In guten wie in schlechten Zeiten..

In guten wie in schlechten Zeiten.. hinter diesen magischen Worten steckt viel mehr Wahres als man im ersten Moment denken mag.

Alles begann an einem Samstag – genauer gesagt am Samstag den 27.November 1999 – an jenem Tag betrat ein anthrazitfarbener (172) 300SE zum ersten Mal die Bühne in meinem Leben.

Zum Preis von immerhin 12.000 D-Mark wechselte der Wagen zum ersten und auch vorerst letzten Mal seinen Besitzer. Mit seinen 11 Jahren und knapp 166.000Km auf dem Tacho war er gerade einmal eingefahren. Die technischen Daten sprachen für sich – Reihensechszylinder-Einspritzmotor und ganze 3 Liter Hubraum klingen nach Spitzenklasse, die Automatik, das elektrische Schiebe-Hebe-Dach und der Fünf-Meter-und-Zwei lange Wagenkörper nach Luxusklasse.

Da war sie nun, meine S-Klasse!

Zugegeben, es ist nicht gerade alltäglich wenn man sich im zarten Alter von 20 Jahren einen Automobilen Traum erfüllt – aber ich bin unschuldig. Von klein auf wurde ich durch meinen Vater immer wieder mit dem Virus “Daimler-Benz” infiziert. Schon im Alter von 5 Jahren wusste ich dass die S-Klasse das Ultimum darstellt. In meiner Familie erzählt man sich dass eines meiner ersten Wörter “Mercedes” gewesen sein soll. Da ist es doch nur logisch und konsequent dass man sofort zuschlägt wenn sich die Möglichkeit ergibt ins Automobile Oberhaus aufzusteigen. Ich wette, Jeder hätte es an meiner Stelle ebenso getan!

Grund für diese Geschichte ist, dass sich oben genanntes Datum heute zum 11. Mal jährt – wenn ich so drüber nachdenke, frage ich mich wo die Zeit geblieben ist.

Was bei einer jeden Hochzeit Braut und Bräutigam in die Pflicht nimmt, beschreibt absurder Weise auch bestens die Beziehung zwischen mir und meinem 300SE. Im Jahr 2000 war das größte deutschsprachige Internetforum, das sich der Baureihe W126 verschrieben hat kein halbes Jahr alt. Ich betrat also absolutes Neuland – nicht nur für mich – und das neue Medium Internet immer fest im Blick. Wie sonst sollte ich als frischgebackener Abiturient eine S-Klasse erhalten können?

Es gab immer neue Aufgaben zu meistern, denn schnell wurde mir klar dass S-Klasse auch mehr Verantwortung bedeutet. Mein erstes Auto war ein W123 – ein normales altes Auto mit Technik die man gut auch als “Hausmannskost” bezeichnen könnte. Das war und ist beim W126 aber anders! Auch wenn man aus heutiger Sicht hierzu auch den W126 zählt, so ist es immer noch eine Oberklasselimousine die auch besondere Beachtung in ihren Details erfordert.

Mit meiner S-Klasse habe ich in diesen 11 Jahren immerhin knapp 110.000 Kilometer zurückgelegt. Eine echte Panne gab es nicht, doch aber vergleichbare Situationen. Sei es gleich zu Beginn ein defekter Luftmengenmesser oder eine zerstörte Primärpumpe des Automatikgetriebes. Ging letztere noch auf eine Mercedes Gebrauchtwagengarantie so musste ich beim Luftmengenmesser teures Lehrgeld an Mercedes bezahlen – ich erinnere mich da an 750 D-Mark nur für das Ersatzteil.

Trotz möglicher hoher Kosten und viel Hobbyarbeit entschädigt so eine S-Klasse doch ungemein für alle Qual und Leiden die sie ihrem Eigner zuweil erfahren und spüren lässt.

Die schlechten Zeiten habe ich ja gerade angeschnitten – vertiefen muss man sie ja nicht unbedingt weiter – kommen wir also zu den guten. Wobei die guten Zeiten in meinem Fall auch mit Qual und Leid verbunden sind, aber selbstverschuldeten. Denn mein 300SE war mir persönlich nicht ausreichend genug ausgestattet – für mich macht eine S-Klasse nur dann Sinn wenn sie wirklich viele (auch unnötig erscheinende) Sonderoptionen beherbergt.

So kam es dass ich zum Beispiel Gefallen am Reiserechner gefunden hatte und dank einer bekannten Kölner W126-Werkstatt auch die Möglichkeit bekam dass diese Idee Früchte tragen konnte. Problematisch war es dennoch, denn vor mir hatten sich damit wohl nur wenige beschäftigt, jedenfalls war das Internet leer im Bezug auf eine Reiserechner-Nachrüstung. Heute möchte ich ihn nicht mehr missen und seit diesem Sommer habe ich auch einen neuwertigen und endlich passenden Tachometer (Schaltpunktmarkierungen!):

Auch dank der oben genannten Werkstatt kam ich vor bald vier Jahren ebenfalls in den Genuss einen nagelneuen Original Mercedes-Austauschmotor in meinen 300SE verbauen zu können. Warum das Ganze? Weil bei ca. 240.000Km eine Überholung – zumindest des Zylinderkopfes – nicht mehr abwendbar gewesen wäre. Das alte Aggregat lief einwandfrei, doch spätestens nach diesem Anblick wäre es mit Sicherheit um Jeden geschehen:

Wer glaubt ich sei spätestens jetzt vollends, dem kann ich noch Eins drauf setzen. Denn bei einem nagelneuen M103 war lange nicht Schluss – auch wenn keine weiteren großen Investitionen geplant waren – so kam es bereits nur ein Jahr später schon wieder ganz anders. Schuld hatte hier aber Daimler selbst, denn es wurden in jenem Jahr einige Teilesätze die im Hauptersatzteillager Germersheim lagerten zu echten Schnäppchenkursen verschleudert. Worum es eigentlich geht? Im Winter 2007 – der gar kein wirklicher Winter war – habe ich meinem Wagen aus Dankbarkeit und Anerkennung (aber nicht ganz ohne Eigennutz) eine nagelneue und Original Mercedes-Klimaanlage spendiert. Hier sieht man den vollkommen entkernten Innenraum im Januar 2007:

So langsam aber war meine S-Klasse nun genauso wie ich sie mir insgeheim immer vorgestellt hatte.

Was möchte ich Euch hiermit sagen werden sich jetzt vielleicht ein paar fragen – es ist ganz einfach eine Hommage an den W126, an meinen und auch an jeden anderen. Überlegt Euch gut ob Ihr einem so tollen und gleichzeitig in Ehren ergrautem Auto den alltäglichen Stress auch im Winter zumuten müsst. Sicherlich ist er auch für solch widrige Umstände konstruiert worden, aber man muss es ihm nicht antun, schon gar nicht den hektischen und langsamen Verkehr in den heutigen Ballungszentren.

Meinen 300SE hoffe ich in 10 Jahren (und mehr) immer noch fahren zu können und deshalb darf er – seit mittlerweile 3 Jahren – im Winter verschnaufen und sich in seiner Höhle für den hoffentlich deutlich wärmeren und länger andauernden Sommer 2011 erholen – darauf dass ich in einem Jahr schon das zwölfte Jubiläum feiern kann.

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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