Alles Pirelli!

Der Hundertsechsundzwanziger ist ja auch ein Teil europäischer Geschichte. Nur so ist es zu erklären, daß uns gerade seine südlichen Regionen heute vermehrt Anlaß zur Sorge bieten. Der Bereich achtern der langen Fondtüren beherbergt gleich mehrere heikle Punkte seiner sonst über jeden Zweifel erhabenen Karosserie. Heckscheibenrahmen, Radläufe und Kofferraumulden sind übliche Verdächtige beim Gebrauchtwagencheck einer Alt-S-Klasse, denn hier gammelt sie verschämt im Verborgenen.

Es war Zeit, auch bei meinem ’89er 560 SEL nochmal gründlich hinzuschauen. Wo in der Politik großzügig Rettungsschirme gespannt werden können, damit kein Tageslicht mehr an die Sache kommt, sucht der Schrauber schonmal nach dem Winkelschleifer. Denn Griechenland ist überall, neuerdings auch in meiner rechten Kofferraummulde. Seit sich dieses Bild in meinem Bewußtsein eingebrannt hat, steigerte ich mich in eine irre Panik vor weiteren unangenehmen Entdeckungen. Portugal im Radkasten? Spanien unterm Heckstoßfänger? Was würde mich noch erwarten?

Die erste gute Nachricht ist, daß die Demontage des Heckstoßfängers selbst für Geschicklichkeits-Legasteniker wie mich eine Sache von vielleicht fünf Minuten ist. Die geistige Anforderung ist überschaubar, die vier großen Muttern im Kofferraum zu lösen. Und auch die körperliche Anstrengung hält sich in Grenzen, wenn man den Stoßfänger dann vorsichtig nach hinten abzieht. Doch aufgepaßt: wenn man ihn nicht am Masseschwerpunkt (Gummipuffer) zu greifen kriegt, können sich die Flanken

plötzlich nach oben drehen und die hinteren Kotflügel verkratzen.

Nachdem der untere Heckbereich frei lag und ich tatsächlich nichts dabei verkratzt hatte, ergab sich die zweite und wichtigere gute Nachricht des Tages: es ist ringsum keinerlei Rost erkennbar!

Dreck? Ja! Der übliche Flugrost an den Auspuff-Endrohren? Ja! Aber es zeigen sich auch nach Reinigung und weiterer Demontage der Heckleuchten weder Gammel noch irgendwelche verdächtigen Stellen. Die große Apokalypse, die ich mir in den letzten Tagen in den herrlichsten Rot- und Brauntönen ausgemalt hatte, blieb gottseidank aus – und das am Tag des vorausgesagten Weltuntergangs!

Darf man einer Diva so ungeniert auf den nackten Hintern starren? Nach einer knappen Viertelmillion Kilometern und einem knappen Vierteljahrhundert seit ihrer Geburt sei es uns gestattet, daß wir uns über einen so makellosen Knackarsch freuen dürfen. Selbst Cher wäre neidisch!

Dennoch bestand Handlungsbedarf. Im Bereich des rechten hinteren Kotflügels hatte das stolze Sternenschiff unter dem Kommando seines alten Kapitäns wohl mal einen direkten Treffer gefangen. Von außen ist die Reparatur kaum erkennbar, und samt leidlicher Teillackierung hinreichend gut durchgeführt worden. Von innen aber bietet sich dem Betrachter ein Ensemble aus originell übereinandergeschweißten Blechen, überzogen mit einer nahrhaften Suppe aus gelbem Hohlraumwachs. Rostschutz ist also reichlich vorhanden, aber für die Rostvorsorge wurde seinerzeit ein wichtiges
Detail übersehen: durch das Reparaturblech in der Unterseite des rechten Kotflügels hätte ein Loch für den Wasserablauf vom Schiebedach gebohrt werden müssen, um Feuchtigkeit außerbords zu führen.

