Die Retro Classics 2012 im Zeichen der S-Klasse

Wer ins Ländle reist um Automobilgeschichte zu erleben, kann mit ein bißchen Glück auch immer schon die Zukunft sehen. WDB1260391A488599 war es am vorvergangenen Freitagabend vergönnt, mit uns an seinen Geburtsort zurückzukehren und dort gleich mehrfach seinem noch ungeborenen Ururenkel zu begegnen.

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W222 huscht an V126 vorbei – streng geheim, versteht sich!

RetroClassics_062Während die Baureihe 126 in Stuttgarts Messehallen ihre rapide zunehmende Beliebtheit als Klassiker genießen darf, fahren die S-Klassiker des Jahres 2050 noch im Minutentakt durch das Portal des Mercedes-Benz Technology Center (MTC) zu Sindelfingen. Voraussichtlich erst im Januar 2013 soll sich der letzte Tarnvorhang der Baureihe 222 auf der North American International Auto Show lüften – ein Termin außerhalb der Reichweite für Nutzer des Maya-Kalenders.

2012 ist ja bekanntlich das Jahr des Weltuntergangs, was per se nicht so schlimm wäre. Die Apokalypse besteht vielmehr darin, daß Techno Classica und Retro Classics in diesem Jahr zeitgleich stattfanden, was für manch einen bedeutete, sich für eine der beiden sehenswerten Messen entscheiden zu müssen.
Essen oder Stuttgart? Weltgrößte oder weltbeste Oldtimermesse? Man teilt sich auf: Dreikommanull aus Köln nimmt donnerstags am Fachbesuchertag in Essen teil – für ihn sowieso nur ein Katzensprung – und reist zusammen mit Fünfkommasechs freitags über Hanau nach Stuttgart, um am ersten öffentlichen Messetag dort noch möglichst viele Schnäppchen auf dem Stand des Mercedes-Benz Gebrauchtteile-Centers zu ergattern.
Um es vorweg zu nehmen: das MBGTC hatte für 126er-Fahrer in diesem Jahr nichts zu bieten.

Ungeachtet dessen ist die Retro Classics aus unserer Sicht nach wie vor die schönere der beiden Messen. Die Anreise nach Stuttgart lohnt sowieso wegen der Maultäschle und Käsespätzle, aber vor allem wegen der sich im Anschluß des Messebesuchs bietenden Abstecher ans “pochende Herz der Daimler-Welt”, wie unsere Fotos am Ende dieses Beitrags eindrucksvoll zeigen. Aber erstmal der Reihe nach!

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RetroClassics_020Parkieren dürfen wir in diesem Jahr bei s-klassigem Wetter auf dem Presseparkplatz der Messe Stuttgart. Das nehmen wir dankbar in Anspruch. Weniger um der eigenen, unstrittigen Bedeutsamkeit Nachdruck zu verleihen, als vielmehr dem nautikblauen Sternenkreuzer ein paar lange vermisste Glücksmomente zu bescheren. Nämlich jene, wenn vor der langen Haube Schranken geöffnet und Wachleute beim Anblick des Fahrzeugs grüßend die Hand zur Schläfe führen. An sich eine Selbstverständlichkeit gegenüber einem großen Mercedes, durch die Verrohung der Sitten ist sie in letzter Zeit aber sehr viel seltener geworden.

Rund 65.000 Verrückte besuchten in diesem Jahr wieder die Retro Classics. Einer davon ist Oli Stork aus Klein-Germersheim, der uns vollbepackt mit Gebrauchtteilen schon an der Eingangstür über den Weg läuft. “Brauchste e Ärbägg-Lenkrad?” Uns war klar, daß spätestens jetzt die besten Teile beim MBGTC und eigentlich auch sämtlicher Messehallen vergriffen sein würden.

