Die neue E-Klasse, der Zentralstern und überhaupt.

Man muss hier nicht viel um den heissen Brei herumreden, der Eine mag neue Autos, der Andere eben nicht – doch Letzteres ist meist der Tatsache geschuldet dass er noch nicht länger das Vergnügen mit einem solchen modernen Mercedes hatte und so nicht das “Du” mit selbigem erreichen konnte.

Jeder kennt doch den Spruch: “Wenn ich Mercedes fahren will, dann rufe ich mir ein Taxi!

Dieser zumeist aus dem Lager der Nicht-Mercedes-Freunde stammende Ausdruck ist aber Programm, denn seit mehr als einem halben Jahrhundert dominiert ein Auto das Droschken- und Kutschergewerbe wie kein zweites, der Mercedes der mittleren Baureihe oder auch seit 1993 unter der Bezeichnung E-Klasse bekannt.

Was man mit diesem Spruch damit sagen möchte? Damit soll die Besonderheit eines Mercedes herabgewürdigt werden da dieser ja auch als schnödes Taxi dient und auch sogleich dessen “Altherren-Image” unterstrichen werden, denn diese Klientel kauft selbstverständlich nur zuverlässige und wertbeständige aber weniger modische/sportliche Fahrzeuge.

Dies ist nun endgültig passé – eigentlich nicht erst seit heute, sondern schon seit einigen Jahren ist Mercedes auf dem Wege der steten Erneuerung um auch jüngere Käuferschichten zu erreichen.

Weniger bekannt ist das Dilemma um den Mercedes-Stern!

Seit jeher wird in den Sindelfinger Entwicklungs- und Designbüros an der Zukunft des Mercedes-Markengesichts getüftelt und gefeilt. Erstmals Ende der 1970er Jahre, als eine völlig neue Kundenschicht mit dem Baby-Benz (Typ 190E) angesprochen werden sollte, hieß es sich Gedanken zu machen wie man sich des Altherren-Image entledigen könne.
Bereits damals wurde der Plaketten-Kühlergrill thematisiert, wie er mit der S-Klasse der BR 140 im Jahr 1991 eingeführt wurde.

Die angestrebte Kundschaft befindet sich stetig im Wandel, nicht nur weil dies bei Daimler vielleicht gewünscht wäre, sondern auch weil sich Geschmäcker und Ansichten ändern. Besonders merkte man dies eben auch mit der S-Klasse W140, das Fahrzeug war optisch viel zu mächtig und protzig für die beginnenden 1990er Jahre und so wurde er in Deutschland leider nie so ein Erfolg wie angedacht (in anderen Ländern und Kulturkreisen gab es solche Probleme nicht!).

Andere Länder, andere Sitten! Musste zu Beginn der 1990er Jahre ein Mercedes noch sozial-verträglich sein, so änderte sich das in jüngster Zeit dramatisch. Nicht mehr der Heimatmarkt ist Pulsgebend sondern vielmehr der Weltmarkt mit Hauptabnehmerländern wie den USA, China und der Nahe Osten. Das bedeutet jetzt nicht dass wir hierzulande unwichtig wären, aber wir spielen nicht mehr die Erste Geige. Dies betrifft übrigens alle Fahrzeughersteller und ist sehr schön an den Fahrzeugdesigns von Porsche, BMW und auch Audi festzustellen.

Der Zentralstern!

Wo wir auch schon beim Stein des Anstoßes wären – ein Automobilhersteller kann heute nicht überleben wenn er nur seine alten Tugenden und Baureihen auf dem Markt anbietet. Daimler wäre heute ein Übernahmekandidat wenn nicht schon längst zerschlagen worden, gäbe es nur mehr einen kleinen, mittleren und großen Mercedes. Die Qual der Wahl bestimmt über den Erfolg und Nicht-Erfolg am Markt. Gleiches gilt für das vorvorgestern noch geltende Motto des Designs “stets in Rufweite der Mode, aber nie modisch”… nach diesem Motto wurden fast drei Jahrzehnte die Produkte von Mercedes gezeichnet und die Stilisten um z.B. Bruno Sacco behielten auch Recht – das Design der frühen 1980er Jahre Mercedes ist an Zeitlosigkeit nicht zu übertreffen!

