Ordnung ist das halbe Leben

Wer als Altmercedesfahrer stets um das Wohl seines metallischen Lebenspartners besorgt in dessen penibel geführtes Wartungsheft schaut, für den bekommt dieser Spruch eine zunehmend brisantere Bedeutung: Ordnung ist nämlich wirklich nur das halbe Leben! Gerade einmal 300.000 Kilometer oder eben ein halbes Mercedesleben sind um, da gehen einem schon die Seiten im „Scheckheft“ aus. Was jetzt? Tacho (nochmal) zurückdrehen?
Wir sind ja sehr für Understatement, aber warum mußte Mercedes-Benz ausgerechnet bei der Lebenserwartung seiner robustesten Baureihen soviel Pessimismus zu Papier bringen? Schluß schon bei 200.000 km? Oder eben 300.000km bei den Modellen nach Baujahr 1988?

Nun, an diesem Problem sind wir aus eigener Dringlichkeit bereits dran. Der Herr Dreikommanull sieht freudig erregt den 275.000km entgegen, meine Wenigkeit ist schon stolz auf schlanke 262.000km und Herr Kühn ist ohnehin schon weit jenseits des kartographierten Kilometerbereichs richtung Mondumlaufbahn unterwegs: gegen 320.000 km mit noch immer erstem M103-Motor. Und aus der 126er-Szene sind Laufleistungen bekannt, die unsere Tachostände gar wie as Ergebnis gelegentlicher Sonntagsfahrten aussehen lassen.

Es stellt sich aber noch eine ganz andere Frage im Zusammenhang mit dem Wartungsheft: wie pflegt man das weiter, wenn einige oder alle Service-Maßnahmen am Fahrzeug sowieso in privater Eigenregie durchgeführt werden? Es zum Altpapier geben? Lachgesichter oder das Haus des Nikolaus mit dem Kuli reinmalen? Den Posteingangsstempel vom Büro dazu mißbrauchen? Danke! Ein eigener Stempel mußte her.
Irgendeinen Vorteil muß es ja haben, wenn man die passende Website zum Fahrzeug betreibt und sowieso gerade deren Logo neu gestaltet hat. Ab damit zum Stempelmacher! Und der hat prompt geliefert:

Die hier behelfsmäßig mit Füllertinte gestempelte Grafik hat ziemlich genau die Abmessungen der Original-Servicestempel.

Die Unterzeile „KUNDENDIENST“ bedeutet dabei keineswegs, daß wir nun neben Glücksspiel und Prostitution ein drittes Standbein als Klassikwerkstatt eröffnen, sondern dient als typographisches Stilmittel für den Wiedererkennungs-Effekt. Wir werden freilich einen Teufel tun und eigenmächtig einen nachgemachten Stern oder Mercedes-Benz-Schriftzug in unsere Wartungshefte stempeln. Hierbei geht es einfach nur um Traditionspflege und gutes Karma für unsere eigenen Liebhaberfahrzeuge, die – so es das Schicksal will – eh nie mehr wieder ihren Besitzer wechseln werden, schon längst aber nach Bedarf gewartet und gepflegt werden.

Man lernt halt dazu und hat sein Lehrgeld bezahlt. Das trifft auf wenige so sehr zu wie auf mich. Das wißt Ihr als Leser schon länger, und ich weiß heute: selbst der Laie unter den Liebhabern wartet sein Fahrzeug wohl häufiger und vielleicht auch gründlicher als es derzeit noch vom Hersteller vorgesehen wäre. Immer vorausgesetzt man hat den nötigen Sachverstand für solche Arbeiten zumindest in Lese- oder Rufweite.

Man kann sagen: genausowenig wie das Seepferdchen bei einem Vorstellungsgespräch ernsthaft thematisiert werden würde, ist ein durchgestempeltes Wartungsheft bei einem weit über 20 Jahre alten Auto noch verkaufsrelevant. Hier geht es immer nur um den Ist-Zustand, denn ein verrosteter Heckscheibenrahmen läßt sich durch regelmäßige Ölwechsel ebensowenig vermeiden wie ein Kolbenfresser. Vielleicht sagt das Wartungsheft aber etwas über die Beziehung seines Besitzers zum Fahrzeug aus. Wer weiß, vielleicht überleben uns unsere Fahrzeuge am Ende noch, und dann ist ein vollgestempeltes Serviceheft ein schönes Gimmick für die Nachwelt.

Der nächste Anlaß zum Stempeln ist schon in Sichtweite: bevor der Winter kommt, steht bei meinem 560 SEL in diesem Jahr noch ein Ölwechsel an. Sofern man wie ich nicht selbst Hand anlegen kann oder will, sollte man diese Arbeit guten Gewissens (sogar auf Rat des Herrn Dreikommanull!) bei Mr. Wash durchführen lassen. Nicht nur der Preis ist unschlagbar und die Drive-In-Methode bequem und schnell, auch das Öl (Shell Helix) samt Mann-Ölfilter sind gute Markenqualität. Der größte Vorteil aber ist, daß das Altöl betriebswarm unten abgelassen und nicht kalt von oben abgesaugt wird. Es leuchtet ein, daß der reinigende Effekt eines Ölwechsels dadurch erheblich gründlicher sein dürfte als beim (schmerzlich teureren) Service in der Mercedes-Werkstatt.

Nur eben einen Eintrag oder gar Stempel von Mr. Wash im Service-Heft zu haben wäre dann doch zuviel des Guten, daher die Idee zu unserer Eigenkreation.

Um jetzt allen Kritikern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: alle sicherheitsrelevanten Arbeiten wie bspw. das Wechseln der Bremsflüssigkeit sollte man weiterhin von einer Fachwerkstatt erledigen lassen. Ich selbst halte dafür sogar noch immer penibel die Wartungsintervalle ein, obgleich dies nicht zwangsläufig TÜV-relevant wäre. Auch in seinem 24. Lebensjahr erhält WDB1260391A488599 die lückenlose Scheckheftpflege, die er verdient.

Stempeln werden wir dabei fortan selber können, und das ist die Hauptsache! Und ja, wir haben richtig einen an der Klatsche. :-)

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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