Kilometerstand 396.000 oder: Fahren bis der Zahnarzt kommt

Der Herr Dreikommanull sagt immer, er hätte lieber einen Termin beim Zahnarzt als beim TÜV. Bei mir verhält sich das genau umgekehrt, was aber daran liegt, daß meine Kauleisten in chronisch schlechterem Zustand sind als Herrn Dreikommanulls Bremsabstützungen. Meine Bremsabstützungen sind hingegen frisch geschweißt, deshalb bin ich aktuell sogar lieber beim TÜV als z.B. an der Tankstelle. In unsrer heutigen Geschichte kommt genau das vor: die Tankstelle, der Zahnarzt und ein -öh- durchaus TÜV-relevanter Blechschaden. Mehr Horror am hellichten Tag geht nicht.

Am besten steigen wir todernst ein, und zwar mit einem Bild wie Zahnschmerzen. Das hatten wir als Teaser dieser Story für unsere Facebookseite gebastelt:


Wenn so eine Kieferfehlstellung am Vorderwagen der schönsten S-Klasse aller Zeiten für irgendwas gut ist, dann wenigstens um mit einiger künstlerischer Freiheit die Behauptung aufzustellen, der W126 könne im Gegensatz zu seinen neueren Markengeschwistern sehr wohl den Small Overlap Crash der IIHS meistern. Das tut er zumindest ein bißchen, wenn man halb so schnell ist und noch deutlich mehr Überdeckung mit dem Hindernis hat als im echten Test vorgesehen – und vor allem sehr viel mehr Glück.

Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: das Fahrzeug auf dem Bild, aus dessen vorderer Stoßstange eine Laterne wächst, deren Lampengehäuse den Fahrer nach dem Aussteigen beinahe noch erschlagen hätte, ist mitnichten irgendeine Möhre, die wir zum Verheizen bei den Ludolfs gekauft haben. Es war vielmehr ein penibel hergerichtetes Exemplar der letzten je gebauten 126er (Erstzulassung 06/1991) mit ordentlichem Stammbaum und in exquisitem Erhaltungszustand.

Und auch wenn es unglaublich klingt: dieser Crash war keine Absicht! Die Laterne muß sich vor das Auto geworfen haben. Auf dem zweiten Foto oben rechts ist sie bereits wieder von dannen gezogen zu ihrem nächsten Opfer. Sei’s drum!

Wie man solch einen Wagen bei Tageslicht auf einem leeren Parkplatz unabsichtlich in einen Zustand haarscharf am Totalschaden vorbei befördert, muß der Eigner des 500 SE uns am bestem selbst erzählen. Die 126er-Gemeinde hat schließlich Anspruch auf Klärung dieses Sachverhalts. Das folgende Interview haben wir am Vorabend dieser Sendung aufgezeichnet:

5,6: Guten Abend nach Hamburg, Herr Klett. Würden Sie sich kurz unseren Zuschauern vorstellen?

TTK: Ich heiße Timm-Thomas Klett, bin 39 Jahre alt, Zahnarzt und habe eine Automeise. Das ist hier aber auch nicht unüblich. Neben meinem 126er habe ich noch einen W123 200 Bj. 1977 aus erster Hand in ikonengoldmetallic und mit scheckheftgepflegten 135.000 km, sowie einen Alfa Romeo 1750 GTV Bj. 1970 und eine Giulia Super 1600 Bj. 1979 (von Nino de Angelo abgekauft in Köln). Ihr seht, ich bin total wahnsinnig…

5,6: Das beruhigt uns schonmal! Uns interessiert aber vor allem DAS Auto, also der Hundertsechsundzwanziger!


Als die Welt und der vordere Kotflügel noch in Ordnung waren

TTK: 500 SE, Erstzulassung Juni 1991, in blauschwarzmetallic mit schwarzer Lederausstattung und – wie natürlich alle gerne behaupten – nahezu Vollausstattung. Der Wagen ist aus dritter Hand, ich kenne aber alle Vorbesitzer persönlich, und hat jetzt 396.000 km gelaufen.

5,6: Dreihundertsechsundneunzigtausend Kilometer? Das ist amtlich!

