Der große Tag

Im Frühling 2006 wurde aus dem Jugendtraum, eines Tages das „Auto des Bundeskanzlers” zu fahren, langsam Ernst. Ich hatte bereits über Monate sporadisch im Internet Ausschau gehalten nach entsprechenden Angeboten. Als es konkret wurde (endlich hatte ich tatsächlich mal “Geld übrig”), war meine Freundin erst gar nicht so begeistert von der Idee.

Auf Fotos fand sie solch einen Wagen viel zu klobig. Ein R107 (Mercedes SL-Roadster der 70er und 80er-Jahre) hätte ihr weitaus besser gefallen. Aber davon sind gut erhaltene Exemplare inzwischen jenseits der 20.000€ angelangt. Tendenz: steigend! Als wir aber den für sie ersten W126 in natura in Augenschein nahmen, schwand die Skepsis allmählich.Durch die einschlägigen Autobörsen im Netz fanden wir zunächst nur wenige Kandidaten für die engere Wahl, die mir aber einfach zu teuer waren. Ich wollte und konnte nicht mehr als 10.000€ ausgeben, obwohl ich natürlich wußte, daß die wirklich top erhaltenen Fahrzeuge eher mehr kosteten. Also mußten Zugeständnisse gemacht werden. In Sachen Kilometerstand ist das noch einfach: bei den höher motorisierten Mercedes-Limousinen spielt die Laufleistung tatsächlich keine große Rolle, da Motoren mit derart gewaltigem Hubraum meist auch sehr viel langlebiger sind.

So ist ein Achtzylinder mit hunderttausend Kilometern und mehr de facto “gerade erst eingefahren”, vorausgesetzt er wurde gut behandelt. Es wäre zudem auch unrealistisch, eine Langstreckenlimousine dieses Alters mit deutlich weniger Kilometerleistung zu finden.

Für mich war also das Scheckheft wichtig und natürlich ein rost- und beulenfreier Zustand. Eben ein „gepflegter Gebrauchtwagen”. Für alles andere, das es zu beachten galt, konnte ich mich mit einer hervorragenden Kaufberatung vom öffentlich zugänglichen Teil der Website des S-Klasse-Clubs („Der W126″ -> Kaufberatung als PDF) bewaffnen. Darin ist auch zu lesen, daß von einem Wagen mit Hydropneumatischer Federung abzuraten ist.
Trotzdem verfügte ausgerechnet der heißeste Kandidat, den wir nach einiger Zeit inseriert sahen, über ein solches Fahrwerk. Aber auch sonst eben über fast jedes Austattungsmerkmal, das man sich nur wünschen konnte. Es war eine Langlimousine (SEL), ein 560er obendrein (stärkster Serienmotor der Baureihe) und er war nautikblau. Hätte mich Jahre vorher jemand nach meiner Idealvorstellung eines Mercedes gefragt, es wären dabei exakt die Bilder herausgekommen, wie sie weiter unten zu sehen sind. Allerdings um ein Detail ergänzt.
Es half nix, wir mußten einfach hin und ihn besichtigen! Mit der ausgedruckten Kaufberatung ging die Reise nach Bingen am Rhein. Auf der Fahrt fragten meine Freundin und ich uns gegenseitig nochmal alle Prüfpunkte ab. Mehr zur Gewissensberuhigung als zur Vorbereitung.

Das war der Ausgangspreis. “Stabilitätskontrolle” war der verkaufsfördernde Ausdruck für die Tatsache, daß sich beim hydrogefederten 126er die Federhärte in zwei Stufen der Fahrweise anpassen kann. Das echte „ESP” gab es 1989 ja noch nicht. Und ein ASD (automatisches Sperrdifferential) hatte der 126er meines Wissens nach nicht, auf jeden Fall aber nicht dieses Exemplar.