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RetroClassics_012Und so erwarten uns in Halle 5 bei Daimlers Altmetallversorgung zwar eine große Menge an Neu- und Gebrauchtteilen zu fairen Preisen, aber weder die W140-Fondkühlbox, die R129-Mopf-Rückleuchte oder die W201-Mittelkonsolenabdeckung sind mit unserem derzeitigen Fuhrpark kompatibel. Als völlig durchgeknallter Altmetallfanatiker ertappt man sich dann schonmal bei dem Gedanken, eben jetzt den nagelneuen Heckdeckel mitzunehmen und bei nächster Gelegenheit das dazu passende Auto einfach nachzukaufen. Die Chance wird vielleicht nie wieder kommen?!

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Winterschlußverkauf auf dem Wühltisch im Herrenkaufhaus. Leider quasi nur linke Socken in der falschen Größe, dafür günstige Markenware

Dieser verständliche Reflex läßt sich nur austreiben per rituellem Kauf von irgendwas, in diesem Falle der Auslage von veralteter und längst bekannter Baureihenliteratur zu S-, CL-, E-, SL- und SLK-Klasse zu je zwei Euro das Stück. Für ein Hardcoverbuch völlig in Ordnung, dafür schwere Literatur im wahrsten Wortsinne, deren Transport sich schon gleich doppelt nicht lohnt: man muß extra deswegen nochmal zum Auto und könnte hier derweil was verpassen, und daheim wandert das Zeug sowieso ungelesen ins Regal. Aber es ist halt ein Schnäppchen!

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Wieder nichts für den Golden Retriever, dafür aber jede Menge Leckerli für den Altmercedesfahrer: der Stand der Herrmanns GmbH aus Hailtingen in Oberschwaben

RetroClassics_036Neben dem MBGTC und den unzähligen anderen empfehlenswerten Händlern und Dienstleistern rund um den Altmercedes wurden wir erneut auch auf den Messestand der Herrmanns GmbH aufmerksam, die Klassikwerkstatt wie Teilelieferant gleichermaßen ist. Der dort ausgestellte, neue M116 V8-Motor sprach sofort unsere niederen Instinkte an.

Wir kamen mit einem Mitarbeiter ins Gespräch, der sicher schon die ausgefallendsten Teileanfragen hatte, aber trotzdem ziemlich verdutzt schaute, als ich meine Anfrage nach einer Hydraulikpumpe für die Hydropneumatische Federung mit der auswendig (!) vorgetragenen Fahrgestellnummer meines 560ers zur Notiz geben konnte.

Ich war darüber verdutzt weil er verdutzt war: ist das denn so abwegig, daß man die FIN oder auch die EZ seines Garagengoldes auswendig kennt? Jedenfalls freundliche Leute bei Herrmanns, reibungsloser Service: mittwochs darauf hatte ich aufgrund meiner Messeanfrage schon ein Angebot in der Inbox und freitagmorgens eine wohlriechende und gesund dreinblickende gebrauchte Hydraulikpumpe zum fairen Preis in der Hand, inkl. Garantie für 1 Jahr und 25.000 km. Selbst wenn die alte nächste Woche in der Werkstatt (wir werden berichten) nochmal abgedichtet werden kann: HPF-Teile zu horten ist nie verkehrt! Auch hierfür hatte sich der Messebesuch schonmal gelohnt.

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Aber eine Messe, die sich mit Vergangenheit beschäftigt, kann per se nichts Neues bieten – so könnte man meinen. Weit gefehlt! Nicht nur nutzt der Daimler das emotionale Ambiente als perfekte Bühne zur Präsentation seiner neuesten SL-Generation (Foto oben, dazu gleich mehr), auch die schiere Fülle an Exponaten längst vergangener Automarken und Zeiten läßt den interessierten Besucher immer wieder Neues entdecken oder Altbekanntes neu bewerten.

