Kühlersterne, Kabeljau und ein grüner Kugelfisch aus Japan: unser folgenschwerer Tag auf der Bremen Classic Motorshow

Messe BremenWas tut man, wenn man freitags recht spät aus dem Büro kommt und pünktlich zum Wochenende alle Anzeichen einer Erkältung inklusive Schüttelfrost entwickelt? Man stellt sich für 5 Uhr früh den Wecker, schläft bis dahin schlecht, frühstückt ein/zwei Grippostad, steigt ins Auto und fährt von Hanau über Köln ins naßkalte Bremen, um mit dem ebenfalls vor sich hin röchelnden Kollegen Marc “Dreikommanull” Christiansen durch zugige Messehallen und über eine eisige Fahrzeugbörse zu flanieren.

Was sich in der Einleitung wie ein Horrortrip liest, war rückblickend ein wunderschöner Tag, und eben deshalb war er folgenschwer: wir kommen nämlich höchstwahrscheinlich wieder! Denn egal wie sehr die Lunge pfeift und die Nase läuft: mit einem Besuch auf der Bremen Classic Motorshow als die erste große Klassikermesse im Jahr darf die Wintersaison formell für beendet erklärt werden. Die Erkältungszeit demnach aber auch.

Für uns beide ist das Altmetallgucken an der Weser eine Premiere. Wenn man die Retro Classics im Süden und die Techno Classica im Westen schon kennt, erwartet man von der Classic Motorshow im von uns aus betrachtet äußersten Norden keine so signifikante Steigerung mehr, als daß es die genußvolle Verbrennung von gut 165 Litern SuperPlus rechtfertigen würde.

Immerhin geht es ja tatsächlich bis nach Nordeuropa und zurück, denn die BCM ist diegrößte Oldtimermesse Nordeuropas [sic!].

Im direkten Vergleich zur Techno Classica im nur zweieinhalb Autostunden entfernten Essen (Westeuropa) mit über 180.000 Besuchern ist sie mit gut einem Fünftel davon noch angenehm überschaubar. Und sie verströmt dabei ein ähnlich entspanntes Flair wie die Retro Classics in Stuttgart (Südeuropa, 65.000 Besucher). Es sollte also auch uns als Mitteleuropäer nicht schwer fallen, die Bremen Classic Motorshow auf Anhieb ins Herz zu schließen. Und so war es dann auch!

Kleinschnittger Mein (“Fünfkommasechs“) ganz persönlicher Luxus bei solchen Trips ist es, einen interaktiven Audioguide an meiner Seite zu haben. So freue ich mich bspw. in Halle 6 über das kleine Kinderauto dort und erfahre unaufgefordert von Herrn Dreikommanull, der dazu nicht erst irgendwelche Erklärtafeln anschauen muß, daß es sich hierbei um einen Kleinschnittger handelt, der noch vor dem W194 einen Direkteinspritzermotor besaß! Ich bin aufrichtig verblüfft, schaue auf den winzigen Motor mit noch winzigerem Auspuffröhrchen und kann dann immerhin sachkundig ergänzen, daß der Flügeltürer von Mercedes dafür mehr PS hatte. Es ist das große Verdienst des Herrn Dreikommanull, daß er angesichts von so viel Expertise nicht frustriert die Segel streicht.

Weiter geht’s zu Porsche, wo ein 928er unsere Neugier weckt. Die faszinierende Zuffenhausener V8-Flunder ist in einem wesentlichen Punkt baugleich mit dem W126, sagt Herr Dreikommanull. Tatsache: am Stand wird uns bestätigt, daß hier das gleiche Wandlergetriebe verbaut ist. Allerdings – und soviel wußte ich sogar auch – sitzt die Getriebeglocke im Heck, denn der 928 ist wie der 924, 944 oder 968 ein Transaxle-Porsche.