Grauer Apriltag, ein Samstag. Wir waren kaum in Bingen angekommen und suchten noch einen Parkplatz, da sah ich (Beifahrer) ihn auch schon auf dem Hof stehen und drehte meinen Kopf um mindestenst 180°, dem schönen Anblick beim Vorbeifahren folgend. Das war er! Der real existierende Idealbenz vor dem Flachdachgebäude eines kleinen Gebrauchtwagenhandels. Das Ensemble machte einen akzeptablen Eindruck. Wir parkten, stiegen aus. Ich näherte mich wie ein Nachtwandler dem Wagen.

Beim blinden Überqueren der Hauptstraße kam ich mir vor wie der Geiger, der eine Stradivari herrenlos herumliegen sieht. Außer daß ich nicht Geigen kann. Und Mercedes war ich bis dato auch noch kaum gefahren, aber was ist schon Antonio Stradivari gegen Bruno Sacco? Es war ein Moment wie in Zeitlupe! Und dann passierte es! Es tat einen Schlag… und ich erkannte, daß dem Wagen der Mercedes-Stern fehlte!!! Als ich wieder klar im Kopf wurde, war ich froh, diesen größten denkbaren Makel eines Mercedes gleich erkannt zu haben. Fast ganz ohne Witz, denn psychologisch gesehen war es mehr als verkaufsfördernd für den Händler. Ich brauchte ja ab dann nicht mehr den Eindruck zu haben, daß es alles “zu perfekt” und damit “verdächtig” war. Immerhin sollte dieses Prachtstück ja “nur” 9300 EUR kosten (also die komplette Limousine, nicht bloß der fehlende Stern).

Der erste Blick auf den nautikblauen 560SEL auf dem Hof des Gebrauchtwagenhändlers in Bingen
Auch wenn wir ab dann krampfhaft nach weiteren Mängeln suchten und sie auch fanden, setzte die kognitive Dissonanz ein und ließ uns großzügig darüber hinwegsehen. Der Wagen hatte wenigstens optisch den Erhaltungszustand eines weit teureren Exemplars, nicht zuletzt dank einiger Neuteile – und an Ausstattung fast alles. Nur eben keinen Mercedes-Stern. Seinen Preis wert war er wohl dennoch. Eine kleine Pfütze vorne rechts machte uns dann auch nichts mehr aus. Der Wischwasser-Behälter bzw. eine Zuleitung waren undicht. Klar, solche Dinge mussten vom Verkäufer kostenlos behoben werden. Positiv wiederum: der Wagen könnte quasi aus noch erster Hand übernommen werden. Zumindest auf dem Papier, denn der Händler hatte ihn selbst (mit rotem Nummernschild) gefahren, allerdings nur einige hundert Kilometer.Wie bei Fahrzeugen dieser Güte- und Preisklasse kaum anders zu vermuten, wurde auch dieser 560er zunächst rein geschäftlich und damit auch repräsentativ genutzt. Auffällig ist jedoch, daß der Wagen so lange schon vom selben Besitzer gehalten wurde: einer inzwischen in Konkurs gegangenen Speditionsfirma aus Eppelheim bei Heidelberg, die den Wagen zunächst geleast und dann übernommen hatten.

Zur standesgemäßen Limousine gefiel es dem Spediteur offenbar, standesgemäße Zigarren zu rauchen. Im Innenraum hatte sich überall Nikotin als gelbliche Ablagerung niedergeschlagen. Der Händler sollte also auf unsere Bitte hin noch eine entsprechende Reinigung des Wagens veranlassen, was leider nicht so gründlich gelang wie man es sich gewünscht hätte. Den tatsächlichen Ist-Zustand mag man aber im Moment der akuten Besessenheit nicht wirklich reflektieren. Und Nikotin-Plaque allein ist kein Hindernis. Vielmehr zählt, was man aus dem Wagen machen könnte und man überschlägt im Kopf, ob er dann immer noch im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten läge.