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Einer von vielen einst konturlos bunten Pixeln auf den Straßen unserer Kindheit, heute ein (aus italienischer Feder) stammendes Monument deutscher Sachlichkeit

RetroClassics_018Den größten Verblüffungsfaktor bieten die Großserienmodelle der Brot- und Butterklasse. Uns Mittdreißiger haben VW Passat und Opel Commodore über unsere gesamte Kindheit hinweg wie ein Hintergrundrauschen begleitet, dessen schleichendes Verebben wir gar nicht bemerkt haben. Der nüchterne Passat und der spießige Opel sind heute faktisch ausgestorben. Die wenigen verbleibenden Exemplare aus der Massenproduktion sind dreißig Jahre lang unterhalb des Radars, an Fahranfängern, Studenten-WGs und Abwrackprämien vorbei bis in unsere Zeit gereist, nur um uns die wertvolle Erkenntnis zu bescheren: der eine (Passat) besitzt aus heutiger Sicht noch immer die zu “deutscher” Sachlichkeit geronnene Grandezza aus dem Hause Italdesign Giugario, der andere (Opel Commodore) ist auch jetzt noch das Scheißauto vom Nachbarn hinter der Buxbaumhecke. Aber auch das nicht ohne Stolz und Würde!

Genau deshalb lieben wir es, diese vergessenen Volumenmodelle bei solcher Gelegenheit und aus anderer Blickrichtung wiederzutreffen. Es beruhigt, daß es für wirklich jedes Fahrzeug Liebhaber gibt, die mit Fleiß und Hingabe dafür sorgen, daß unsere Kindheitserinnerungen nicht verblassen. Selbst die gruseligsten nicht!

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Ein besonderes Auto aus den Teenager- und Twen-Jahren unserer Eltern gab es auf dieser Retro Classics natürlich auch. Und das ist alles andere als Großserie, wenngleich von tatsächlich epochaler Bedeutung. Die Rede ist vom Urahn des “Sportwagens des Jahrhunderts”, einem W194 Rennsport-Prototypen aus 1952, einem von vier, die sich noch im Besitz der Daimler AG befinden. Insgesamt hat es 11 Fahrzeuge der Baureihe 194 gegeben, die den erfolgreichen Neuanfang für Daimlers Rennsport-Engagement nach dem Krieg markierten. Nr. 1 wurde noch 1952 wieder verschrottet, Nr. 2 (ganz in silber) hatte im Januar 2012 seinen glanzvollen Auftritt auf der NAIAS in Detroit, nachdem er in 2011 aus 90% eigenen Originalteilen vom Classic Center wieder neu aufgebaut worden war.

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RetroClassics_031Das Sechzigste Jubiläum der Sportwagenreihe mit dem Stern bietet den perfekten Rahmen für eine schön inszenierte Fackelübergabe an die neue “Generation SL” (eigentlich “Sport Leicht”) der Baureihe 231, die dank ihrer besonderen Leichtbauweise ganz früher und auch heute mitunter wieder mit “Super Leicht” übersetzt wird.

Verwirrung herrscht in Fankreisen darüber, wieviele Generationen SL es denn nun tatsächlich bislang gegeben hat. Mercedes selbst spricht einschließlich des neuesten Sprößlings R231 von sieben Generationen. Das aber geht nur dann auf, wenn man zwei der drei Generationen Flügeltürer (R/C 197, W198 und den W194 hier), nicht mitzählt zu den anderen SL-Baureihen 121, 113, 107, 129, 230 und 231.

Das alles kann man so sehen oder eben auch sein lassen. Mir (Fünfkommasechs) als altem Trekkie ist das ohnehin herzlich egal: bei Star Trek helfen Paralleluniversen oder Quantensingularitäten, um Logikfehler dieser Art schon im Keim zu ersticken. Der SLS ist dann eben das Wurmloch, das direkt zurück zum W194 führt, sodaß man den W198 und den W121 überspringen kann, weil sie temporal betrachtet gar nicht existieren. Oder so ähnlich…

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Die Hauptsache für Mr. Spock war sowieso immer: lebt lange und in Frieden! Und genau das tut die SL-Klasse nun unbestreitbar schon seit sechs Jahrzehnten und 6-9 Generationen – im Durchschnitt also ungefähr sieben!