Doch heute ist es anders, die Kunden sind anders und der Absatzmarkt hat sich auch verlagert. Ein Mercedes der heute bestehen möchte kann nicht mehr auf sämtliche moderne und gerade angesagte Designsprachen verzichten, er muss sportiv & elegant zugleich aussehen.

Und genau hier kommt der Zentralstern (gemeint ist damit der große Stern im Kühlergrill, statt auf der Motorhaube!) ins Spiel: der große und teilweise mächtige Kühlergrill ist nicht jedermanns Sache. Mag es für Altmercedes-Afficionados keine Frage sein, so stellen sich diese doch neue und jüngere Käuferschichten. Der große Grill und die antiquierte Kühlerfigur schrecken ab – deshalb hat Mercedes schon immer den Kühlergrill weiter reduziert – besonders bei den Baureihen W202 und W210 erkennbar. Erst mit dem W221 ruderte man zum großen Zierrat zurück!

Die neue MOPF E-Klasse wird z.B. in den USA und UK nur mehr mit Zentralstern angeboten werden, Untersuchungen haben ergeben dass mehr als 50% der anvisierten Kunden dieses Design präferieren.
Dem hat man erst einmal wenig entgegen zusetzen. Die ersten Pressefotos waren für mich persönlich ein Schock! Gedanklich sprach ich schon vom Untergang des Abendlandes, doch als ich die neuen Modelle vergangenes Wochenende live beäugen konnte war ich schnell beruhigt(er). Zum einen bekommt der Kunde hierzulande erstmals die Möglichkeit ein ELEGANCE-Modell genauso auszustatten wie es bisher nur bei der Ausstattungslinie AVANTGARDE der Fall war und zum anderen gibt es eben noch einen Kühlergrill im klassischen Limousinen-Design. Und was für einen:

Er nimmt die Designsprache der kommenden S-Klasse W222 vorweg und ist deutlich größer als bisher in der E-Klasse. Für mich persönlich ganz klar der Favorit, zum man so nicht auf den geschätzten Stern auf der Haube verzichten muss. Ganz klar, der Stern sieht auch schön aus, doch gerade in engen Gassen finde ich ihn von unschätzbarem Wert, man kann damit perfekt die Fahrbreite ausbalancieren und weiß schneller und einfach wo der Wagen an der rechten vorderen Ecke aufhört.

Auf der anderen Seite schaut das AVANTGARDE-Modell ohne Stern auf der Haube auf den 2. und 3. Blick immer interessanter aus. Die Idee dahinter war dass man den “Softnose-Look” der Sportmodelle SL, SLS, SLK, CLS etc. nun auch zur Limousine bringen wollte, zum anderen aber eben auch den Look der E-Klasse weniger “hierarchisch” machen wollte. Ist vielleicht schwer nachzuvollziehen, aber leider denken so zunehmend mehr Kunden.

Und wenn wir mal ganz ehrlich mit uns selbst sind, so bekommt der Kunde heute doch genau das was er immer schon wollte: den Zentralstern mit dem Look des SL oder SEC-Modells. Bereits zu Zeiten der Baureihe 123, dem Urahn der heutigen E-Klasse per se, montierten sich viele Besitzer einen solchen “SEC-Imitat”-Kühlergrill an ihr Auto. Solche Accessoires gab es für den W123, W124, W126 und W201. Heute allerdings sieht man es nirgends mehr und die jetzt als Youngtimer auf den Straßen bewegten Fahrzeuge werden eher im Originallook gepflegt und verehrt.

Die Technik auf Höhe der Zeit – in allen Bereichen, bzw. fast allen!

Kommen wir aber mal zu etwas deutlich interessanterem als der Streitfrage ob nun Limousinengrill oder Sportwagen-Look, nämlich der der neuen Assistenzsysteme und technischen Ausstattung in den neuen E-Klasse Modellen, diese nehmen hier eine absolute Vorreiterposition in ihrem Segment ein. Dank der Technik aus der kommenden S-Klasse W222 (weshalb es auch für uns so von Interesse ist), ist die E-Klasse absolut auf Höhe der Zeit.