505 Liter Kofferraumvolumen sind selbst für eine Reiselimousine großzügig bemessen. Zudem kein sichtbarer Rost am sonst anfälligen Kofferraum-Bereich!

Schweißnähte am Kühlerrahmen vorne deuteten auf einen geflickten Auffahrunfall hin. Der Händler machte einen ehrlichen Eindruck und berichtete freimütig auch von anderen “Schönheitsfehlern”. Unter anderem. ein wenig Beulendoktorei, eine neue Motorhaube, Schweißarbeiten im Radkasten zur Beseitigung von Rostfraß, eine neue Lackierung der Kotflügelbereiche wegen Parkremplern. Alles auch dokumentiert in einem Gutachten, welches uns überreicht wurde und das unterm Strich trotz allem durchaus für den Wagen sprach. Bis eben auf „rost- und beulenfreier Zustand” als Bedingung für den Kauf… Sie erinnern sich? Nun ja, so wie er da stand, war er ja auch (wieder) rost- und beulenfrei :-)

Desweiteren gab es eine Modifikation der Räder und Bereifung, die aber eher praktischer Natur ist. Statt der 15-Zoll-Räder fährt der Nautikblaue nun mit Distanzscheiben auf 16-Zollern des R129-Roadsters. Das war tatsächlich die erste und einzige Kröte, die ich zu schlucken hatte: eine Veränderung am Wagen, die so nicht “der üblichen Werksausstattung” entsprach.

Pfütze unterm Radkasten. Ein böses Omen?

Für mich als “Originalo” kaum erträglich, aber Fakt ist nunmal, daß die Reifenauswahl für 16-Zoller deutlich größer war. Widerstrebend gebe ich sogar zu: Distanzscheiben und größere Räder stehen dem Wagen tatsächlich sehr gut! Und lassen wir die Kirche im Dorf: auch Zalzar-Vorhänge und Klapptische im Fond, die auf meiner To-Do-List stehen, gehören nicht unbedingt zur “üblichen Werksaustattung”. Dazu aber an anderer Stelle mehr.

So ging es zur Probefahrt. Auch der Händler stieg hinten ein und redete fortan unentwegt. Ich versuchte mich dabei vor allem auf Geräusche des Motors zu konzentrieren, aber hörte noch mit einem Ohr zu. Immer wieder beteuerte er, daß er den Nautikblauen eigentlich gar nicht verkaufen wolle, weil er schließlich schon einiges in die Restauration investiert und ihn ursprünglich für sich selbst angeschafft hatte. Nebst oben genannter Instandsetzungen waren auch alle Druckspeicher der Hydropneumatischen Federung erneuert worden (Pluspunkt! Denn die sind irgendwann fällig). Er wolle den Wagen auch nur in gute Hände abgeben. Zuvor sei bereits ein Interessent vorstellig geworden, der den Wagen offenbar für Tuning-Experimente verwenden wollte. Den habe er rigoros ablitzen lassen. Wer viel redet, hat eigentlich viel zu verschweigen – so dachte ich damals.

Wenn man keine Ahnung hat, beschränkt man sich in der Beurteilung des Allgemeinzustands aufs Optische. Ich suchte überall am und unterm Fahrzeug vergeblich nach Spuren von Rost, doch ausgerechnet am Motor wurde ich dann fündig. Der Werkstattmeister meines Vertrauens sagte erst kürzlich sinngemäß dazu: „Es wäre unnormal, wenn da kein Rost wäre. Der gehört einfach da hin.” Na denn!

