Es ist die Zeit gekommen Abschied zu nehmen – Danke Elch für die gemeinsamen Jahre (W169)

Tja, das wird für manch einen innerhalb der Leserschaft von fünfkommasechs vielleicht ein mittelgroßer Schock sein, vielleicht aber auch nicht, wir werden es sehen! :-)
Von Luft und Liebe alleine kann man bekanntlich nicht leben und je nach dem wie man sein Leben bestreitet wird man an einem zeitgemäßen und modernen Wagen früher oder später nicht drum herum kommen.
Stichwort: Alltagstauglichkeit gepaart mit Zuverlässigkeit!

Und genauso erging es mir Anfang des Jahres 2008 – ich war gerade wieder innerhalb der Winterauto-Phase die ich mit einem recht desolaten 420SE Baujahr 1988 bestritt, als in mir der Wunsch aufkam ein modernes Auto zu besitzen. Eines an dem man nicht schrauben muss, eines das immer funktioniert und viele schöne moderne Errungenschaften mit sich bringen würde. Zinnober wie mancher das vielleicht nennen würde!

Dank der damals anherrschenden Absatzkrise und allgemeiner Flaute gab es neue Autos mit satten Nachlässen, auch in Stuttgart. Ja und so sah ich mich um… die damals noch sehr neue C-Klasse BR 204 reizte mich, war aber als Jahreswagen irgendwie nicht wirklich erschwinglich und schon gar nicht wenn man eben – so wie ich – die ein oder andere SA besitzen möchte.

Meine Frau Mutter suchte derweil ein kleines Auto für ihre Firma, es musste dennoch variabel sein und ich wollte natürlich für einen Stern sorgen. Also fiel das Augenmerk auf die A-Klasse BR 169.
Lange Rede, kurzer Sinn… es wurde ein A150 Classic Jahreswagen angeschafft. Einzige Extras waren Sitzheizung, Audio20CD und das große Lamelleschiebedach.

Diesen Wagen sollte ich natürlich beim Händler in Süddeutschland abholen! Für die Fahrt dorthin war natürlich klar, dass ich mir nicht irgendein Auto aussuchte, es wurde die neue C-Klasse als C180 Kompressor. Ein ganz schönes Auto.

Nach einigen Stunden endlich angekommen und nachdem alle Modalitäten geklärt waren, saß ich im praktisch nagelneuen (mit nur 6.000Km auf dem Tachometer) A150 meiner Mutter. Mit Radkäppchen und eben recht weniger Ausstattung war es nicht wirklich ein bewegender Moment. Doch das sollte sich auf der Rückfahrt schnell ändern – obgleich nur mit 95PS gesegnet fühlte ich mich nach ca. zwei Stunden Autobahnfahrt fast in einer C-Klasse wieder. Es war verrückt, aber so riesig war der Unterschied zwischen dem fast Nullausstatter-Mietwagen C von vor ein paar Stunden gar nicht. Die A-Klasse fuhr sich wirklich sehr gut.
Die kommenden Tage und Wochen fuhr ich immer mal wieder mit diesem kleinen “Kugelauto” (wegen dem one-box-design der Karosserie) und er gefiel mir immer besser.

Also war der Entschluss auch gar nicht soweit hergeholt, dass ich mich nun nach einer A-Klasse umsehen würde. Natürlich musste es, wenn schon, denn schon, ein A200 sein, handgeschaltet denn diese komische stufenlose Multitronic kannte ich von Mietwagen zuvor, das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Gepaart mit etlichen SAs würde der Elch (wie ihn die Fan-Gemeinde nennt) eine gute Figur abgeben und ein schöner und praktischer Begleiter für den Alltag werden.

Schneller als gehofft klingelte morgens das Telefon und der Händler in Süddeutschland sprach aufgeregt ins den Hörer: man hätte hier einen einmaligen Wagen gefunden, nahezu Vollausstattung und als großer Motor trotzdem handgeschaltet. Ehemaliger Werkswagen der Daimler AG in Stuttgart. Es wurden Datenkarten verschickt, Fotos angefordert und diskutiert und gerechnet – wohlgemerkt, alles am Telefon oder via eMail. Moderne Zeiten eben!

Nach nur 48 Stunden stand fest, ich kaufe diesen Wagen. Bzw. ich werde ihn finanzieren!

Hätte man mich zwei-drei Monate zuvor gefragt, ich hätte laut lachend gesagt, dass ich niemals eine A-Klasse kaufen würde. Doch nun war ich Besitzer eines ganz besonderen Modells.

