Das doppelflutige AMG-Endrohr in mattschwarz

Stellt Euch folgendes Szenario vor: eine S-Klasse mit bulligem 5,6-Liter V8-Triebwerk, einst schnellste und mitunter teuerste Serienlimousine der Welt, heute im Besitz eines ungelernten Mittdreißigers ohne Schulabschluß, der sich laienhaft anschickt, aus einer Laune heraus die Auspuff-Endrohre des dicken Benz nach seiner Vorstellung zu “optimieren”…

Wer ab hier noch weiterliest, hat entweder einen Knall oder tut dies nur, weil er fünfkommasechs.de gut genug kennt und weiß, daß wir unsere Autos normalerweise artgerecht halten. Wahrscheinlich aber beides!

Ich als konservativer Originalo habe ja schon beim Wort “Endrohr” schnell den imaginären Gestank von Pommesfett und (k)altem Schweiß in der Nase, einen Typen mit Goldkettchen vor Augen, sowie “V8”-Emblem auf den Kotflügeln und ein verchromtes, doppeltes Ofenrohr im Sinn, das aus einem bis zur Unkenntlichkeit verunstalteten Verbrauchtwagen mit Tiefbettfelgen herausragt und dem unfreiwilligen Betrachter auf die eine oder andere Art und Weise das Zwerchfell massieren soll.

Ein Alptraum…

Johannes S. (35) beim Motorsport

Tja, eben dieser Mittdreißiger bin ich nun aber dummerweise selbst. Und ja, ich habe mich dazu verstiegen, mit Schleifaufsatz und Krümmerlack die Auspuff-Endspitzen meines sonst ja eher unauffälligen 560 SEL zu “tunen”. Ihr lest immer noch mit? Das freut mich, denn das Ergebnis ist gar nicht so schlimm wie es sich liest, obgleich der Look jetzt nicht mehr ganz original ist wie ab Werk.

Arbeitsaufwand: höchstens 2 Stunden netto, verteilt auf zwei Abende und ein paar Gersten-Kaltschalen mit Hopfenblütengeschmack. Der Reihe nach geht das so:

Die Heckleuchteneinheiten müssen abgetrennt und herausgenommen werden, ebenso die Kunststoffleiste im Bereich des Heckdeckelschlosses und die jeweils zwei Befestigungsspangen über den Kofferraummulden links und rechts. Das alles geht händisch und ohne Werkzeug oder Schulabschluß.

Danach lassen sich die Stoff-Verkleidungen der Mulden und des Heckmittelstücks herausnehmen. Der Heckstoßfänger ist mit vier Muttern (Pfeile) befestigt, die nun einfach zugänglich sind (18er-Stecknuß auf die Ratsche, glaube ich).

Vorm Abnehmen nicht vergessen, die sogenannten “Bananen“, also den Spritzschutz in den hinteren Radkästen, vom Heckstoßfänger zu lösen, sonst läßt er sich nicht nach hinten herausziehen. Und seht zu, daß Ihr den Stoßfänger an seinem Schwerpunkt zu greifen kriegt, sonst pendelt er beim Abnehmen nach oben und vermackt Euch schlimmstenfalls die Kotflügel.

Jetzt liegt der Heckstoßfänger sicher auf einer weichen Unterlage und das Fahrzeugheck frei und kann bei dieser Gelegenheit gleich mal gesäubert und auf Rost untersucht werden. Der Auspuff dürfte in etwa so aussehen:

Flugrost ist normal, auch daß der Lack vom Endschalldämpfer abgeblättert ist. Uns geht es hier ja zunächst nur um die Endrohre selbst, die wohl übrigens im Original “galinitgrau-seidenmatt” sind.
Wir benötigen Krümmerlack, weil der entsprechend hitzebeständig ist. Nach meiner oberflächlichen Recherche gibt es den zwar in Silber-, Alu- und Grautönen, aber aus oben beschriebener Allergie heraus mochte ich etwas maximal unauffälliges. Bevor es also nach der Kosmetik zu metallisch-neu wirken würde, bot sich als sicherste Wahl eigentlich nur mattschwarz an, das es im kleinen Gebinde bspw. von POR15 als Krümmerlack gibt.