Aber was soll ich sagen? Die Probefahrt war anstandslos verlaufen. Einige Kilometer Autobahn, ein wenig Bundesstraße. Der Wagen lief recht gut. Zurück auf dem Hof nahm ich ihn nochmals genau in Augenschein und ging die gesamte Liste der Prüfpunkte ein weiteres Mal durch. Gottseidank war meine Freundin auch in dieser SItuation ein guter Mitdenker. Wir sprachen nochmals alles durch. Für den rein hypothetischen Fall, daß wir uns zum Kauf durchringen SOLLTEN:  was müßte seitens des Händlers noch vorgenommen werden? Was gab es zu beanstanden?Letztlich war es Anka, die der Liste der „Kaufbedingungen” den erforderlichen charmanten Nachdruck verlieh. Darunter waren: eine Umrüstung auf die Abgasnorm Euro2, natürlich neue TÜV- und AU-Plaketten (war ja auch schon in der Anzeige so versprochen), eine Grundreinigung des Innenraums (Nikotinflecken), sowie eine Durchsicht/Inspektion. Alles hatte im Kaufpreis inklusive zu sein, FALLS wir den Wagen denn tatsächlich nehmen würden. Der Händler willigte schließlich ein. Damit verabschiedeten wir uns und versprachen, uns montags telefonisch zu melden, um unsere Entscheidung bekanntzugeben. Das Versprechen wurde auch gehalten. Unsre Entscheidung hieß: “Ja zur S-Klasse”. Eine Vorauszahlung wurde veranlaßt und samstags darauf sollte der Wagen abgeholt werden können. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß sich die Woche bis zu besagtem Tag der Abholung wie Kaugummi zog. Obwohl es nicht nur auf der Arbeit genug zu tun gab: Deckungskarte der Versicherung mußte her, sowie ein Kurzzeitkennzeichen. Außerdem begann meine Freundin bereits fieberhaft, nach einer passenden Mietgarage zu suchen. Gar kein leichtes Unterfangen bei der Fahrzeuggröße!
Außerdem wurde ich bereits vor Übernahme des Fahrzeugs (ich glaube sogar, vor Unterzeichnung des Kaufvertrags) schon Mitglied im S-Klasse-Club e.V., weil mir klar war, daß man solch ein Fahrzeug nur mit der Unterstützung einer Gemeinschaft aus echten Fachleuten und Enthusiasten auf Dauer unterhalten kann. Allein schon der vielen technischen Fragen halber, die sich mir stellen würden. Und deren Beantwortung würde ggf. schon sehr bald nach Kauf vakant werden können, deshalb mußte ich mich beeilen mit dem Clubeintritt – und es war eine sehr gute Entscheidung! Über den Club ist auch eine günstige Zürich-Versicherung erhältlich, die auch Youngtimer schon fast zum Oldtimer-Tarif abzudecken imstande ist. Davon machte ich jedoch keinen Gebrauch, sondern wechselte mit meinen ab jetzt zwei Fahrzeugen in die VHV. Zuvor bei der Gothaer zahlte ich nur für meinen 3er-Golf (Baujahr 1992) soviel wie jetzt bei der VHV für beide Autos – und das bei bislang auch besserer Leistung. Nein, dafür bekomme ich kein Sponsoring!
Oh, und meine Kollegen auf der Arbeit mußten in verdaulichen Häppchen behutsam auf die „neue Situation” vorbereitet werden. Es war schließlich nicht mehr viel Zeit! Das gestaltete sich umso schwieriger, da ein Kollege aus derselben Abteilung just ein paar Wochen vorher mit niegelnagelneuem Sportwagen für Staunen gesorgt hatte. Nun also auch ich? Verdienten wir etwa zuviel? Ergo sprach ich zunächst nur davon, mir für kleines Geld einen “uralten Daimler” geleistet zu haben. Daraus wurde graduell ein “großer alter Benz” und schließlich ein “schöner großer Youngtimer-Mercedes”. Das Wort “S-Klasse” hingegen war vorerst tabu, denn es würde noch früh genug für allerlei Hänseleien sorgen. Immerhin wußten einige schon von einem “V8”.

Die Zuleitung zur Scheinwerfer-Reinigungsanlage vorne links war ebenfalls instandgesetzt worden.