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Und wie immer werden viele das jeweils neueste Modell für viel häßlicher halten als dessen Vorgänger. Eine wichtige wenn auch unbedeutende Erfahrung, die Gorden Wagener nun mit Paul Bracq, Bruno Sacco und Peter Pfeiffer teilen darf.

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RetroClassics_032Wir jedenfalls heißen die neue SL-Klasse der Baureihe 231 herzlich willkommen, hätten uns manches anders gewünscht, vieles nicht erträumt, finden daß die Proportionen und Eckdaten stimmen und sind unterm Strich überzeugt, daß dem SL auch heute kein Mitbewerber das Wasser reichen geschweige denn abgraben kann. Somit repräsentiert er die würdige Fortsetzung seiner berühmten Ahnenreihe.

Das Prädikat “Klassiker von morgen” kann man ohnehin höchstens schon dem R129 zusprechen. Über die Baureihen 230 und 231 hat die Geschichtsschreibung noch kein abschließendes Urteil gefällt. Abgewandelt von einer großen Fußballerweisheit könnte man auch sagen: entscheidend ist auf dem Kiesplatz!

Und da hat schon so manche überragende Mercedes-Baureihe ihr blaues Wunder erlebt, was uns direkt zu einem anderen exotischen Exponat der Messe führt.

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Oops, das war natürlich das falsche Dia! Wir meinen vielmehr den Typ C126, der nach langer Durststrecke und flächendeckender, optischer Stigmatisierung als Ludenschleuder heute ein mehr denn je gesuchter Klassiker ist. Es dürfte kaum übertrieben sein, daß wir am vergangenen Freitag eines der zehn besten noch erhaltenen Exemplare seiner Gattung erblicken durften.

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RetroClassics_055Dieser 560 SEC präsentiert sich mir nichts dir nichts auf dem Messestand von TÜV Süd und trägt ein Mechatronik-Schild. Zunächst liegt also die Vermutung nahe, daß es sich hierbei um einen der ersten Mechatronik-Umbauten zur Baureihe 126 handeln könnte, in etwa also so: Airmatic-Fahrwerk unten, M278 vorne und COMAND Online innen. Stattdessen fanden wir etwas weitaus aufregenderes: Original-Werksbereifung, keinerlei Abnutzungsspuren, vierstelliger Kilometerstand und nur zwei Vorbesitzer, nämlich Daimler selbst und ein Sammler.

Vieles läßt sich an diesem 21 Jahre jungen Vorführwagen studieren. Zum Beispiel wie die 15-Loch-Fuchsfelge im Original lackiert war. Ein eher dezentes grau mit wenig Metallic-Wirkung und gänzlich anderer Haptik als bspw. jene Felge, die Mercedes-Benz Classic selbst als Teil seiner Originalteile-Skulptur präsentiert. Herr Dreikommanull predigt és ja schon länger, u.a. seit seinem großen Fuchs-Report hier bei 5,6, ich konnte es nun mit eigenen Augen sehen und fühlen – wobei sowieso jede Felge besser ist als die, die am Blauwal derzeit montiert sind.

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Die immer noch neu bestellbare 15-Loch-Aluminium-Fuchsfelge am Stand von Daimler Classic (oben) ist ein Augenschmaus – aber nur wenn man kein Pedant ist und das Original im Neuzustand gesehen hat. So wie am 560 SEC.

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Die Zeiger im Kombi-Instrument unseres C126 sind makellos leuchthellorange. Sämtliche Bedienelemente matt, das Streifenvelours im Neuwagenzustand und das Wurzelnußholz war wohl noch nie länger einer Sonneneinstrahlung ausgesetzt.

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Bei gleichbleibender Konservierung in diesem Zustand wagen wir die Prognose, daß das Fahrzeug in spätestens fünf bis zehn Jahren seinen Neuwert wieder erreichen wird. Je nach Verkaufspreis jetzt (den wir nicht erfragt haben) ist der 560 SEC eine lupenreine Geldanlage ohne viel Risiko, vorausgesetzt er wird weiterhin als reines Ausstellungsstück behandelt. Mit den längst nicht mehr erhältlichen, originalen Pirelli P600, die er noch immer trägt und die maßgeblich zu seiner optischen Perfektion beitragen, würde er auf der Straße ohnehin nicht mehr sehr weit kommen.

