Viel Wind um Nichts? Ganz im Gegenteil..

Seit den 1970er Jahren ist der Begriff der Aerodynamik für jeden Automobilfan ein geflügelter Begriff, fingen doch seinerzeit die Automobilhersteller damit an ihre neuen Kreationen ausgiebig im Windkanal zu untersuchen und dort Feinschliff an vielen kleinen Details zu üben.

Wir als Freunde der Baureihe 126 wissen aus dem Nichts mit dessen Luftwiderstandsbeiwert cW-Wert von 0,36 zu glänzen, Ende 1979 ein ganz fabelhafter Wert der so für einige Jahre von keinem anderen Serienautomobil unterboten wurde.

Doch warum habe ich mir dieses Thema ausgesucht – ganz einfach, mich erreichten ganz tolle und interessante Fotos die Daimler Classic jüngst veröffentlicht hat. Im Rahmen der Entwicklung des neuen SL (R231) und im Hinblick auf die Historie von 60 Jahren SL hat man es sich nicht nehmen lassen und gleich drei wirklich klassische Fahrzeuge nach modernen Maßstäben auf ihre Windschlüpfigkeit hin zu untersuchen.

Man nahm den Ur-SL Rennwagen (W194), den ersten Serien-SL (W198 I) und als Vergleichsfahrzeug ein Coupé vom Typ 300S (W188). Allen drei Fahrzeugen ist eines gemein: sie waren nie wirklich im Windkanal bzw. standen den Konstrukteuren und Stilisten damals solch moderne Mittel, wie wir sie heute kennen und nutzen, noch nicht zur Verfügung.

Umso erstaunlicher die Werte die zu Tage traten:

  • 0,376  cW-Wert für den 300SL (Ur-SL)
  • 0,389  cW-Wert für den 300SL (W198 I)
  • 0,462  cW-Wert für den 300S (W188)

Zum Vergleich hatte man noch zwei interessante Werte anderer historischer SL-Modelle parat:

  • 0,461  cW-Wert für den 190SL (W121) mit Hardtop
  • 0,515  cW-Wert für den 230SL (W113)

Man muss hierbei wirklich beachten das bis Anfang der 1970er Jahre so gut wie keine realistischen Windkanalerprobungen stattgefunden haben. Es wurden meist nur 1:5 Tonmodelle untersucht, die aber keine realistische Unterbodenströmung darstellen konnten und gar gänzlich auf die Motorraumdurchströmung verzichteten. Besonders kann man das anhand des Ur-SL zeigen. In den 1950er Jahren wurde mittels 1:5 Tonmodell ein cW-Wert von sensationellen 0,25 erzielt. Doch wie weit dieser Wert von der Realität abweichte sieht man nun ganz deutlich!

Unser W126 erzielt ohne heute obligatorische Unterbodenverkleidung (und ohne Motorraum-Teilunterverkleidung) schon einen sehr guten cW-Wert von 0,36. Dies jedoch gilt nur für die Fahrzeuge der ersten Serie, denn was nie wirklich kommuniziert wurde ist, dass Daimler-Benz seinerzeit auch enormen Feinschliff zur MOPF Ende 1985 betrieben hat. Als Maßnahmen seien an dieser Stelle zu nennen:

  • länger heruntergezogene Front- und Heckstoßfänger, Schwellerverkleidungen
  • Aerodynamisch bessere Radabdeckungen oder Leichtmetallscheibenräder
  • Nahtabdichtungen oberhalb der Scheinwerfer (Motorhaube) und zwischen Karosserie und Stoßfänger vorne
  • bündig verbaute Heckscheibe

Diese Maßnahmen führten dazu dass der cW-Wert der Modelle ab 09/1985 auf sensationelle 0,349 gesenkt werden konnte! Wohlgemerkt, dies bei gleichzeitig deutlich verbessertem und erhöhtem Kühlluftdurchsatz (die 560er Modelle forderten ihren Tribut) und um 30% verbessertem Auftriebswert der Vorderachse!

Die cW-Werte im Überblick:

  • 0,41  cW-Wert für die Baureihe W116
  • 0,395 cW-Wert für die SLC-Modelle (C107)
  • 0,36  cW-Wert für die Baureihe W126 (1.Serie)
  • 0,34  cW-Wert für die SEC-Modelle (C126) 1.Serie
  • 0,349 cW-Wert für die Baureihe W126 (2.Serie)

Dies alles sind wirklich beeindruckende Werte, wenn man hierbei bedenkt das seinerzeit nicht die elektronischen Hilfmittel zur Verfügung standen wie heute. Man kann innerhalb recht kurzer Zeit berechnen wie sich eine Dichtung auswirken würde, damals wären dazu mehrere Tage praktische Versuche notwenig gewesen.

Also selbst ein W116 ist meilenweit davon entfernt ein „Wandschrank“ zu sein und auch unsere Baureihe 126 ist heute noch in einem recht guten Mittelfeld unterwegs.

Aber diese über Jahrzehnte hinweg betriebene intensive Forschung trägt mit jeder neuen Mercedes-Generation Früchte. Hier noch ein paar Vergleichswerte:

  • 0,31  cW-Wert für die Baureihe W140 (1.Serie)
  • 0,27  cW-Wert für die Baureihe W220 (1.Serie)
  • 0,26  cW-Wert für die Baureihe W221 (1.Serie)

Eine nicht minder interessante Anekdote noch zum Schluß – der Windkanal im Mercedes-Benz Werk Stuttgart-Untertürkheim ist heute selbst eine historische Einrichtung. Er geht zurück auf die 1930er Jahre und das legendäre FKFS-Institut (Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren Stuttgart) des für Aerodynamik nicht weniger bedeuteten Stuttgarter Professors Wunibald Kamm. Konzipiert wurde er nach sogenannter Göttinger Bauart mit dreiviertel offener Messstrecke. Mitte der 1970er Jahre wurde der Windkanal von Daimler-Benz übernommen und wird auch heute noch intensiv genutzt und immer weiter modifiziert um immer auf dem Stand der Technik zu sein. Der Elektromotor des Windkanals ist 5 Megawatt stark und kann 9.000 Kubikmeter Luftvolumen in Bewegung setzen.

Fotos: ©fuenfkommasechs.de & Daimler AG

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