TTK: Sieht man ihm nicht an. Denn kurz nachdem ich bei der Firma Leseberg (MB Classic Center) in Hamburg fast 9.000 Euro investiert habe, bin ich auf einem Supermarktparkplatz, auf dem KEIN anderes Auto stand, ungebremst…

5,6: SCHADE daß wir an dieser Stelle keine Werbeunterbrechung machen können, um die Spannung noch künstlich aufzublasen. Vielleicht erstmal der Reihe nach erzählen, bitte!

TTK:
OK, es war im April 2010 an einem Sonntag. Ich war mit meiner damaligen Freundin Julia im Hamburger Umland unterwegs, um Ausschau nach einer schönen Kirche für unsere bevorstehende Hochzeit zu halten.
Julia war schon ein wenig genervt. Wir hatten das Wochenende bei ihren Eltern in Lübeck verbracht und ich hatte ihr und ihrer Familie nicht die volle Aufmerksamkeit geschenkt, denn ich habe die Gelegenheit genutzt (große Garage und sehr großes Grundstück der Eltern), den Benz mal wieder richtig auf Hochglanz zu bringen.

5,6: Das ist aber ganz normal und gehört sich so!

TTK: Eben! Ihr müßt wissen, ich bin stolzer Besitzer der Swizöl-Master-Collection. Habe ich mal geschenkt bekommen. Denn die Techno Classica stand vor der Tür und ich wollte mit dem perfekt aussehenden 500er am darauffolgenden Wochenende die Reise nach Essen antreten.

5,6: Sehr löblich! Umso bizarrer, was dann wohl passierte…

TTK: Genau, wir fuhren so durch die Dörfer, als ich plötzlich auf der linken Straßenseite aus dem Augenwinkel eine Tanke mit einem verlockenden Benzinpreis sah und beschloss spontan zu tanken.
Ich bog links ab und wir befanden uns in einem typischen Gewerbegebiet. McDonald’s, Kik, Aldi, die Tanke und in der Mitte ein RIESEN Parkplatz. Da  stand nicht ein einziges Auto, gar keins, nur zwei große Laternen…

5,6: Oh je.

TTK: Die Tankstelle befand sich auf der anderen Seite des Parkplatzes. Und weil sich von links eine neuere C-Klasse näherte, die mir anscheinend zuvorkommen wollte, beschloß ich, Gas zu geben und den Parkplatz diagonal zu kreuzen. Julia würde mich jetzt als Arschproleten Angeber bezeichnen…

5,6:

TTK: …womit sie in diesem Fall vielleicht sogar recht hat.
Es war an diesem Tag ein bisschen trübe und regnerisch und meine kleine Abkürzung endete in einem unglaublichen Knall, ganz abrupt, wie aus dem Nichts!

5,6: Aber warum???

TTK: Ich habe nach links zu dem C-Klasse Fahrer geschaut, daß der mich bloß nicht überholt und Julia hat irgendwas in Ihrer Handtasche gesucht. Ganz ehrlich, wir haben beide diese Laterne nicht gesehen.
Im Auto roch es nach irgendetwas Verbranntem, es rauchte ein wenig, der Motor war aus und ich konnte immer noch nicht begreifen, was da passiert war. Der Airbag hatte NICHT ausgelöst, obwohl er nachweislich bei MB geprüft worden ist, aber  – man mag es kaum glauben – der Einschlag hat laut MB nicht ausgereicht, daß es erforderlich gewesen wäre.

5,6: Das kann schon sein. Wahrscheinlich war es auch in jedem Fall gut so!

TTK: Aber die Gurtstraffer haben einwandfrei funktioniert.

5,6: Das dürfte den verbrannten Geruch erklären, denn die Gurtstraffer bzw. –strammer arbeiten pyrotechnisch, wie unsre Leser natürlich alle wissen :-) Aber wie ging’s dann weiter?

TTK: Als ich ausstieg, um das ganze Ausmaß zu betrachten, knallte plötzlich, wie in ‘nem schlechten Film, das Glas der Laterne neben mir auf die Straße.

5,6: Das ist wie im schlechten Film, ja! Und dann?