Porsche 928 mit 126er-Wandlerautomatik in Transaxle-Bauweise

Porsche 928 mit 126er-Wandlerautomatik in Transaxle-Bauweise

Bei einem anderen Porsche mußte ich dann wieder passen: warum hat der gelbe Targa eine Klappe hinten rechts, fragt mich der rotblonde Günther Jauch der Almetallszene an meiner Seite. Ohne auf die vier Antwortmöglichkeiten zu warten antworte ich schlau: zum Tanken!

Öleinfüllklappe am 911er Targa

Frühe 911er-Version mit Öleinfüllklappe, die zu reichlich Mißverständnissen geführt haben soll

Falsch, denn die Tankklappe ist vorne links. Die zusätzliche Klappe hinten birgt den Öleinfüllstutzen, was nicht nur bei mir zur Verwirrung, sondern vor allem bei vielen Fahrerinnen (darf man so sexistisch sein?) massenhaft zur Flutung des Motors mit Benzin geführt haben soll, sodaß die Klappe dann auch alsbald wegfiel. Eine ganz ähnliche Geschichte wie bei der kreisrunden Turbolader-Lufthutze am frühen Smart fortwo. Dazu dieses nicht ganz ernstgemeinte Video von und mit Carsten van Ryssen, über das hoffentlich auch unsere Lerserinnen schmunzeln können.

Ex-560er-Pilot Jochen Mass

Einige Meter weiter hat sich derweil zwischen legendären Rallye- und Langstreckenrennwagen eine Menschentraube um drei Herren gebildet, die mit Mikrofonen bewaffnet ein immer wieder durch Messedurchsagen unterbrochenes Benzingespräch führen. Den einen erkenne ich sofort: mein ehemaliger Chauffeur, der sich auch früher schon als Berufskraftfahrer verdingt hatte, bis er als vorläufigem Höhepunkt seiner Karriere schließlich meinen 560 SEL mit mir als Ballast an Bord eine Dreiviertelstunde quer durch Berlin und über Teile der Avus fahren durfte. Die älteren Leser erinnern sich vielleicht.

Aber wir sind ja nicht nach Nordeuropa gefahren, um Euch alte Kamellen aufzutischen.

Viel wichtiger ist doch, wie sich die S-Klasse der Achtziger Jahre auf der Classic Motorshow präsentierte. Nun, auf dem Fahrzeugmarkt war der 126er überdurchschnittlich häufig anzutreffen. Hätte es dort im eigens für die Fahrzeugbörse reservierten Parkhaus nicht überall so eisig um die Ecken und wir aus dem letzten Loch gepfiffen, hätten wir sicher mehr in Augenschein genommen als lediglich zweieinhalb Parkdecks. Trotzdem wage ich nach unseren Eindrücken dort und aus den Messehallen die Behauptung, daß man den 126er auf der BMC häufiger antreffen konnte als den beliebtesten Oldtimer der Deutschen, den VW-Käfer, der seinerseits untypisch selten zu sehen war.

W126 auf der Gebrauchtwagenbörse

Aber Quantität sagt natürlich noch nichts über Qualität. Viele 126er waren von eher durchschnittlicher Gebrauchtwagenqualität – mit besonders positiven Ausnahmen auf dem Stand vom “Autojäger” und bei Kultmobile (dazu weiter unten mehr).

Herausragend in ganz anderer Hinsicht war hingegen das Exponat auf dem Stand des S-Klasse-Clubs. Wir lassen Bilder sprechen:

Der arme 300 SE leidet nicht nur an Karies unter seinen Zahnspangen, sondern sicher auch unter vielen mitleidsvollen Blicken. Was hat er seinem Besitzer bloß getan, daß er hier so vorgeführt werden muß?

Ein netter Herr vom Stand eilt herbei und erklärt, daß man hiermit zeigen wolle was passiert, wenn man seinen 126er nicht pflegt und welche baureihentypischen Probleme (Radlaufchrom?) dann auftreten könnten. Ein bißchen also wie wenn der Tierschutzverein einen winselnden Hund mit Dornenhalsband ausstellt, um für mehr Tierliebe zu werben. Inhaltlich wie optisch ein originelles, wenn auch zunächst etwas erklärungsbedürftiges Messekonzept.