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Hier hat ein privater Anbieter (Mechatronik verweist auf ihn) den Markenclubs ein wenig die Schau gestohlen. Die wiederum leiden sichtlich darunter, sich für Techno Classica und Retro Classics in diesem jahr personell wie inhaltlich aufspalten zu müssen.

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RetroClassics_006Das alles dominierende Thema ist natürlich das für den Herbst 2012 bevorstehende vierzigjährige Jubiläum der Baureihe 116 – und damit der S-Klasse-Ahnenreihe an sich.

Einige Clubstände sind trotz aller Anstrengungen, zwei Messen zeitgleich bedienen zu können, fühlbar lichter ausgefallen. Trotzdem bleiben sich die Markenclubs selbst treu: der S-Klasse-Club hält in Stuttgart auch in diesem Jahr die Dokumentation des zeitgenössischen Aftermarkets für zu wichtig, um neben schönen anderen Exponaten ganz darauf verzichten zu können. Die MBIG zeigt mit einem breiten Spektrum an Baureihen, wie originell Originalität sein kann und rückt den W116 dabei in den Fokus. Und der VDH inszeniert einmal mehr das Altmercedes-Hobby als große Gaudi und nimmt sich selbst dabei aufs Korn. Für uns – wie auch in den Jahren davor – der sympathischste Messeauftritt.

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Den Star des kleinen Standes namens Knöpfle kennt man schon aus dem Fernsehen bzw. von Youtube. Schon seine Überführungsfahrt in die fürsorglichen Hände des Vereins der Heckflossenfreunde wurde seinerzeit zu einem der “letzten großen Abenteuer, die man auf Deutschlands Straßen noch erleben kann”. Drei Tonnen Leergewicht, die von 50PS “befeuert” werden und es dementsprechend “keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt, die dieses Auto brechen könnte”. Das muß man gesehen haben:

Etwas abseits der Clubstände dann das:

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RetroClassics_042Dem Hundertsechsundzwanziger läuft man in diesem Jahr allerorts über den Weg. Ein fulminanter 300er wird dabei – natürlich – vom ebenso fulminanten Herrn Dreikommanull am Liqui-Moly-Stand erspäht. Vom Karosseriezustand her ein Japan-Import, weil makellos und sehr niedriger Kilometerstand. Dazu ein SEL, aber mit merkwürdig spartanischer Ausstattung. All diese Eigenschaften könnten auch zu einem reinen Repräsentationsfahrzeug bspw. als Shuttle eines Hotelbetriebs hindeuten. Und da der Anbieter eine Oldtimer-Werkstatt ist, kann man annehmen, daß auch bereits vieles schon restauriert wurde.

Ein ebenso schlichter wie schöner Wagen, der wieder einmal zeigt, wie wunderbar vornehm die an sich einfache Uni-Lackierung 904 dunkelblau an einem Fahrzeug der dritten Serie wirkt, bei der ja auch die Beplankung Ton in Ton gehalten ist.

Etwas weniger dezente Noblesse in seinem Äußeren veströmt dafür dieser W126 des “DurstBlaster”-Racing-Teams.

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Warum malt eine Herrenclique einen 500 SE bunt an, stellt ihn auf der Retro Classics aus und freut sich darüber wie eine Rasselbande kleiner Jungs? Tja, mit etwas Glück können sie ihre kunterbunte S-Klasse nach 6000 Kilometern Fahrt gegen ein Kamel (!) eintauschen. Das wiederum dürfen sie dann aber nicht behalten, und auch wenn es kein Kamel gibt: das Auto müssen sie nach der Fahrt in jedem Fall abgeben, genau wie einen weiteren 420 SE und zwei Yamaha-Motorrädern.