Plötzlich war Samstag! Gegen Mittag waren wir in Bingen, ich hatte das restliche Geld dabei und freute mich schon wie ein kleiner Junge. Aber wo war der Mercedes? „Gerade noch beim Reifen-Auswuchten”, erklärte der Verkäufer und entschuldigte sich. Aber wir waren eh zu früh da und warteten deshalb gerne noch die paar Minuten. Und dann kam der Angestellte auch schon vorgefahren mit dem nautikblauen Schiff, das in wenigen Minuten mir gehören würde!!

Auf dem Kühler ein nagelneuer Mercedes-Stern, aber dafür war diesmal etwas anderes sehr komisch am Auto. Ich ging rein zum Händler. „Sie haben doch gesagt, sie verkaufen den Wagen nicht an jemanden, der ihn aufmotzen will, oder?” „Ja, dabei bleibt es auch. Wieso?” „Naja, Sie haben den doch jetzt selbst tiefergelegt, oder?”

Wir gingen gemeinsam raus, der verdutzte Händler sah nun selbst den Schlamassel. Schon beim Einfahren auf den Hof über die flache Bordsteinkannte schliffen die Räder beinahe in den Radkästen. Jetzt lag der 560er da wie eine gestrandete Flunder. Motorhaube auf und des Rätsels Lösung rann als kleines Bächlein aus dem Rücklaufbehälter der Hydropneumatischen Federung. Das Fahrwerk war quasi ohne Druck auf den Federspeichern. Der Wagen hätte eingentlich nur noch mit Notlauf-Gummiblöcken gefedert bewegt werden dürfen.

Ich war am Boden zerstört. „So kann ich den Wagen natürlich nicht übernehmen. Was machen wir jetzt?” Der Händler wußte erst auch keinen Rat. Ihm war die Sache sichtlich peinlich und er machte nicht den Eindruck, als ob da jetzt ein absichtlich verschwiegener Fehler zum ungünstigsten Zeitpunkt aufgetaucht war. Für ihn schien das Problem tatsächlich neu. Er wußte, daß er eine Lösung finden und uns vorerst wieder von dannen ziehen lassen mußte. So baten wir um Nachricht, falls sich neue Erkenntnisse ergeben sollten, und machten uns im Golf schweren Herzens wieder auf den Heimweg.
Mir würde ein beschissenes Restwochenende bevorstehen, soviel stand fest. Entsprechend gedrückt war die Stimmung im Auto. Die sich in solchen Situation zwangsläufig anschließenden Sätze wie „Wer weiß, wofür es gut war?” oder „Es hat eben nicht sollen sein!” halfen da allenfalls, die 110km Rückfahrt etwas kurzweiliger zu gestalten. Doch schon bei Kilometer 10 klingelte mein Handy!

„Herr Schlörb, kehren Sie um!!! Es ist alles wieder in Ordnung. Der Wagen ist OK, überzeugen Sie sich selbst!” Wie hatte er es geschafft, in den paar Minuten diesen „Schaden” zu beheben? Schon allein aus Neugier und auch mit einem Funken Hoffnung, daß nun doch noch nicht alles verloren war, machten wir an der nächsten Ausfahrt kehrt.