TTK: In Bruchteilen von Sekunden kamen alle Gäste von McDonald’s und Kunden der Tankstelle auf den Parkplatz. Niemand konnte begreifen wie einer so bescheuert sein kann, seinen Wagen einfach so in die Laterne zu steuern.
Ein paar Minuten später formierten sich sämtliche Vertreter der umliegenden VW- und Opel-Szene (tiefer und mit komischen Felgen und Farben) um mein Auto und machten Fotos und Filme und lachten sich tot.
Ich habe alles an Suchbegriffen bei YouTube eingegeben, aber nichts gefunden.

5,6: Wer den Schaden hat…


TTK:
Ganz interessant ist, daß auf der Beifahrerseite, wo der Einschlag war, sich das Spaltmaß zwischen Kotflügel und Tür nicht verändert hat. Gottseidank habe ich nicht den Längsträger getroffen. Sonst hätte man den Wagen wegschmeißen können. Außerdem sind rechts ja auch kaum Nebenaggregate.
Wie gesagt: jetzt erstrahlt er in neuem Glanz. Was natürlich schade ist, ist die Tatsache, daß der vorher schon erstaunlich gute Originalzustand nicht mehr erhalten ist. Ich habe ihn nämlich gleich komplett lackieren lassen.


Aktueller Zustand heute. Der Grauschleier ist ein Kratzer auf der Kameralinse, keineswegs der (neue) Lack

5,6: Und die Freundin? Die war doch schon vor dem Unfall angesäuert?

TTK: Julia hat mich trotz dieser schrägen Geschichte im Oktober desselben Jahres doch noch geheiratet. :-) Das Schlimmste dabei war aber, daß das ultimative Hochzeitsauto nicht mehr zur Verfügung stand… jedenfalls nicht fahrbereit!


Die Frischvermählten mit einer nicht-autorisierten Vorstudie des CLS Shooting Brake als Hochzeitsfahrzeug. Das Brautpaar wirkt eigentümlich riesenwüchsig auf diesem Foto.

Als tollen Ersatz hatten wir ein ganz frühen Mini Clubman, Baujahr 1971, von meiner Schwägerin.
Ihr könnt Euch vorstellen, daß alle Hochzeitsgäste mit einem Mercedes oder einem der Alfas gerechnet haben. Aber so fand ich es ganz cool, mit diesem kleinen Auto vorzufahren.

5,6: Herzlichen Glückwunsch, auch zum schönen Ersatzfahrzeug!  :-)
Interessant wäre nun aber noch zu wissen, wie das Vorleben des 500 SE bis zum Zeitpunkt seiner Wiedergeburt verlaufen ist. Der Wagen sieht trotz seiner hohen Laufleistung auch innen alles andere als verwohnt aus. Allein das Holz und die satt orangefarbene Tachonadel deuten auf sehr wenig Kontakt mit UV-Licht hin.

TTK: Ich sag ja, ich kenne alle Vorbesitzer persönlich. Die Historie beginnt am 17. Juni 1991 in der MB Niederlassung Kassel, wo der 500 SE an Herrn Heinz Werner S. aus der Nähe von Göttingen ausgeliefert worden ist – für 124.975,01 DM. Der Mann hatte eine Firma für Fernmelde- und Kabelbau, sowie eine Firma die Autotelefone installierte. Das erklärt auch warum bei meinem Wagen zwei C-Netz Antennen (hinten links und rechts) nachgerüstet wurden. In der Zeit galten möglichst viele “Strahler” ja als Statussymbol.
Ich fing zum Wintersemester 1994 in Göttingen an zu studieren und schon da fiel mir der Wagen auf. Der W126 hat mich schon immer fasziniert. Ich hatte bereits einen 280SEL Bj. 1982 besessen -als Zivi! Den hat mir der Vater meiner damaligen Freundin GESCHENKT!