Foto links: oberhalb der ovalen Zwangsentlüftung fehlt seit einer schlampigen Unfallreparatur im Auftrag des Vorbesitzers die Durchführung eines Gummischlauchs, so wie man sie unten an der Pobacke erkennen kann

Stattdessen mündet das lose Ende dieses Schlauchs seit Jahren im Inneren des Kofferraums und hat dort für Dauernässe und in der Fahrgastzelle für ein feucht-muffiges Klima gesorgt. Unten in der Kofferraummulde hat sich außerdem eine Pampe aus Wachs und Rost abgesetzt, und wenn man sich an der Ablaufrosette ganz unten in der Mulde zu schaffen macht, knirscht es verdächtig…

Anschein und Haptik führen zu einem niederschmetternden Befund: die Kofferraummulde kann wohl nur durch Abschleifen des Rosts und gründlicher Behandlung mit Fertan überhaupt noch gerettet werden! Und natürlich muß endlich der Wasserablauf nach außen verlegt und dazu der Kotflügel angebohrt werden.

Davon unabhängig lagen bereits neue Dichtungen für das Schiebedach, die Heckleuchten und die automatische Antenne bereit. Als dann auch noch der Herr Christiansen aus dem tristen Köln im sonnigen Hanau eintraf, stand der Teilsanierung des südlichen Fahrzeugbereichs nichts mehr im Wege!

Leistungssport für Leute wie mich, die schon beim Binden ihrer Schnürsenkel morgens blau anlaufen

Mit zwei Bier und einem mulmigen Gefühl im Bauch, dem Herrn “Dreikommanull” samt Kamera im Nacken, und einem 36 Euro teuren Bohraufsatz für Karosseriebleche am Apparat machte ich mich ungelenk ans Werk und verpaßte der nautikblauen Diva prompt ein Piercing in ihre rechte Gesäßhälfte. Ein Loch ins Liebhaberfahrzeug zu bohren ist ein echter Nervenkitzel! Ich mußte im Laufe des Samstagnachmittags noch drei weitere Bier zu mir nehmen, denn kein Alkohol ist in solch emotionalen Ausnahmesituationen auch keine Lösung…

Das Bohrloch wurde anschließend mit dem Dremel entgratet, mit Zinkspray und Permafilm versiegelt und der Ablaufschlauch paßgenau durchgeführt. Nun war es an der Zeit, den unteren Bereich der Mulde zu reinigen und auf etwaige Rostnester zu untersuchen.
Sehr zu unserem Erstaunen löste sich das vermeintliche Durchrostungsproblem schon rasch in Freudentränen auf – bzw. in einen Haufen klebrig-dreckiger Küchenrollenknäuel. Mit denen hatte ich nach und nach die Kofferraummulde ausgewischt, bis alles sauber und nichts mehr von der krustig-braunen Pampe übrig war. Und darunter? Weitgehend intaktes galinitgrau!

Offensichtlich hatten die Rostablagerungen also nur aus losen Metallspänen bestanden, die möglicherweise noch ein Abfallprodukt der schludrigen Unfallreparatur damals gewesen waren. Scheinrost sozusagen!

Aber um die Ablaufrosette hatte es doch geknirscht? In der Tat: beim Herauspopeln des Gummiteils lösen sich im Inneren blättrige Stücke und fallen nach unten. Bei genauerem Hinsehen findet sich aber auch hier keine Spur von Rost: das Knirschen und der Blätterteig erklärten sich aus der Tatsache, daß alles – auch dass Gummistück – mit Unterbodenschutz überzogen war, der nun davon abplatzte. Das freigelegte Metall rund um den Muldenablauf war tatsächlich intakt und rostfrei, und auch die Gummirosette noch elastisch und damit problemlos weiter verwendbar.

Nach Reinigung dieser Teile aus beiden Kofferraummulden und einem beidseitigen, satten Anstrich mit Permafilm rund um die Ablauföffnungen hatte sich also eine weitere Sorge verflüchtigt und der Rostvorsorge ward genüge getan.

