Batmobile aus Sindelfingen – die Designstudie “Concept IAA” von Mercedes

Mercedes selbst nennt die jüngste Designstudie die am Montag Abend auf der Media-Night in der Festhalle der Messe Frankfurt ihre Weltpremiere feierte, “Digitaler Transformer” oder mit direktem Namen “Concept IAA“. Wobei hier IAA nicht direkt für die größte Automobilmesse der Welt steht, sondern vielmehr für “Intelligent Aerodynamic Automobile“.

Ich persönlich würde es eher als Batmobile aus der Zukunft bezeichnen!IAA_Design2IAA_Design3

Dahinter bzw. darunter steckt ein äußerst spannendes Fahrzeug – die Basis bildet ein W222, also eine aktuelle S-Klasse, deren Radstand um gut sechs Zentimeter gekürzt wurde. So kommt das Conceptcar auf eine Gesamtlänge von 5.04 Meter (bzw. 5.43 Meter im so genannten Aerodynamikmodus). Der Radstand beträgt rund 2.98 Meter, ebenfalls rund sechs Zentimeter weniger als bei der S-Klasse. Die Breite ist im Vergleich zum Ausgangsfahrzeug um sagenhafte 10 Zentimeter angewachsen und die Höhe um gut 18 Zentimeter verringert worden.
Hierdurch entstehen die unglaublich harmonischen Proportionen des Conceptcars- doch seht selbst:IAA_Design4IAA_Design5Das beeindruckende bei dieser zwar futuristischen aber durchaus realisierbaren Stilistik des Fahrzeugs, der sensationell geringe Luftwiderstandsbeiwert von cw 0,19.
Damit spielt das Conceptcar in einer Liga mit den Rekord- und Rennfahrzeugen der Vergangenheit, um nur ein paar Beispiele aufzuzeigen – der Rekordwagen der Saison 1936, der Mercedes-Benz W25 zum Beispiel. Dessen cw-Wert entsprach 0,235.

Der Diesel-Rekordwagen C 111-III von 1978 wird konsequent aerodynamisch optimiert. Das Fahrzeug ist schmaler als seine Vorgänger, es hat einen längeren Radstand, eine Vollverkleidung der Räder und ein lang auslaufendes Heck. So wird der cw-Wert des C 111 auf 0,183 gesenkt.IAA_Design7„Das ‚Concept IAA‘ setzt die Reihe unserer visionären Concept Cars fort. Die Symbiose aus begehrenswerten Formen, die intelligent Aerodynamik inszenieren, ist Ausdruck unserer einzigartigen Mercedes-Benz Designphilosophie.“ Gorden Wagener, Leiter Design Daimler AG IAA_Design6Im Grunde beherbergt das Conceptcar zwei Fahrzeuge in einem. Eine Designskulptur und einen Aerodynamikweltmeister. Entweder auf Knopfdruck oder automatisch ab einer Geschwindigkeit von 80 km/h verwandelt sich das Fahrzeug vom “Design-Modus” in den “Aerodynamik-Modus“. Durch diese Transformation verbessert sich der cw-Wert von 0,25 auf 0,19. Ein neuer Weltrekord für einen viertürigen Viersitzer. Die Stirnfläche A beträt 2,16 m².

Die aktiven Aerodynmik-Maßnahmen im Überblick:
  • Die Frontflaps im vorderen Stoßfänger vor den Radkästen fahren 25 Millimeter nach außen und 20 nach hinten bis zur Hinterkante der Radsichel. Dadurch wird die Anströmung der Räder beziehungsweise die Überströmung der vorderen Radhäuser erheblich verbessert.
  • Die Lamelle im vorderen Stoßfänger fährt 60 Millimeter nach hinten und verbessert das Einströmen in den Unterboden.
  • Die Aktiven Felgen verändern mit Hilfe der Fliehkraft ihre Schüsselung von 55 auf 0 Millimeter und werden damit vom sportlichen 5-Speichen-Rad zum aerodynamisch vorbildlichen, vollflächigen Scheibenrad.
  • Die um bis zu 390 Millimeter ausfahrbare Heckverlängerung sorgt im Zusammenspiel mit dem Diffusor dafür, dass die Strömung weiter eingezogen wird und sich hinter dem Fahrzeugheck ein wesentlich kleineres Nachlaufgebiet ausbildet. Dadurch wird der Luftwiderstand erheblich reduziert. Die Heckverlängerung im „Boat-Tail“-Design besteht aus acht Segmenten aus CFK in Sandwich-Bauweise, die geschlossen einen Ring ergeben.