5,6: Eine S-Klasse will ich auch mal geschenkt kriegen…

TTK: Naja, mein eigentlicher Traum war ein vollausgestatteter 8-Zylinder, 2. Serie. Und dann in schwarz. Natürlich wollte ich einen 560 SEL. Aber zu dieser Zeit war der W126 ja noch ein junger Gebrauchter, der völlig außerhalb meiner Möglichkeiten war.
Heinz Werner behielt den 500SE recht lange und verkauft ihn schließlich im September 2002 an Jörn B.
Jörn, den ich auch aus Göttingen kenne, war gerade mit seinem BWL-Studium fertig und suchte eine repräsentative Limousine. Seine damalige Freundin fand den Wagen aber gruselig. Und nachdem ein autonomer Göttinger Student noch mit einem Schlüssel die Fahrerseite zerkratzt hatte, kaufte Jörn sich einen prolligen Porsche Boxter und verkaufte den Mercedes bereits im November 2002 an seinen Schwager Jan-Olaf B.
Olaf ist Gebrauchtwagenhändler aus Baddeckenstedt bei Hildesheim. Den kenne ich schon mein ganzes Leben. Aus diesem kleinen Kaff komme ich nämlich auch. Ich habe Olaf drei Jahre lang genervt, bis er mir schließlich den Wagen Weihnachten 2004 für 7.000 € verkauft hat.

5,6: Das war sicher ein fairer Preis!

TTK: In diesen drei Jahren hat seine Frau den Wagen hauptsächlich genutzt, um ihre drei Kinder durch die Gegend zu kutschieren. Ich glaube, sie haben alle mehrfach gegen die Fenster, speziell gegen die kleinen Dreiecksfenster hinten, gekotzt, weswegen seine Frau auch nicht traurig war, als der Benz endlich weg kam.
Zu diesem Zeitpunkt hatte der Benz nachvollziehbare 224.000 km auf dem Tacho. Der Wagen war bis auf den Kratzer und die etwas ekligen Fenster hinten in einem sehr guten Zustand. Keine Beule, kein Rost. Er stand immer in einer Garage. Bis auf die 2 Monate, wo Jörn ihn besaß. Alles funktionierte tadellos. Bis heute.

5,6: Und jetzt war er endlich wieder in guten Händen

TTK:
Zu diesem Zeitpunkt lebte ich mit meiner Julia in Lübeck und war jetzt der glücklichste Mensch der Welt. Ich nutzte den Wagen täglich um nach Travemünde zu meiner Arbeitsstelle zu fahren (30km hin und zurück) und ab 2004 sogar um damit täglich nach Hamburg zu fahren (ca. 130 km hin und zurück). Der Wagen wurde von mir immer penibelst gewartet und gepflegt.
Trotzdem kam im November 2009 eine große Reparatur auf mich zu, die ich aber einkalkuliert hatte. Die gesamte Vorderachse wurde überholt, alle Stoßdämpfer und Bremsen wurden erneuert. Das Automatikgetriebe wurde überholt. Alle Füssigkeiten und Filter ausgetauscht, neuer Auspuffendtopf und die Klimaanlage wurde aus das neue Kältemittel umgerüstet.
Wir haben eine umfangreiche Motorinspektion gemacht, aber nichts mußte erneuert werden, auch nicht die Steuerkette bzw. Kettenspanner. Diese sehr teure und umfangreiche Reparatur wurde von MB Classic Center Norddeutschland Fa. Leseberg in Hamburg durchgeführt. Danach fuhr sich der Wagen wieder wie neu.
Bis zum Frühjahr 2010, aber die Geschichte kennt ihr ja jetzt schon.

5,6: Ein bewegtes Auto-Leben und ein goldener Unruhestand für den Fünfhunderter!

TTK: Ja, nach langem Überlegen habe ich mich für die (sehr kostspielige) Instandsetzung entschieden. Leider war er ja nicht vollkaskoversichert. Es wäre aber einfach zu schade gewesen, den Wagen einfach so zu entsorgen.


Alles frisch, trotz scheinbarem Lackschleier im Bereich der A-Säule. Das aber ist ein Linsendefekt (vgl. andere Fotos)

5,6: Also, Herr Klett, lieber Timm :-) Da kann man Euch nur beglückwünschen und sich freuen, daß alles so gut und glimpflich abgelaufen ist. Das Auto ist gerade auch durch seine Wiederauferstehung etwas ganz besonderes und wird Euch so schnell nicht im Stich lassen. Vielen Dank für die Teilhabe an dieser sensationellen Geschichte!

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