Der letzte Prüfpunkt des Tages waren die Zwangsentlüftungen in den Kofferraummulden. Leider zerbarst der spröde Plastikrahmen der rechten Klappe beim Herausnehmen, und auch die Dichtung war hinüber. Hier ist also beidseitig Ersatz fällig. Bis auf weiteres verschlossen wir die rechte Zwangsentlüftung provisorisch mit Panzertape.

Die beidseitigen Zwangsentlüftungen im Heck sind Schlußpunkt des ausgeklügelten Innenraum-Luftführung. Staudruck aus dem Fahrgastraum hebt die federleichten Membrane der Zwangsentlüftungen nach außen an und läßt die verbrauchte Luft hinter die Stoßfänger entweichen. Bei Unterdruck verschließen die Membrane die Öffnungen und dichten so den Kofferraum vor Umwelteinflüssen ab. Mehr darüber hier:[KLICK]

Ganz sorglos sein kann ich jetzt natürlich trotzdem nicht. Rund um die Entlüftung rechts hatte sich tatsächlich schon “Flugrost” abgesetzt und wird im Nachgang mit Fertan gekillt werden müssen. Sind die Hohlräume der Karosserieträger sowieso schonmal zugänglich, kann eine ordentliche Ladung FluidFilm – per 360° Sonde injiziert – nie schaden.

Hohlraumwachs mit Duftnote “Schafspipi” wird in die Quertraverse hinter dem Stoßfänger eingebracht. Rechts liegt die geborstene Klappe der steuerbordseitigen Zwangsentlüftung

Und auf jeder To-Do-Liste ganz oben stehen sollte ohnehin die Dichtung der Heckscheibe. Die gehört nach mehr 20 Jahren schon rein prophylaktisch getauscht, sodaß man gleich auch den Heckscheibenrahmen genauestens unter die Lupe nehmen kann. Gerade dort blüht der 126er gerne still und heimlich vor sich hin, bis es oft schon zu spät ist.

Denn erst im fortgeschrittenen Stadium merkt es auch der Laie, wenn es uner der Scheibe zu bröseln beginnt, das Verbundglas von den Rändern her Wasser zieht und milchig wird. Das ist dann ist ein typisches Alarmsignal bei “verwohnten Verbrauchswagen”.

Beim Thema Ablaufschlauch und feuchter Kofferraum stellen sich dem aufmerksamen Leser jetzt wohl noch zwei essentielle Fragen. Erstens: von wo aus kommt das Wasser eigentlich in den Schlauch? Und zweitens: was macht der Herr Christiansen eigentlich die ganze Zeit, während Herr Schlörb hart arbeitet? Dieses Foto gibt Aufschluß:

Mit geübter Hand und einem Teflonkeil bewaffnet wird meine neue Schiebedachdichtung fachgemäß installiert. Eine meist zeitraubende Frickelei bis alles sitzt. Hier lag bislang auch der Ursprung für das eingedrungene Wasser. Die verhärtete und teilweise sogar überlackierte Dichtung ließ bei jeder Autowäsche und jedem Nieselregen reichlich Feuchtigkeit durch, welche dann durch den Wasserablauf in den Kofferraum wanderte, dort wiederum vedunstete und sich des Nachts unter dem Heckscheibenrahmen als Kondenswasser wieder sammelte.

Die neue Dichtung mit samtiger Oberfläche und per (Frauen)Hand aufgebrachter Teilenummer werde ich auf Marcs Empfehlung in den nächsten Tagen bei geschlossenem Schiebedach erst einmal sich setzen lassen müssen.

Das alles sieht aber schon jetzt nach sauberer Arbeit aus. Ein Augenschmaus!

Weitere potentielle Stellen für unerwünschten Wassereinbruch sind die Schaumstoffdichtungen der Heckleuchten. Beim Tausch fiel mir auf, daß die Dichtung auf Backbordseite bereits gerissen und im Inneren feucht war. Bingo!

