Wir feiern 34 Jahre Anti-Blockier-System (A-B-S)

Vielen Autofahrern ist heute gar nicht bewusst welche Sicherheitssysteme bereits wie alt sind. Vom Anti-Blockier-System (ABS) spricht heute ohnehin niemand mehr, seit mehr als 10-15 Jahren ist es so gut wie in allen Automobilen bereits Serienausstattung und gerät leicht in Vergessenheit. Doch bis hierhin war es ein langer Weg, ein sehr langer Weg!

Daimler-Benz stellte in einer Presseveranstaltung die vom 22. bis 25. August 1978 ging, der Weltöffentlichkeit die zweite Generation des Anti-Blockier-Systems vor. Veranstaltungsort war wieder die berühmte Einfahrbahn in Stuttgart-Untertürkheim.

Warum ich wieder schreibe? Aus einfachem Grund, denn es gab schon zuvor eine erste Vorstellung, praktisch also die eigentliche Premiere des damals noch als Anti-Bloc-System bezeichneten A-B-S. Bereits am 12.12.1970 wird an gleichem Ort das gemeinsam mit TELDIX entwickelte System der Presse vorgestellt. Die bereits damals recht schnell voranschreitende technische Entwicklung macht es möglich elektronische Steuergeräte zu erschaffen die schnell genug reagieren können um überhaupt ein ABS erst möglich zu machen.

Man präsentierte seinerzeit das System der ersten Generation anhand zweier Mercedes 250C der Baureihe W114 (“Strich-Acht”).

Die Fachpresse war begeistert, zumal damals ein wahrer Innovationsschub in Sachen Sicherheitstechnik in der Luft lag. Aus den USA kam die Forderung nach mehr Sicherheit für Fahrzeuginsassen und das ESV genannte Programm der Amerikanischen Regierung schrieb neue Entwicklungen für experimentelle Sicherheitsfahrzeuge vor.

So kam es auch dass Daimler-Benz in ihre Experimentier-Sicherheits-Fahrzeuge (ESF) standardmässig das neue System verbaute. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Das A-B-S ist vom Aufbau her eine recht simpel anmutende Angelegenheit, doch der Forschungsaufwand der dahintersteht ist unvorstellbar groß. Viele Millionen Kilometer mussten abgespult werden, bevor am Ende ein zuverlässiges System herauskam. Der ursprüngliche Plan bereits Anfang 1975 eine Ausstattung sämtlicher Mercedes-Modelle gegen Aufpreis mit ABS zu realisieren wurde durch die Komplexität und Probleme bei der Produktion recht schnell wieder auf den Boden der Tatsachen geholt.


Im Grunde benötigt man gewöhnliche Brems-Hydraulikleitungen und auch die identischen Bauteile wie bei gewöhnlichen Servobremsen. Hinzukommend jedoch Rad-Drehzahlsensoren, an jedem Vorderrad einen und einen für die Hinterachse. Eine spezielle Hochdruckpumpe die wirklich in der Lage ist innerhalb von Millisekunden den Druckaufbau herbeizuführen und als Herzstück des Systems ein elektronisches Steuergerät. Bei der zweiten Generation ist dies schon recht kompakt ausgefallen.

Im Kombiinstrument informiert eine Warnleuchte den Fahrer über die Betriebsbereitschaft des Systems. Interessant ist hierbei die vornherein im Entwicklungs-Lastenheft vorgeschriebene Anforderung, dass im Falle eines Defekts des ABS die übrigen Servobremsen vollkommen normal weiterfunktionieren sollen und müssen, dann eben nur ohne diesen Blockierschutz.

Der Vorteil von nicht blockierenden Rädern liegt auf der Hand – das Fahrzeug bleibt für jedermann bei einer Vollbremsung beherschbar und die Lenkung vollkommen wirksam. So kann man gleichzeitig voll bremsen und dennoch einem Hindernis ausweichen.

Aber es gibt noch weitere Vorteile, denn selbst der geübteste Fahrer kann bei Regen oder Schnee nicht mehr bremsen ohne dass mindestens ein Vorderrad blockiert und der Wagen nur noch schiebt statt kontrolliert verzögert. Hier spielt ABS ebenfalls voll seinen Vorteil aus – jeder der einmal einen W116 oder W123 ohne ABS bei einer starken Bremsung auf regennasser Fahrbahn kennengelernt hat, der weiß wovon ich hier spreche.

Man erkennt anhand der Fotovergleiche oben sehr schön wie der mit ABS ausgestattete Wagen seine Spur ziehen kann und dennoch verzögert. Es handelt sich dabei wirklich um einen großen Meilenstein in der Sicherheitsentwicklung – heute ohnehin nicht mehr wegzudenken!

Das Anti-Blockier-System der zweiten Generation wurde mit Hilfe von BOSCH entwickelt und war Ende 1978 erstmals für die Limousinen der S-Klasse (Baureihe 116) verfügbar. Unter dem SA-Code 47/0 konnte man für recht hohe 2.293,90 DEM diesen Lebensretter ordern.

Daimler-Benz war damit ein großer Schritt gelungen, zumal es ein Jahr lang dieses System exklusiv anbieten konnte. Erst danach öffnete man mit BOSCH den Patentschutz und ermöglichte so, dass Porsche in seinem 928 und BMW in seiner 7er Reihe ebenfalls dieses System anbieten konnte und es so einer größeren Anzahl an Kunden zu Gute kam.

Erstmals serienmässig verbaut wurde ABS in den V8-Typen der S-Klasse (und ausgewählten anderen Spitzenmodellen der übrigen Baureihen) von September 1985 an, also in den sogenannten MOPF-Modellen der 2.Serie des W126.

Seit Ende 1986 wurde für sämtliche S-Klasse Motorisierungen ABS zur Serienausstattung! Gleichzeitig verbaute man in sämtlichen Modellen die dritte Generation mit nochmals verbesserter Regelgüte und verkleinertem sowie erleichtertem ABS-Regelblock (Hydraulik).

Die Zeitschrift Auto-Moto-und-Sport führte im Jahr 1990 einen großangelegten Bremsentest durch und prüfte dabei auch einen 560SEL, ein Glück für uns, denn so haben wir brauchbare und verifizierte Werte:

Deshalb sollte man ab und an immer mal ein paar Gedanken daran verschwenden welch großer und steiniger Weg in manch technischer Errungenschaft wirklich steckt. Heute bekommt man ja mit jedem Neuwagen sogar noch eine Antriebsschlupfregelung (ASR), einen Bremsassistenten (BAS) und eine Elektronische-Stabilitäts-Kontrolle (ESP) oben drauf. Alles Systeme die auf der Grundidee des ABS basieren – so wird deutlich dass es sich wirklich um einen Meilenstein gehandelt hat und noch immer handelt!

Das zeigt einmal mehr welch Innovationskraft seit über 40 Jahren in den S-Klasse genannten Modellen steckt.

Fotos: ©fuenfkommasechs.de & Daimler AG

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