auch der zweite Fertigungsstandort des Fahrzeugs sein) sieht Daimler die größten Zuwachsraten für das Segment.

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Fertigung in Spanien und Argentinien

Der Großteil der Fahrzeuge wird aus dem Nissan-Werk in Barcelona bedient werden. Von dort aus werden noch 2017 die ersten Serienfahrzeuge für den europäischen Markt ausgeliefert – zunächst ausschließlich mit Diesel-Motorisierungen. 2018 folgt dann der Rest der Welt. Motorenseitig kommen dann auch Benziner hinzu.

Einen Bedarf an Elektro- und Hybridfahrzeugen sieht man in Stuttgart hingegen nicht im Segment der Pick-Ups. Das liegt weniger an der Fahrzeugarchitektur als vielmehr am Nutzungs- und Käuferprofil. Das ist nicht zu kritisieren, denn zunächst gilt es seitens Daimler, Fuß zu fassen in einem heiß umkämpften Markt. Man wird später sehen, inwieweit es auch dort eine Nachfrage hin zu alternativen Antrieben gibt und ob eines Tages ein „EQ Pick-Up“ tatsächlich Sinn machen wird.

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Wieviel Nissan steckt nun drin – und warum überhaupt?

Zum Preis gibt es naturgemäß zu diesem Zeitpunkt noch keine Angaben. Uns wurde signalisiert, dass der X durchaus „wettbewerbsfähig“ notiert sein wird, da man – Premium hin oder her – in sehr umkämpfte Märkte mit bestens etablierter Konkurrenz vordringen möchte.

Möglich wird dies durch die Kooperation mit Renault-Nissan. Bei aller Kritik an Kooperationen dieser Art seinerseits und andererseits aller Euphorie, was die Wachstumsaussichten des Segments betrifft: wir müssen ehrlicherweise einräumen, dass sich die absoluten Stückzahlen eines mittelgroßen Pick-Ups im Vergleich zu anderen Baureihen doch sehr in Grenzen halten werden. Dementsprechend lässt sich unmöglich mit einem weißen Blatt Papier anfangen, wenn andererseits kein Verlustgeschäft forciert werden soll.

Daimler investiert einen hohen dreistelligen Millionenbetrag in das Engineering und baut ansonsten (im Pick-Up Bereich sicher zu recht) auf das Know-How und die bewährten Plattformelemente von Nissan. Eine allzu augenfällige Gleichteilepolitik ist trotzdem nicht zu befürchten. Tatsächlich wird der X deutlich weniger mit seinem Renault-Nissan-Pendant gemeinsam haben als etwa der Twingo mit dem Smart.

Also doch ein „echter Mercedes“?

Das bereits recht seriennah anmutende Showcar aus Stockholm zeigt bereits, dass Daimler viel Wert darauf legt, einen „echten Mercedes“ abzuliefern. Nicht nur optisch, sondern auch technisch. Den X wird es daher auch mit den aus anderen Baureihen gewohnten Assistenzsystemen rundum geben.

Zusätzlich zum Fahrzeug selbst soll auch ein breites Spektrum an Individualisierungsmöglichkeiten und Accessoires angeboten werden. So lässt sich der hintere Fahrzeugaufbau individuell gestalten, und zwar mit Modulen direkt von Mercedes-Benz. Schon in der Grundkonfiguration kommt der „GLX“ in zwei Varianten daher: als Lifestyler-Cruiser für den Stadt-Dschungel und als Abenteurer für abseits der Straßen. Insbesondere das Konzept für letzteren hat uns sehr gefallen.

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Ein Fazit? Nun, gefahren sind wir ihn noch nicht, aber ein bisschen geil finden wir ihn mittlerweile schon. Vielleicht so gar ein ganz kleines bißchen SEHR geil.

Eine erfolgreiche Produktstrategie in einer ansonsten übersättigtem Angebotswelt besteht ja letztlich auch darin, den Kunden auf Dinge heiß zu machen, von denen er vorher gar nicht wusste, dass er sie überhaupt braucht.

Ich gebe es zwar nur ungern zu, aber seit meinen 12 Stunden in Stockholm glaube ich aus tiefstem Herzen, unbedingt auch eine „X-Klasse“ haben zu wollen.

Nun heißt es: abwarten, was in der Serie vom (geilen) Konzept übrig bleibt und wieviel Mercedes-Feeling dann tatsächlich drinsteckt im Pritschenwagen mit Stern.

Übrigens: auf Facebook haben wir live von der Weltpremiere berichtet. Hier könnt Ihr unserer Livestream noch einmal anschauen: https://www.facebook.com/fuenfkommasechs/videos/1193239107388375/

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