Direkt daneben dann das: Frankenstein! Eine weiße SL-Rohkarosse aus Germersheim, die der R129-Club seit einiger Zeit etappenweise zu einem partiell funktionstüchtigen, wenn auch freilich nicht fahrbereiten Schaumodell aufbaut. Um den PR-Gedanken vom Nachbarstand fortzuführen: hier steht ein “an Elektroden angeschlossenes Wesen”, das zwar bewegungsunfähig, aber über ein Diagnosegerät (die “Lenorflasche”) schon voll ansprechbar ist und sogar Phantomschmerzen für Teile “verspürt”, die gar nicht verbaut sind. Das ist weniger gruselig als interessant, denn so läßt sich viel über die sonst im Verborgenen liegende CAN-Bus-Technik erfahren – und indirekt auch über die konzeptionelle Größe des SL-Klassikers der Neunziger Jahre.

Aus didaktischer Sicht also ein klares Eins zu Null für den R129-Club gegenüber seinem tierschützenden Nachbarn.

Ab hier übernimmt am besten der Kollege Dreikommanull, der solchen Technikkram viel besser versteht und erklären kann als ich.

Der "gläserne SL" des R129 Club Deutschland

Der “gläserne SL” des R129 Club Deutschland

Das wirklich geniale an der weißen R129-Rohkarosserie ist eben dass es sich nicht nur um ein Anschauungsobjekt erster Güte handelt, sondern praktisch auch um ein richtiges – weil lebendiges – Auto! Denkt man beim ersten Anblick ob der vielen offenen Leitungen und zerlegten Baugruppen (Klimaanlage und Kombiinstrument um nur zwei zu nennen), dass dies alles nicht funktionieren kann. Doch genau dies ist der Anspruch der Herren des R129-Club, sie haben sich vorgenommen das “Gläserne Auto” nachzubauen. Denn ein solches gab es Anfang der 2000er Jahre im Werk Bremen um eben genau in die Eingeweide des SL’s schauen zu können.
Ganz ehrlich: so sieht für mich echte Club-Arbeit auch aus!

Doch gehen wir weiter, speziell in der Halle 5 ist es spannend, denn hier tummeln sich alle Clubs und eben die vereinzelten Markenrepräsentationen. Gerade als Mercedes-Aficionado geht hier das Herz und die Augen auf. Nicht nur da die Mercedes Niederlassung Weser-Ems einen Byzanz Gold Metallic (422) farbenen 300SEL 6.3 ausstellt (der übrigens der 6.365ste je gebaute und damit einer der Letzten ist), nein es gab natürlich auch die in der Szene bekannten Händler-Stände zu besichtigen.

Ein 500 SEC in signalrot am Stand von Kultmobile, der bereits einen glücklichen Käufer gefunden hatte

Hier fiel natürlich wieder der Blick auf die zahlreichen Fahrzeuge unserer Baureihe 126. Neben einem bereits verkauften signalroten (568) 500SEC mit dattel-farbener Streifenvelours Ausstattung, gab es noch einen weißen 300SE im Portfolio.

Aber wirklich spannend wurde es im Falle des größten Nachkriegs-Coupés aus Sindelfingen, dem C140, hier in Form eines 1994er S600 der als Erstauslieferung (wie die meisten guten Stücke) Japan hatte.


Dies machte den Wagen für uns auch gleich so interessant, denn verfügte dieser Wagen deshalb doch über das auf Wunsch als SA nur für Japan ab Ende 1993 lieferbare CNS (Communikations- und Navigationssystem). Es sieht nicht nur aus wie der COMAND-Vorgänger, es ist auch dessen erste Ausbaustufe, die Mercedes-Benz damals angeboten hatte.