Normal, oder? Und das beste: es ist alles für den guten Zweck! Alle vier Vehikel nehmen ab Ende April an der Rallye “Allgäu – Orient 2012” teil und fahren von Oberstaufen nach Baku in Aserbaidschan, wo Fahrzeuge wie Preise für das UN World Food Programme gespendet werden.

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Wir finden diese Aktion großartig und drücken dem Team DurstBlaster schon jetzt die Daumen! Ihr macht das schon, Jungs! Die beiden 126er sind mit ihren jeweils über 300tkm aus unserer Sicht gut eingefahren und werden Euch sicher und komfortabel ans Ziel bringen.

Hohe Kilometerstände und sichtbare Patina sind ohnehin längst kein Tabu mehr. Sogar außerhalb der schrillen Welt der Rallye-Youngtimer, im elitären Reich der seidenbetuchten Zweithaar-, Golferschuh- und Trachtenjacken-Fraktion gibt es eine verblüffende Entwicklung. In Kreisen, in denen bislang nur das Motto “ungeschweißt, aber vollrestauriert” Geltung besaß und über die Jahre zu einer gefühlten Verdopplung des eigentlich nur etwa dreitausendmal gebauten W198 führte, zeichnet sich inzwischen eine kleine Revolution ab. Und die manifestiert sich in den Schnappschüssen unten, die wir am Kienle-Stand (!) geschossen haben:

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Kratzer, Dellen, angelaufenes Chrom, abgegriffene Lehnen, verschlissenes Leder, kurzum: Patina! Inmitten all der in ewiger Schönheit erstarrten 300SL im Neuwagenzustand auf einmal DAS! Und am besten daran: alle schauen hin, alle sind begeistert! Wir natürlich auch, zeigt es uns und der Welt doch: ein 300SL ist eben auch nur ein Mensch!

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Genau wie es endlich den Trend weg von bedauernswerten Knochengerüsten auf dem Catwalk gibt (wer fand sowas eigentlich jemals attraktiv?), gibt es nun auch unter Klassikerliebhabern einen Trend hin zu mehr Natürlichkeit. Wir finden: ein in Würde gereifter Traumwagen zeigt Charakter (auch den des Besitzers) und wirkt allemal ehrlicher und aufregender als die seelenlos runderneuerten Concours-Exemplare. Der graphitgraue 300SL zeigt seine Biographie nicht nur im Scheckheft. Wir hätten ihn uns am liebsten gleich einpacken lassen.

Blöd nur, daß ich Marc ab jetzt nicht mehr damit nerven kann, endlich mal die Delle an SEINEM grauen 300er zu beseitigen. Ohne die wird’s demnächst nämlich nichts mehr mit einem Ausstellungsplatz bei Kienle ;-)

RostbratenMit all diesen philosophischen Gedanken und inspirierenden Erkenntnissen geht es abends wieder gen Heimat. Gut 20 Kilo schwerer, aber dafür wenigstens 400 Euro leichter verlassen wir das Messegelände und nehmen direkten Kurs auf Stuttgart-Plieningen, um traditionell bei Maultäschle und Rostbraten im gutbürgerlichen Gasthof “Zur Sonne” den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen. Das größte Highlight gibt es zum Nachtisch.

Nach dem Hauptgang nehmen wir Kurs auf Sindelfingen für einen kleinen Abstecher. Unsere Route führt uns spontan durch Möhringen auf den Fildern und damit ungeplant direkt an Bullshit Castle vorbei. RetroClassics_058Diese Fotogelegenheit durften wir keinesfalls ungenutzt verstreichen lassen, wenn auch die längst hereingebrochene Dunkelheit und das wenig lichtstarke Standard-Objektiv ein ordentliches Foto fast unmöglich machten.