IAA_Design_WindkanalZahlreiche weitere Optimierungen tragen zum guten Abschneiden im Windkanal bei. Hier wären u.a. die nach außen hin bündigen Seitenscheiben zu nennen (mit Alubeam-Lack im Siebdruckverfahren lackiert um die Sonneneinstrahlung zu reduzieren), oder aber der Verzicht auf Außenspiegel und herkömmliche Türgriffe. Zudem beträgt der Bodenabstand lediglich 10 Zentimeter.
Wie bereits bei der neuen C-Klasse in der Exterieur-Line “Exclusive“, verfügt auch das Showcar über eine aktiv gesteuerte Kühlerjalousie. Bei niedrigen Anforderungen an die Kühlleistung werden die konzentrischen Lamellen im Kühlergrill geschlossen, damit die Luft nicht mehr durch den Motorraum strömt. Die Grundbelüftung erfolgt dann maßgeblich über den Mercedes Stern und die Kühlluftöffnung im Stoßfänger.

Entwickelt wurde der Aerodynamik-Weltmeister zunächst mit Hilfe der numerischen Strömungssimulation. In rund einer Million CPU-Stunden simulierten die Aerodynamik-Experten von Mercedes den Strömungsverlauf und rechneten dabei rund 300 Varianten durch.
Dieser Aufwand entspricht in etwa der Entwicklung eines Serienmodells.
Anschließend erfolgte der Feinschliff im Windkanal in Sindelfingen – auch das eine Parallele zur Serienentwicklung.

Allerdings beeindruckt dieses Conceptcar nicht nur durch seine äußeren Werte, nein auch im Innenraum setzt man hier auf fließende Linien, hochwertige Materialien und touchbasierte Bedienung.
Der Innenraum setzt die gestalterische Linie von S-Klasse und S-Klasse Coupé fort und gibt zugleich einen Ausblick auf das Interieur einer Businesslimousine der nahen Zukunft. Geschwungene Formen, fließende Linien, sorgfältig ausgewählte, hochwertige Materialien sowie die touchbasierte Bedienphilosophie sorgen hier für hohe Funktionalität.IAA_Design_innen1Die insgesamt acht Luftdüsen sind bei Swarovski im Auftrag entstanden und ein wahres Kunstwerk aus Glas. Dieses authentische Material bietet eine unnachahmliche Tiefenwirkung, mit vielen Reflexionen. Untermalt werden sie durch eine Ambientebeleuchtung in einer spannungsreichen Kombination aus Blau und Rot.

Das Kombiinstrument besteht aus zwei nebeneinander angeordneten, jeweils 12,3 Zoll großen Bildschirmen. Die Displays sind flächenbündig hinter Glas angeordnet, das Glas besitzt geschliffene Kanten und eine umlaufende Aluminiumfase. Die Gläser sind alle gebondet, das heißt, der minimale Spalt zwischen Frontglas und Folie wird in der Produktion mit einem transparenten Kleber gefüllt, was für eine wesentlich bessere optische Qualität und höhere Robustheit der Bildschirme sorgt.IAA_Design_innen2IAA_Design_innen3Die Mittelkonsole besitzt ein Zierelement aus dreidimensional gebogenem Glas, in das ein Touchdisplay integriert ist. Dort werden die Klimafunktionen und Sitzeinstellungen bedient und es gibt Einsprungtasten für die verschiedenen Bedienmenüs. In einem neuen Menü können die aerodynamischen Elemente des Exterieurs gesteuert werden. Direkt darunter befindet sich das frei schwebend auf einem Sockel angeordnete Touchpad zur Menüsteuerung der Headunit.

Das Zweispeichen-Lenkrad ist eine progressive Weiterentwicklung der Mercedes-Benz Lenkrad-Philosophie. Die offene Struktur seiner Horizontalspeichen ist sehr filigran ausgeführt und visualisiert so das Thema intelligent-eleganten Leichtbaus. Außerdem setzt es auf touchbasierte Bedienung und bietet so ergonomisch perfekt viel Funktionalität auf kleinstem Raum: Mit OFN-Buttons (Optical Finger Navigation), die analog dem Touchpad in der Mittelkonsole schwebend in die Bedieninseln eingebettet sind, lässt sich durch die Menüs des Kombiinstruments scrollen. Mit dem linken OFN-Button wird das linke Display gesteuert, mit dem rechten das rechte. Die seit vielen Jahren von Mercedes-Benz verfolgte Bedienphilosophie „Hände am Lenkrad, Augen auf der Straße“ wird so brillant einfach und konsequent umgesetzt.IAA_Design_obenAlles in allem eine wirklich beeindruckende Studie die Elemente eines möglichen neuen “Über-Coupés” auf Basis der kommenden S-Klasse Generation vorwegnimmt – vielleicht sehen wir bei der nächsten Generation W223 ein viertüriges Coupé, angesiedelt oberhalb der S-Klasse Limousine und anstatt eines klassischen S-Klasse Coupés. Diese zweitürige Variante verkauft sich nämlich nicht weltweit, in den USA und China zum Beispiel nur recht wenig bis gar nicht.

Einige der Designelemente des Interieurs werden wir auch schon bald in der neuen E-Klasse BR 213 wiederfinden – u.a. Teile des hier gezeigten neuen Bedienkonzepts.

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