Tja, und last but not least gibt es noch den Dichtring der automatischen Antenne als möglichen Verursacher für Feuchtigkeit im Kofferraum. Auch den hatte ich auf Marcs Anraten (und dank seines zuverlässigen Teilenummern-Service) schon vor einer ganzen Weile bestellt. Am Samstag konnte er also auch endlich mit verbaut werden – und zwar vom Meischter™ höchst selbst.


Und weil die Neugier grenzenlos ist, kann man bei dieser Gelegenheit ja auch gleich mal das Gehäuse der automatischen Antenne öffnen, um nach dem Befinden des Teleskops samt Mechanik zu schauen. Dabei zeigt sich eine kleine Überraschung.

Selbst der winzige Antriebsriemen im Gehäuse der automatischen Antenne einer S-Klasse ist nicht irgendein Allerweltsprodukt, sondern ein Marken-Antriebsriemen von Pirelli!

Passend zur Erstausstatter-Bereifung der S-Klasse, denn aus der Ersatzradmulde lacht uns noch der originale P600 an.

Wir halten fest: kein Griechenland in der Kofferraummulde, kein Portugal im Radkasten und auch kein Spanien unterm Heckstoßfänger… dafür aber Italien in der Ersatzradmulde und sogar in der Radioantenne!

Herr Christiansen ließ es sich denn auch nicht nehmen, die Teleskopseele der Antenne freizulegen und neu zu fetten, auch wenn er dafür ein nervenaufreibendes Geduldsspiel beim Wiedereinfädeln über sich ergehen lassen mußte. Mit der Pedanterie kommt eben auch der Masochismus – aber die Antenne und ich danken es ihm!

Haben wir noch was vergessen? Ach ja, neben der Chirurgie kommt bei solchen Anlässen auch die Kosmetik nie zu kurz. Es war mal wieder Zeit für eine erfrischende Schicht Spezial-Pflegelotion für die Türgriffe ringsum, und auch eine Runde Original-Schließzylinderöl vom Daimler gab der Herr Christiansen meinem Boliden aus! Es sind die kleinen Dinge, die einer Diva Freude machen, zumal wenn man ihr kurz zuvor noch den Hintern durchbohrt hatte…

Tiefschwarz werden sie nicht mehr, und das müssen sie auch nicht, denn sie waren es nie. Aber gegen stark ausgeblichene und bereits kristallisch glitzernde Türgriffe wirkt dieses Zeug wunder. Hin und wieder dünn aufgetragen, zieht es in die Oberfläche ein und verjüngt die Optik spürbar

Am Ende dieses Weltuntergangs-Samstags war der nautikblaue Sternenkreuzer also wieder ein ganzes Stück besser vor selbigem gefeit. Auch Gewitter und Wolkenbruch durften kommen, denn das neuerdings mit feinem blauem Velours ausgekleidete Gepäckabteil würde ab jetzt trocken bleiben.

Die Bewährungsprobe dafür kam schon tags darauf am Sonntag. Während ich ja bislang jedem Regentropfen durch rasche Lenkbewegungen einzeln ausgewichen war und wohl auch so mein Lenkgetriebe gehimmelt hattte, gleiteten wir während einer sonntäglichen Ausfahrt nunmehr schnurstracks durch jede Regenwolke, die wir finden konnten. Und wir erfreuten uns dabei an den vielen schönen Wasserperlen auf dem langen Vorderdeck, die der frühsommerliche Fahrtwind dank TechWax mühelos achtern trieb, wo sie sich mit dem Kielwasser des Sternenkreuzers verwirbelten.

Endlich wieder herrschaftliches Reisen mit trockenem Hintern – ohne Rettungsschirm und Durchrostungs-Para!

Doch eine bittere Lehre bleibt am Ende dieses sonst perfekten Wochenendes: der feiste Daimlerfahrer mitte Dreißig sollte an schwülwarmen Nachmittagen bei körperlicher Anstrengung und auf nüchternen Magen auch ausreichend trinken – aber besser Wasser und nicht bloß fünf Bier mit Limettengeschmack…

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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