Dennoch: nachdem der campusartige Bau Ende der Achtziger Jahre hier eingeweiht worden und zum Dienstsitz Edzard Reuters wurde, fuhr einen Katzensprung davon entfernt in Sindelfingen mein nautikblauer 560 SEL vom Band. Das ist die rechtfertigende Verbindung, die ein Erinnerungsfoto unentbehrlich macht. So sah das wohl auch der Pförtner, der uns beim Rangieren vor der Schranke interessiert beobachtet, aber auch dann nicht wegjagt, als wir für ein paar Sekunden ein herausfahrendes Auto mit einer ungeduldigen Dame darin behindern.

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Daimlers erfolgreichstes Oberklasseprodukt vor dem einstigen Dienstsitz seiner bislang am wenigsten erfogreichen Vorstände

Überhaupt scheint uns so manches erlaubt oder zumindest verziehen, allein schon weil wir mit einem gut gepflegten S-Klassiker unterwegs sind. So ergeht es uns auch in Sindelfingen, wo wir abermals einfach dem Stern auf der Haube folgend instinktiv dorthin fahren, wo normalerweise keine wild parkenden Autos und dicke Kameras lange geduldet RetroClassics_062werden. Wenn es einen Ort in Deutschland gibt, an dem Marc “Dreikomanull” Christiansen seinen eigenen Worten an diesem Abend nach begraben und ich gerne zum Blumengießen (und Fotografieren) vorbei kommen wollen würde, dann ist es der Bereich vor der Einfahrt des Mercedes-Benz Technology Center in Sindelfingen.

Man kann im Backstage-Bereich der Rolling Stones nur wenig mehr erleben als hier, zumindest wenn man – wie wir – gehörig einen an der Klatsche hat. Aber welcher wahre Fan hat das bezogen auf sein Interessenfeld nicht?

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Für uns ist das, was hier hinter den hell erleuchteten Fenstern der Forschungs- und Entwicklungsabteilung wohl gerade alles erdacht, entworfen und erprobt wird mindestens ebenso spektakulär wie die Entwicklung, die einst zu “unserer” S-Klasse geführt hat. Wenn der 126er nun also nach einem drittel Jahrhundert seit seiner Serienreife für einen kleinen Moment an dem Ort stehen darf, wo heute schon die Kapitel der nächsten 30 Jahre Automobilgeschichte entscheidend geprägt werden, dann birgt das ein Gänsehaut-Potential, in das sich der automobilaffine Leser wohl sicher wird hineinversetzen können.

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Während Marc versucht, mit seinem tragbaren Funktelefonapparat aus Amerika ein gutes Bild vom Standort-Schild zu schießen, fluche ich über meine Entscheidung, diesmal nur das lichtschwache Standardzoom mitgenommen zu haben. Ganz besonders weil direkt vor meiner Linse und hinter Marcs Rücken der erste Erlkönig (vermutlich ein BLS) in schwerer Tarnung an der Schranke eintrifft. Das sollte beileibe nicht der einzige in den höchstens 30 Minuten sein, die wir dort vebringen.

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Dann kommen in rascher Folge die neue A-Klasse, der modellgepflegte GLK und eine neue B-Klasse mit Bremsanhänger, der u.a. Steigungen in der Ebene simulieren kann. Als Fotomodelle sind diese drei Autos wenig interessant, da man sie ja mittlerweile auch ungetarnt kennt. Trotzdem ist das faszinierend, weil hier offenbar immer noch eifrig Versuchsfahrten mit diesen Modellen stattfinden. Und zumindest für die neue A-Klasse ist es ja auch noch einige Monate hin bis zur Bestellfreigabe geschweige denn Händlerpremiere.

Doch dann kommt der Moment auf den wir insgeheim gehofft hatten: einmal einen S-Klasse-Erlkönig aus der Nähe sehen. Die Baureihe 222 läßt tatsächlich nicht lange auf sich warten. Die nächste S-Klasse hat nur noch etwa ein Jahr bis zu ihrer offiziellen Premiere und befindet sich damit längst in ihrer letzten, bereits seriennahen Erprobungsphase.

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Die klassische Silhouette der Oberklasse mit den Abrollgeräuschen eines großen Wagens, aber kaum bis wenig Motorensound, mutmaßlich Voll-LED-Scheinwerfer und ein riesiges Display an Stelle eines Kombi-Instruments – für uns noch größer als in den beiden Vorgängermodellen.