Damit wir ausreichend Platz zum Arbeiten haben, wird der Wagen hinten links aufgebockt (falls vorhanden dafür vorher die HPF auf Sperrstellung bringen). Der Auspuff läßt sich aushängen (zwei Haltegummis, siehe Foto oben rechts) und kommt dann ca. 10 cm nach unten.

Wem der Auspuff genau jetzt mit voller Wucht auf die Hand gefallen ist und diese zertrümmert hat, hatte sowieso Handlungsbedarf und sollte dem Autor dankbar sein, daß wir die offensichtliche Durchrostung hierdurch gemeinsam entdeckt haben :-) Normalerweise hält der Abgasstrang das mühelos aus. Wem es wie mir aber trotzdem wehtut, daß das schwere Ding mit langer Hebelwirkung nun längere Zeit beinahe frei am Motor hängt, kann bspw. einen Kanister als Stütze unter den Endschalldämpfer stellen.

Jetzt geht es ans Abschleifen und Reinigen. Der gröbste Rost läßt sich durch einen Schleifaufsatz für die Bohrmaschine gut beseitigen, danach Feinarbeit mit der Drahtbürste. Anschließend das ganze noch abstauben und fettfrei machen. Ich habe mit Bremsenreiniger und dann mit Glasreiniger geputzt, was seinen Zweck sehr gut erfüllt hat.

Jetzt kann das Lackieren beginnen. Mir reichte dazu ein kleiner Wasserfarbpinsel aus dem Schulmalkasten, mit dem man gut in die Winkel kommt. Die Pinselstriche glätten sich von selbst. Der Lack wird in zwei Schichten verarbeitet, wobei die erste Schicht 24 Stunden ruhen sollte – daher die zwei Abende!

So eine Styroporplatte als Unterlage ist übrigens hervorragend geeignet, wenn man seinen weißen Garagenboden schwarz sprenkeln will. Der runtergetropfte Lack sickert da durch wie die Glut durch’s Papier. Ich bin echt ein Held…

Nach der ersten Schicht sieht es so aus:

Der Fraß von den ehemaligen Roststellen ist als Relief noch wahrnehmbar. Einen Tag und eine Schicht später sieht es schon besser aus:

Außerdem neu sind die Klappen der Zwangsentlüftungen, die ich neulich bestellt und bei dieser Gelegenheit eingesetzt habe.

Ärgerlicherweise kam eine der beiden originalverschweißten Klappen ohne Dichtung, sodaß ich mir kurzerhand mit dem Gummiring der alten Klappe und einer dicken Schicht Permafilm behelfen mußte. Solltet Ihr also auch mal diese Klappen bestellen, schaut beim Abholen von der Teiletheke nochmal genau nach!

Der Lack ist übrigens nach drei bis vier Stunden, die man hervorragend mit Saufen überbrücken kann, schon “handtrocken”, sodaß man den Auspuff fingerabdruckfrei wieder einhängen kann. Richtig fest ist die doppelte Lackschicht dann nach Herstellerangaben aber erst nach einer einmaligen Erwärmung auf rund 150°C, also bei betriebswarmem Auspuff.

Ist der Heckstoßfänger wieder montiert, sieht man, daß man nichts sieht. Also genau das gewünschte Ergebnis :-) Bananen nicht vergessen!

Achso, die Überschrift… warum eigentlich AMG-Endrohr, fragt Ihr Euch jetzt? Naja, ist doch das Endrohr eines Wagens mit AutoMatikGetriebe, oder etwa nicht? Schöner als ein echtes AMG-Doppelrohr ist es allemal.

Denn merke: ein wahrer S-Klassiker brüllt den Hintermann nicht aus vulgären Chromtrichtern an, sondern fechelt seinen heißen Atem dezent und leise richtung Boden. Und zwar möglichst weit abgewandt von der Bürgersteigseite, wo der Concierge dem vornehmen Fahrgast die Tür öffnet, auf daß dieser nicht unnötig Abgase einatmen soll.

Alles durchdacht beim Daimler. Wir finden, man sollte das nicht kaputtmachen mit Effekthascherei und zur Schau gestellter Scheinpotenz, denn mit Chrom an den falschen Stellen wirkt selbst der technisch beste 126er einfach nur billig.

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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