Eine genaue Aufzählung findet Ihr im Bericht über die technischen Systeme die ich bereits über den W222 verfasst hatte KLICK
Hier nun geht es eigentlich nur darum das Erfahrene einmal zu verbalisieren, zumal es leider nur ein kurzer Einblick in die Systeme war. Denn mangels geeigneter Strecken bzw. zu wenig Zeit konnte man den “Stau-Folge-Assistenten” und den neuen “Aktiven Park-Assistenten” leider nicht ausprobieren.

Was jedoch wirklich phänomenal und fast erschreckend gut funktioniert ist der “Aktive Spurhalte-Assistent” der mittels DISTRONIC-Radarauge(n) und Stereokamera die Fahrspuren ständig im Blick behält und so auch räumlich verarbeiten kann. Es genügt auf normal kurvigen Strecken absolut, lediglich einen Finger am Lenkradkranz zu belassen. Man kann sich entspannt in den Sitz lehnen und den Dingen Beachtung schenken ohne ständig mit voller Kraft lenken zu müssen.

Lässt man jedoch das Lenkrad völlig los (dies wird durch den dann fehlenden Widerstand im Mantelrohrmodul erkannt) so erscheint nach rund 7 Sekunden eine Warnung im Display und nach weiteren ca. 3 Sekunden ein Warnton. Das System ist dann deaktiviert und der Fahrer muss wieder vollständig das Steuer übernehmen!

Sobald das System durch setzen einer Reisegeschwindigkeit mittels DISTRONIC Plus aktiviert wurde, wird das kleine stilisierte weiße Lenkrad grün eingefärbt und das System arbeitet.

Auch wenn ich es nur wenige Kilometer nutzen bzw. erfahren konnte, so ist für mich heute schon klar dass das eine ganz neue Dimension des Autofahrens. Daimler ist damit endlich dort angekommen wo man in Prospekten schon 1971 suggerierte bald sein zu wollen: der automatischen Fahrregelung des Fahrzeugs.

Der Grund warum das Fahrzeug nicht länger und größere Kurvenradien autonom fahren kann liegt derzeit nur an der Gesetzeslage die dies nicht erlaubt, noch nicht. In spätestens 5-10 Jahren kann es durchaus Stand der Dinge sein dass ein jedes (hochpreisige) Fahrzeug einen Autobahn-Autopiloten besitzt der automatisch die Spur hält und gegebenenfalls auch langsamere Fahrzeuge selbsttätig überholen kann. Daimler hat hierzu vor zwei Wochen auch einen Forschungswagen vorgestellt der einen so genannten AUTOBAHN-Piloten besitzt! Die Kollegen vom Passion-Blog haben das Fahrzeug bewegen und erfahren dürfen, für die Interessierten geht es hier weiter KLICK

Jedoch gibt es auch Punkte an der neuen Baureihe die mir persönlich weniger gut gefallen haben: hier wäre zum einen das deutlich zu kleine und wenig fein auflösende COMAND-Display zu nennen. Hier hätte ich mir etwas größeres gewünscht, gerade da die neue MOPF Version in vielen anderen Märkten als MY2014 (Modelljahr 2014) angepriesen werden wird und so noch rund 3 Jahre auf dem Markt bestand haben soll!

Weiter habe ich persönlich ein großes Problem damit dass man sich Dank der neuen LED-Scheinwerfer, die serienmässig verbaut werden, den SA-Code 600 (die Scheinwerfer-Reinigungsanlage) gespart hat. Hierzu wurde mir versichert gäbe es auch intern zwei Meinungen, nur ist es nunmal so dass man sich entscheiden muss. Eine Entscheidung muss nicht immer die Richtige gewesen sein, das wird man erst im Nachhinein sagen können. Gründe für den Wegfall liegen allerdings auf der Hand: die Reinigungsanlage war bei Xenon-Scheinwerfern aufgrund der erhöhten Blendwirkung des Gegenverkehrs zwingend vorgeschrieben, zum anderen ist die Reinigungswirkung der Wischerlosen-Systeme leider auch nicht wirklich so optimal wie z.B. noch beim W126, der jedoch auch über Glas-Streuscheiben verfügt und somit nicht wirklich mit modernen Autos vergleichbar ist.

