Zeitdiebe (Klein-Germersheim)

Für meinen kurzen Rückblick auf’s Wochenende (Saisonausklang bei Olli Stork in „Klein-Germersheim“) wäre ich ja allzu gerne so richtig kreativ geworden: das Pisswetter vom vergangenen Samstag hätte mindestens als „himmlische Tränen ob des dräuenden Endes der Schönwetterfahrzeugsaison“ verpoesiert werden sollen, und vielleicht noch mit „Blutstropfen“ auf barolorotem Swizöl-Lack emotionsschwanger illustriert werden können.

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Doch dann kam mir beim Upload der Fotos vom Samstag die reichlich ernüchternde Erkenntnis samt Gallengeschmack, daß die doch gerade neulich erst hochgeladenen Fotos die vom Saison-Auftakt waren. Meine Güte… wer hat an der Uhr respektive dem Kalender gedreht?

Keine Frage, daß der Hundertsechsundzwanziger nicht umsonst das Auto der Zeitdiebe aus „Momo“ ist, aber plötzlich hat man als Zweit-Besitzer eines solchen Fahrzeugs selbst keine Zeit mehr für irgendwas. Ein Sommer verstreicht weitgehend ungehindert – zumindest aus automobilistischer Sicht – und die Krokodilstränen darüber sind sinnlos, denn sie gefrieren in einem übermäßig frühen Kälteeinbruch Mitte Oktober.

Umso schöner, daß es am vergangenen Samstag, den 16. Oktober, doch noch einmal geklappt hat und ich mit dabei sein durfte beim großen Saisonausklang in Oliver Storks neuen Großräumlichkeiten südlich von Bad Offenbach. Vorweg: geil war’s!

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Beginnend mit diesem praktischen Crayford-Kombi der Baureihe 116 (oben) war es auch irgendwie der Tag der rost-, knall-, feuer- oder baroloroten Spielzeugautos!

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Blickfang Nr. 1 für mich war neben dieser schnittigen Coke-Bottle-Corvette oben der aus Japan in sein Herkunftsland zurückgekehrte Stadtflitzer von Willi „Obiana“ Oberhoff unten.

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Der hinter dem Swizöl-Panzer befindliche Lack nennt sich „540 barolorot“, genau wie auch des Herrn Oberhoffs sehr erlesener Blog zum Fahrzeug. Nicht nur, daß der 300 SE schon rein optisch die aromatische Wirkung seines italienischen Patenweines entfacht, neuerdings scheint auch das ehemals graue Lederinterieur in den großzügigen Genuß der Sonne des Piemont gekommen zu sein und ersetzt Ton in Ton die alten, ebenfalls weinroten Stoffsitze.

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Eine handwerkliche Glanzleistung, wie wir finden, und der Bericht zum Umbau ist nicht nur deshalb lesenswert, sondern beantwortet auch eine der großen automobilhistorischen Fragen unserer Zeit: „Wieviele Löcher haben die Sitzmittelbahnen eines Zweitserien-Softledersitzes im W126?“ Die Antwort darauf hinter dem [KLICK]

Daß man in Abwesenheit ganz unverhofft selbst zum Aussteller eines Blickfangs wird, obwohl man das eigentliche Liebhaberfahrzeug zu Hause gelassen hat, stimmt mich seitdem über die Definition von „Liebhaberfahrzeug“ nachdenklich.

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Der red-blaze-chrystal-farbene W211 ist zwar in dieser Darreichungsform ein Exot, aber doch nur ein neumodisches Alltagsauto – und ich habe hier ja nun durchaus oft genug über ihn geschrieben. Daß der aber plötzlich mehr Aufmerksamkeit kriegt als meine nautikblaue Langlimousine scheinbar je hatte, könnte in zwei/drei Jahren zum psychologischen Problem werden, wenn ich den Wagen ja eigentlich wieder verkaufen will. Soll ich den wirklich wieder hergeben???

