Die Yacht des Sultans

Wenn sich das herumgesprochen hätte: “dem Sultan von Oman seine Yacht kommt nach Frankfurt”. Der vielleicht letzte Sommersonnensonntag des Jahres hatte ohnehin schon Zehntausende an die hessische Croisette gelockt, auch uns.

Den Sonnenuntergang vom Eisernen Steg aus bei nem Ebbelwoi to go zu betrachten, ist dem Hessen neben Handkäs’ mit Musik schon Gottesbeweis genug. Da hätte es den Zwischenstopp in der Klassikstadt zuvor gar nichtmal unbedingt gebraucht, um das Wochenende perfekt ausklingen zu lassen. Tja, wenn da nicht die Yacht des Sultans gewesen wäre.

Die Al Said im Hafen von Maskat (2009) | Foto: Wikipedia

Daß die laut Wikipedia drittgrößte Privatyacht der Welt auch nur theoretisch den Main hinauf bis nach Mainhattan hätte schippern können, darf zu recht bezweifelt werden: 155 Meter Länge, sechs Decks, 15.850 BRZ und ein Tiefgang von über fünf Meter. Und trotzdem stand sie plötzlich vor uns, die andere Yacht des Sultans, nur ein paar Kilometer flußaufwärts, mitten in einem alten Industriegebiet:

Mit ihrer großen Schwester von der Lürssen-Werft hat sie nur die Farbe gemein. Und ein wenig die Tatsache, daß ihr “Rumpf aus Stahl und die Aufbauten aus Aluminium” sind. Naja, der Heckdeckel zumindest, und die Alufelgen, …und der Leichtmetall-V8 natürlich.

Stapellauf am 11. Dezember 1987 in Köln zum Weitertransport in die Schweiz, dort Erstzulassung auf eine Person namens Al Wahaibi Said Bin Salem, einem Mitglied des weitläufigen Clans rund um die Herrscherfamilie des Sultanats Oman. Darauf weisen auch zahlreiche weitere Daten hin, die sich aus den Fahrzeug- und Zollpapieren des weißen Riesen ergeben.

Dabei hätte der “Fünfkommasechs Zwopluszwo” das blaue Blut seines Erstbesitzers gar nicht nötig: allein das blaue Leder in Kontrast zum arktikweißen Lack und der stratusgrauen Beplankung machen das große Coupé schon rein optisch zum royalen Traumschiff.

Die große Al Said soll eine Saunalandschaft an Bord haben. Bei ihrer kleinen Schwester hier leider Fehlanzeige: die Sitzheizung fehlt ebenso wie die “Orthopädie” oder das Soundsystem. Für ein Luxuscoupé mit Stern ist der Wagen bis auf sein Triebwerk also eher mager ausgestattet.

Das wirklich wichtige ist beim 560 SEC sowieso schon in der Grundausstattung enthalten: Prestige und Pferdestärken, wie man sie in den achtziger Jahren wohl in keiner ästhetischeren Form geboten bekam.

Ein Traumwagen zum “Schnäppchenpreis” von 145.720,50 DM, der mit Fug und Recht als Yacht auf vier Rädern bezeichnet werden darf. Man beachte: für diese Kaufsumme hätte man 1987 etwa 9 VW Golf bekommen. Die für ein S-Klasse-Coupé dennoch bescheidene Anzahl von aufpreispflichtigen Sonderausstattungen sind schnell aufgezählt:

Kopfstützen im Fond, Fahrerairbag, Unterfahrschutz, elektrisches Heckrollo, Einbruch-Diebstahl-Warnanlage mit Abschleppschutz.

Damit aber gab sich der Sultan – oder wer auch immer den Kaufvertrag unterzeichnet hat – schon zufrieden?

Kein Reiserechner, keine orthopädischen Sitze, kein Soundsystem und dergleichen mehr! Warum auch? Der M117 E56 ist Soundsystem genug, der Reiserechner auf einer Yacht überflüssig und wer braucht schon orthopädische Sitzlehnen, wenn er privat einen Masseur beschäftigen kann?

Sogar auf den im Grundpreis enthaltenen Metalliclack hat Herr Said wissentlich verzichtet. Die Außenfarbe hatte wohl zum Kaftan passen müssen, was man in Sindelfingen ganz einfach mit Code 147 “arktikweiß” übersetzen kann. Dieser Unilack steht dem C126 ganz hervorragend, wie wir meinen.

Der 560er wurde vom Erstbesitzer noch bis 2006 in der Schweiz gefahren und ging bei einem lachhaften Kilometerstand von 78.686 als Schenkung in den Besitz des Privatpiloten des Sultans über, einem gewissen William E. Winder aus England, der das Coupé wohl als Geldanlage ansah und kaum noch bewegt hat. Stattdessen hat er das Luxusfahrzeug über einen anderen Mitarbeiter des Sultans vier Jahre später wieder veräußern lassen. Über Umwege und Händler in Deutschland kam die Yacht schließlich zu ihrem heutigen stolzen Besitzer: Thorsten Phillip Karl, Wirtschaftsjournalist aus Wiesbaden, der mit dem Auto eine – vorsichtig ausgedrückt – günstige Kaufgelegenheit nicht ungenutzt verstreichen ließ. Glück muß man eben haben!

Kein Wunder angesichts eines schlüssig nachvollziehbaren Tachostands von gerade einmal 86.000 km beim Kauf und eines entsprechend neuwertigen Zustands. Jetzt hat die Yacht knapp über 50.000 Seemeilen oder 93.500 km auf dem Zähler und gehört damit immer noch zu den jungfräulichsten 126ern ihrer Bauart – mit Ausnahme der für ihre niedrigen Laufleistungen bekannten “Japaner”.

In Thorstens ohnehin schon erlesenem Klassikerfuhrpark (Prinz, DS, 204 und Pagode) ist der 560 SEC das krönende Sahnestück.
Mir bleibt, meinen tiefempfundenen Neid zum Ausdruck zu bringen und die dabei doch wohltuende Gewißheit zu haben, daß die Al Said aus Sindelfingen bei dem netten Herrn Karl in Wiesbaden einen standesgemäßen Liegeplatz gefunden hat. Wir wünschen stets eine Handbreit Luft unter dem (seltenen!) Unterfahrschutz und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen!

Und der Klassikstadt Frankfurt, wo wir dem – wie sich herausstellte – langjährigen fünfkommasechs.de-Leser Thorsten und seinem Traumschiff durch Zufall begegnet sind, wünschen wir weiterhin verdient steigende Besucherzahlen. Zu entdecken gibt es dort jedenfalls genug, gerade für unsereins. Man muß nur genau hinschauen:

Mehr Info unter www.klassikstadt.com

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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