Die Lichtquelle der Voll-LED Scheinwerfer (SA ILS) besitzt zwei starke LED Lichtaustrittsquellen für das Fahrlicht und blendet so schon einmal von vornherein weniger stark als eine Xenon-Lichtquelle, ausserdem kann man (und das ist bei modernen Fahrzeugen wirklich eines der wichtigsten Themen) durchaus Gewicht sparen wenn man das System eliminiert. Man sprach mir gegenüber von 3-6 Kilogramm, was einen spürbaren Effekt über den Lebenszyklus des Fahrzeugs habe – weniger Kraftstoffkonsum und weniger Schadstoffausstoss.

Allerdings kann man nur den Wunsch nach Sindelfingen bzw. Stuttgart schicken das auch die kommende C-Klasse W205 ab 2014 dem Kunden die Wahl überlässt ob er eine klassische Limousinen-Front mit Stern auf der Haube lieber haben möchte als den Zentralstern!

So sind sie eben die modernen Zeiten – Flottenverbräuche und rigorose Strafzahlungen gegenüber der Automobilhersteller zwingen zum nachdenken und handeln.

Im Grunde war ja auch der W126 schon ein solches “Lightweight-Vehicle“…

Neben den design- und technischen Aspekten haben ich auch die Möglichkeit gehabt die neue E-Klasse als E350 BlueTec ELEGANCE und als E400 AVANTGARDE Probe fahren zu dürfen, sowie eine kleine Berghatz mit dem neuen E63 AMG und E63 AMG 4Matic S Modell zu absolvieren.

Für den E-Klasse Bericht bitte hier KLICKEN

Für den Bericht über den neuen Dampfhammer E63 AMG hier KLICKEN

Alles in allem kann man sagen dass es mehr als faszinierend ist wie weit die moderne Welt technisiert wurde. Bei all’ den Assistenten und Warneinrichtungen muss man allerdings keine Sorge haben nicht mehr der Herr im Hause zu sein, denn hier gilt bei Mercedes immer noch der Grundsatz der auch zu Zeiten unseres W126 galt: Technik soviel wie möglich und Bevormundung des Fahrers nur soweit nötig!

Man darf nie vergessen dass es im Grunde genauso fortschrittlich war 1984 einen W124 bewegen zu dürfen (der auch neue Techniken vorweg nahm die die S-Klasse erst einige Zeit später bekam!) wie es jetzt eben mit der ab April beim Händler stehenden E-Klasse MOPF der Fall sein wird.

Ich bin jedenfalls heute noch sehr beeindruckend und begeistert was technisch alles machbar und möglich geworden ist. Heute kann jeder – der das nötige Finanzpolster besitzt – sich selbst einen Forschungswagen à la Auto 2000 vor die Türe stellen!

Ja und beruhigt bin ich auch, seit ich den “Produktmanager 212” kennengelernt habe, dieser hat mir urplötzlich ein paar alte Fotos gezeigt die ihn mit seinen zahlreichen Ponton-Mercedes zeigt. Denn er hat selbst Anfang der 1980er Jahre sehr gerne an den Fahrzeugen geschraubt und sogar einmal 10 Pontons besessen die er aus Österreich zurückgeholt hatte um ein paar fahrbare Modelle daraus zu bauen. Doch damit nicht genug, für die kommende Youngtimer-Saison sucht er noch nach einem A124, vornehmlich einen E320 final edition. Ich drücke ihm die Daumen und freue mich dass es noch solche Menschen mit Sternenblut beim Daimler gibt, solange sind wir in guten Händen!

Fotos: ©fuenfkommasechs.de & Daimler AG

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