OlliStork_Saisonausklang_web_006Wie schrieb mir doch der liebe Felix Kühn dereinst (und nicht ganz selbstlos): „Nette Menschen fahren einen roten Mercedes!“. Das hat sich bis heute stets als richtig erwiesen. Einer dieser netten Menschen stammt aus Sindelfingen. Nicht nur daß er als echter Daimler-Mensch und Fahrzeugingenieur alles kann außer Hochdeutsch, noch während unseres langen Gesprächs im Nieselregen am und über den „Roten Baron“ kommt es zu einer dieser Situationen, in denen sich die weite Welt der (Alt-)Mercedesszene als winziges Dorf erweist.

Er erwähnt beiläufig, daß er selbst quasi den Vorgänger meines E 500 besäße. Hah, bei mir fährt grundsätzlich der „Großvater“ aus der Baureihe 124 mit! Ich hole zum Beweis die Ausgabe 4/09 der „Youngtimer“ aus der Pompadourtasche hinter dem Fahrersitz. Auf dem Cover ist ein feuerroter 500 E, seinerzeit bei Porsche gebaut, und quasi legendärer Vorvorgänger meines eigenen Renntaxis. Deshalb habe ich ihn immer bei mir. Der mir namentlich unbekannte Herr grinst und bittet mich, doch mal genau auf das Titelfoto zu schauen und auf den Fahrer des Daimlerporsches zu achten. 1:0 für Sindelfingen!

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Da ich der festen Überzeugung war, der Mann sei im Youngtimer-Artikel ohnehin namentlich erwähnt, habe ich mir gar nicht erst die Mühe gemacht, mir seinen Namen zu merken. Ärgerlich, denn der Eigner des roten Traumwagens bleibt auch in Alf Cremers wunderbarem Text anonym.

OlliStork_Saisonausklang_web_009Jetzt aber genug vom 211er! Weil diese Website ja auch nicht fünfkommafünf.de heißt, sondern sich mit dem „Fünfkommasechs“ der Baureihe 126 befaßt hat und auch noch immer befaßt, und das zunehmend mit interessierter Leserschaft aus dem Ausland, war es uns eine besondere Freude, den wohl treuesten nordamerikanischen Leser von fuenfkommasechs.de einmal persönlich kennen zu lernen. Chris Mills (links im Bild) aus dem wunderschönen British Columbia fährt einen mindestens ebenso wunderschönen 560 SEL in nautikblau-metallic und hatte mir im Dezember 2007 Fotos davon geschickt und die Geschichte des Autos erzähhlt. In diesen Wochen besucht er seinen Freund Felix Kühn (im Bild rechts) in Wuppertal und bereist von dort aus halb Europa und in den nächsten Tagen auch die „Wiege des Automobils“.

Tja, und dann waren da noch die kleinen Fans der Marke an diesem naßkalten Samstag ganz unverdrossen unterwegs und bewiesen, daß man auch ganz ohne Führerschein und Feinstaubplakette Aufsehen erregen kann. Zum Glücklichsein reicht eben manchmal schon eine original Fuchs-Kanaldeckelfelge – und ein kleines Rollbrett darunter :-)

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OlliStork_Saisonausklang_web_003 Und weil auch ein Saisonausklang ein „Schrauberkränzchen“ ist, befreit der Gründer des gelben 126er-Forums und begnadete Schrauber, Markus Wagner, mal eben schnell einen M103 von unerhörter Falschluftannahme. Beeindruckend, wo da überall der Wurm bzw. der Riß drin war! Der zugehörige 300 SE dürfte damit auf jeden Fall wieder deutlich sicherer vor der Austellung auf Olli Storks wahrscheinlich denkwürdigster Besucherattraktion sein: der Nachruf-Tafel.

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Danke, Olli, für die Gastfreundschaft an schöner Location mit vielen sehr interessanten Gästen und bei leckerer Verpflegung! Auf ein Wiedersehen in „Klein-Germersheim“ (© Marc Christiansen) im nächsten Jahr! Wenn die Zeit bei mir wieder so rast, ist morgen schon Saisonauftakt…

Alle Schnappschüsse meines vergleichsweise kurzen Besuchs dort gibt es hier anzuschauen: [KLICK]

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