Uns begegnen in der kurzen Zeit mindestens zwei verschiedene Erlkönige, und für einen kleinen Moment werden wir auch Zeuge einer symbolischen Wachablösung.

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W222 rechts passiert die Schranke, V221 links fährt gerade heraus und V126 unten ist stolz auf seinen Ur- und Ururenkel. Und obendrein bekommen wir nun auch noch Besuch!

Zuvor waren immer wieder wichtig aussehende Menschen in Bürokluft aus dem Portal herausgekommen und mit musterndem Blick auf den 560er und auf uns im Parkhaus verschwunden, ohne Anstoß an unserer Gegenwart zu nehmen. Jetzt aber begrüßt uns ein Herr vom Wachschutz persönlich: “Guten Abend! Schönes Auto!”

Mit diesen kurzen Worten war klar: wir hatten zwar keine schriftliche Aufenthaltsberechtigung, aber einen Duldungsnachweis im Format 516x182cm direkt neben uns stehen, der an seinem Ausfertigungsort auch 22 Jahre später noch uneingeschränkte Gültigkeit besaß.

RetroClassics_071“Einige Dauerläufer haben beim Pförtner bescheidgegeben, daß sie hier stehen. Deshalb dachte ich, ich seh mal nach.” Hmmm, uns waren die Leute, die aus der Pforte gekommen waren, nicht wie Dauerläufer vorgekommen. Alle trugen dunkle Anzüge, Krawatten und Aktentaschen und hatten es nicht sehr eilig. Dann dämmerte es uns: Dauerläufer, das waren die Erlkönige, die hier im Minutentakt ein und ausführen!

Die Testingenieure fahren ja nicht bloß zweimal um den Block und geben dann kurz vor Feierabend Ihr OK für die Serienproduktion, sondern im Verlauf der fünf- bis fast zehnjährigen Entwicklung einer neuen Baureihe werden viele Millionen Testkilometer geschrubbt, u.a. auch mehrere hunderttausend auf ein und demselben seriennahen Fahrzeug, um die Haltbarkeit und Stressresistenz der Gesamtkonstruktion im Alltag zu überprüfen. Die Dauerläufer bleiben also immer in Bewegung und spulen im Wechsel mit mehreren Crews in wenigen Monaten ein ganzes Autoleben ab.

Und durch diese hohle Gasse mußten sie alle kommen, deshalb kennt man den Einfahrtsbereich am Tor 16 schon von vielen Paparazzi-Schüssen aus den Autogazetten.

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Die zu erwartende Aufforderung zum Verlassen des Bereichs durch den freundlichen Wachmann blieb Subtext eines kurzen, allgemeinen Vortrags über das, was wir denn da gerade vor uns hatten: “Hier rechts sehen sie die Entwicklung, dahinter das Fertigungswerk, und hier links ist unser sensibelster Bereich, das Designzentrum”. Der Blauwal stand genau in Blickachse davor, gleichsam “Bruno Saccos Meisterwerk vor Gorden Wageners Atelier”. Wieder ein ikonenhaftes Bild an diesem Tag, das nur darauf wartete, auf fünfkommsechs.de verewigt zu werden. Ob die mir dann aber die Speicherkarten wegnehmen würden?

Um den sehr netten Mann vom Wachschutz nicht in die Verlegenheit zu Unfreundlichkeiten zu bringen, verlassen wir alsbald den heiligen Ort. Wir hatten ohnehin genug gesehen, und einige Fotos waren deutlich besser geworden als die, die wir hier oder in der Galerie zeigen. Der Gentleman genießt und schweigt.

Im nächsten Jahr nach dem Besuch der Retro Classics 2013 werden wir vielleicht wieder spontan hier her kommen und sind schon gespannt, welche Baureihen uns dann begegnen werden. Die neue S-Klasse W222 wird es dann schon offiziell geben. Wir freuen uns drauf!

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