Tatsächlich! Die Reifen hatten bereits wieder deutlichen Abstand zu den Radläufen und der Motor lief dabei. Der Händler erklärte, daß er gerade einem Bekannten aus der Mercedes-Youngtimer-Szene telefonisch das Problem geschildert habe. Und der kannte das Hydro-System in ähnlicher Form wohl vom W116 (Vorgängermodell). Der Druckverlust sei nur entstanden, weil das Sperrventil nicht aktiv gewesen sei, als der Wagen in der Reifenwerkstatt hochgebockt worden war. Der Angestellte hatte schlichtweg vergessen, den Knauf hinter dem Lenkrad eine Raste herauszuziehen, bevor der Wagen auf die Hebebühne gekommen war.
Mir war das trotzdem alles nicht ganz geheuer. Der Händler ließ mich daher zur Beruhigung nochmal selbst mit dem Fachmann am Telefon sprechen. Ein netter Kerl wie sich herausstellte, selbst Mercedes-Verrückter mit eigener Clubgemeinde. „Wenn der 126er merkt, daß ihm der Boden unter den Füßen fehlt, dann versucht er das Fahrzeugniveau bzw. die Federungshärte anzupassen. Dazu wird alles zurück in den Behälter vorne gepumpt, bis sogar einiges überläuft. Am Ende ist erstmal kein Druck mehr auf den Federn und der Wagen hängt auf dem Boden. Erst wenn der Wagen wieder Bodenkontakt hat und Motor eine Weile gelaufen ist, baut sich der Federdruck wieder auf.” Deshalb der laufende Motor. Der Wagen war, während wir noch sprachen, tatsächlich wieder auf normalem Niveau angelangt.
„Und dann kann man wieder ganz normal fahren?”” „Ja, das ist kein Fehler, sondern zeigt nur, daß die Hydrofederung korrekt arbeitet”.
Wo ich den Mann nun einmal dran hatte, nutzte ich die Gelegenheit schamlos aus! „Kennen sie den Wagen eigentlich?” „Ja, klar!” „Und was ist ihre Meinung zu dem Wagen? Ist der OK? Kann man den so kaufen?” „Also es ist ohne Zweifel ein sehr schöner Wagen!”

Eigentlich hätte ich spätestens jetzt vom Kauf zurücktreten sollen, aber so blöd es sich anhört angesichts des höheren Geldbetrages, den ich da eben mal schnell auf den Kopf zu hauen bereit war: ich wollte einfach den Nachmittag nicht ohne dieses Traumauto sein. Denn das war es trotz allem! Und ich wollte auch nicht mehr suchen müssen. — Ohne der ganzen Geschichte vorzugreifen: ich habe den Kauf bis zum heutigen Tage (Dezember 2006) auch nicht bereut!

Die Formalien waren recht schnell erledigt. Die Stimmung war gelöst! Ich war insgesamt über 9000€ los und erhielt dafür die unscheinbaren Schlüssel, die für mich aber deutlich mehr wert waren und sind.
Und ich bekam auch nochmal persönlich den Packen Begleitmaterial überreicht. Eine Pracht! Auch wenn ich heute in diesen Heften blättere, ist es für mich noch immer etwas beinahe Heiliges. Auch wenn die Seiten schon angegilbt sind: beim Lesen fühlt man sich, als hätte man den Wagen selbst gerade erst aus Sindelfingen abgeholt. Besonders stimmungsvoll anzusehen ist das Cover des Werkstattregisters mit mustergültiger Fotomontage des 190ers samt LKW daneben. Und innen die Adresslisten der Werkstätten mit vierstelliger Postleitzahl und meist ebenso kurzer Telefonnummer.
Die Betriebsanleitung beginnt mit dem Satz: „Die Mitarbeiter unseres Hauses wünschen Ihnen viel Freude an Ihrem neuen Wagen.” Ach, wie sich das liest… Mein neuer Wagen! Und so ganz ohne Newspeak im Stil von “MitarbeiterInnen”. Und auch nicht wie heute üblich mit einem „Dank an die KundInnen” für den Kauf, nein! Der Kunde ist auch so König (oder Königin), und der Dank ist ja ohnehin ganz auf meiner Seite. ICH habe zu danken! Danke, Mercedes-Benz für dieses Auto!!
„Sie haben einen MERCEDES erworben, von dem Sie erwarten, daß er möglichst lange und ohne Störungen läuft und so einfach wie möglich zu bedienen ist.” Ja, das ist auch der Fall. Nach immerhin 17 Jahren! Ich liebe meinen 560SEL!

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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