Hier ein umfassender Einblick auf die Datenkarte des Wagens, eben kein Allerweltsauto:

In Eigenregie nachgerüstet wurden dann noch folgende SAs:

875 – Scheibenwaschanlage beheizt
X00/X20 – designo Nappaleder/Alcantara einfarbig schwarz
W62 – Zierteile Pappel designo-anthazit
286 – Gepäcknetz an Fahrer- und Beifahrerlehne
441 – Höhen- und Längseinstellbare Lenksäule
440 – Tempomat (incl. neuem Gaspedal)
260 – Wegfall Typenschild Heckdeckel
682 – Feuerlöscher montiert

Warum ich diese Geschichte hier jetzt so erzähle? Weil es – wie der Titel schon ankündigt – an der Zeit ist leider wieder Abschied von ihm zu nehmen, vom kleinen aber feinen Stadt-Mercedes.
Insgesamt war er nun 6,5 Jahre in meiner Obhut und hat mich über 75.000 Kilometer durch viele Teile Europas begleitet.

Auch war er es, der den werten Herrn Kollegen Fünfkommasechs so angefixt hatte sich ebenfalls einen neuen Mercedes zu kaufen, was letztendlich im E550 4Matic gipfelte, jenem “Rotkäppchen” genannten Wolf im Schafspelz.

Tja, alles nur wegen eines kleinen Mini-Mercedes der von vielen doch nur belächelt wird. Dies aber völlig zu unrecht! Kein anderes Automobil bietet bei einer Fahrzeuglänge von deutlich unter vier Metern so viel Platz für Passagiere und Gepäck! Der Innenraum besitzt fast identische Maße wie seinerzeit die erste C-Klasse BR 202. Der Radstand ist auch um 10 cm länger als der eines Golf IV – der außen aber gut 40cm mehr Länge mit sich herumschleppt.

Ein größeres Automobil-Magazin betitelte die A-Klasse der BR 169 anlässlich ihrer Einstellung als “Ingenieurs-Mercedes“. Und genau das war bzw. ist sie wohl auch, die A-Klasse der zweiten Generation.

Habe ich eben die Frage nach Rost gehört? Rost an einem Mercedes? Ja leider, da können die Fahrer eines W124 ab Baujahr 1993 (der so genannten ersten E-Klasse), sowie die Fahrer der Baureihen W202, W203 und W210 ein Liedchen von singen. Und auch die A- und B-Klasse BR169 und BR245 (nahezu identische Autos, falls das jemand noch nicht wusste!) blieben nicht von der braunen Pest verschont.

Das Problem ist wieder einmal ein kalkulatorisches – ein pfiffiger BWL-Mensch dachte sich, sämtliche Ingenieure und Produktionsplaner sind blöd. Warum tragen wir nicht direkt auf das nackte und unbehandelte Blech die Nahtabdichtungen auf und lassen die Karosserien erst dann durch die kathodische Tauchlackierung und anschliessende Decklackierung fahren. Das spart doch Zeit und somit Geld im Arbeitsablauf.
Recht hatte der gute Mann – nur hatte er nicht bedacht dass der Lack mit zunehmenden Kilometern rissig wird (bei jedem Auto der Fall!) und durch diese Mikrorisse kann Dank Kapillarwirkung die elastische (kaugummiartige) Nahtabdichtung unterwandert werden und zack haben wir beste Bedingungen für Rost. Da half es dann auch nicht mehr, dass die Karosserie der Baureihe 169/245 über eine 100% Vollverzinkung verfügte.

Bei meinem Elch wurde nach nur 20 Monaten die Rückwandtüre (Daimler-Deutsch für Heckklappe) erneuert und ein dreiviertel Jahr später auch noch die Beifahrertüre. Zudem wurde der Tank entrostet und der gesamte Unterboden kostenlos mit Wachs versehen. Soweit so gut, oder so schlecht. Das leicht ungute Gefühl fuhr deshalb immer mit – aber nichts ist für die Ewigkeit. Auch die BR 123, 126 und 124 rosteten wie verrückt, nur eben nicht innerhalb so kurzer Zeit. Wer es nicht glaubt, der sollte sich mal auf den einschlägigen Plätzen der Mercedes-Schlachter umsehen. In Rödermark bei Frankfurt könnte ich einen empfehlen – nein, nicht nur wegen der Rost-Exkursion, sondern auch für das ein oder andere Ersatzteil für euren Alt-Mercedes!

In guten wie in schlechten Zeiten stand der Elch zu mir und ich zu ihm, doch irgendwann ist bei einem Alltagsauto auch mal Schluss. Dieser Moment steht uns jetzt kurz bevor, noch ein paar Wochen…

Und was kommt nun? Tja, ich habe mich 32 Jahre nach der Präsentation für einen 190er entschieden, aber nicht irgendeinen, ein 190E 2.3 SPORTLINE musste es schon sein.

Nur die Baureihe ist nicht identisch, es ist kein BR 201, sondern das aktuellste Modell. Darüber werde ich demnächst das ein oder andere Mal berichten – der Zwokommafünf wird festes Familienmitglied bei fünfkommasechs werden.
Trotzdem gehört mein Herz (auch) weiterhin den alten Mercedes-Fahrzeugen und mein 300SE bleibt auch weiterhin bei mir, aber für den Alltag möchte etwas Neues haben, mit dem letzten Stand der Technik.. wie seinerzeit schon.

 

Danke Johannes für das kleine Foto-Shooting zur Erinnerung an den Elch!

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