Die grafische Darstellung ist natürlich für High-Definition-Display-verwöhnte Augen ein echter (Kultur)Schock, denn es mutet an wie ein VGA (256-Farben) Gameboy aus eben dieser Zeit. Zudem “spricht” das System auch nur Japanisch und zeigt auch nur ebensolche Schriftzeichen an. Das CNS beherbergte sogar eine Art “Steuerkreuz” mit der man das Display ausrichten konnte – darüber hinaus waren sämtliche Funktionen des Reiserechners, Radio, TV, Navigation, AUX, Kassettenabspielgerät, CD-Player, Telefon und eine Erinnerungsfunktion in diesem System zusammengefasst. Man könnte es somit als “integriertes Smartphone” des Japanischen Business-Man der 1990er bezeichnen. Warum es das nur dort gegeben hat? Einerseits bleibt es das Geheimnis von Daimler-Benz, andererseits kann man es aber auch so interpretieren, dass nur dort der Markt für ein solches Gerät wirklich empfänglich war und Dank der Infrastruktur auch hinreichend eingesetzt werden konnte. Es war auch so etwas wie ein Pilotversuch auf einer (einsamen) Insel, ein ideales Testgebiet. Die Ergebnisse flossen natürlich in die Entwicklung des ersten COMAND in der Baureihe W220 ab 1998 ein. Hierzulande gab es ja nur das APS (Auto-Pilot-System) im DIN-Schacht Format mit monochromer Pfeildarstellung und Joghurtbecher auf dem Heckdeckel. Doch ich erinnere mich noch gut an den S320 meines Vaters, es war im Jahr 1997 definitiv etwas ganz Besonderes, ein solches System überhaupt an Bord zu haben!

Auf dem abschliessenden Rundgang stolpern wir auch über einen 3,12 Meter kurzen erbsensuppen-grünen japanischen Winzling namens Honda Z600. Baujahr 1974 und gerade einmal 71.000Km gelaufen – zu skurril sieht er aus – was auch der lustige kleine Aufkleber auf der Heckscheibe symbolisiert: er schaut aus wie das Auto von vorne…

Gerade auch Details wie die übergroße “Coupé-Plakette” an der C-Säule (damit soll der kleine Flitzer an die großen Sportwagen-Kreationen des italienischen Designers Zagato erinnern), aber irgendwie ist er auch so klein, ein echter Winzling dass man gar nichts Böses über ihn sagen kann (und möchte). Der Wagen gehört(e) zur feilgebotenen Sammlung der recht bekannten Garage11 aus der großen Hansestadt. Wenn man also einmal in Hamburg sein sollte, so lohnt sich definitiv ein Besuch der namensgebenden Tiefgarage – die immer prall gefüllt ist mit allerlei Leckereien auf vier Rädern  für jeden Alt-Blech Liebhaber.

Im Anschluss an die Messe haben wir uns noch ein original Hanseatisches Fischrestaurant mitten in der Bremer Innenstadt (nur 2 Kilometer von der Messe entfernt) gesucht. Im “Knurrhahn” wurden wir fündig – es war genial, wie eine Zeitreise in die 1960er Jahre, aber wirklich alles an dem Restaurant war ein Original, dazu lecker und preiswert zugleich.

Und wenn man schon mal in Bremen weilt, dann führt selbstverständlich nichts am Weg zum örtlichen Mercedes-Benz Werk vorbei – auch wenn es leicht regnet, bereits stockdunkel und man eigentlich schon vor Fahrtbeginn müde und träge ist. Als echter Fan ist man da aber hart im Nehmen…

Das Kundencenter des Werks Bremen ist auch an Sonn- und Feiertagen von außen befahrbar und man kann sicher auch so genug interessante Dinge erspähen, mir und dem Kollegen Fünfkommasechs erging es jedenfalls so.

Damit dürfte die Young- und Oldtimersaison faktisch als eröffnet angesehen werden, wenn sich nun auch noch das Wetter daran hielte…
Wir sehen uns spätestens in gut vier Wochen auf der Retro Classics in Stuttgart wieder – denn nach der Messe ist vor der Messe. Man glaubt es kaum, aber wir freuen uns heute schon darauf!

Alle Fotos aus der Linse des Herrn Fünfkommasechs findet Ihr hier: KLICK

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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