Metal-Festival mit E-Sound: das war Ornbau 2012!

Ornbau_Samstag_027Würde man unter Herrenfahrerinnen und Herrenfahrern eine Umfrage starten, was wohl die perfekten Zutaten für ein Herrenwochenende wären, so würde sicher vieles hiervon aufgezählt werden: ein idyllischer Ort auf dem Lande, ein Zeltplatz am See, jede Menge altes Chrom drumherum, der Duft von Grillfleisch, Benzin und Diesel in der weißblauen Luft, viele Garagen und Hallen mit Pretiosen darin, ein kleines Kuriositätenmuseum rund um den Stern, frischgezapftes fränkisches Bier, Livemusik, ein großes Mercedes-Ersatzteillager zum Stöbern, Workshops und Vorträge, und alles zusammen in einer Landschaft voller malerischer Straßen, die zu stundenlangen Ausfahrten einladen. Und sollte die bessere Hälfte ebenfalls mit von der Partie sein, dann wäre mit einem wirklich großen Feuerwerk am Abend sicher auch der Romantik genüge getan.

Das alles gibt es wirklich, und zwar alljährlich am langen Pfingstwochenende im schönen Städtchen Ornbau in Mittelfranken, organisiert vom vdh (ehemals “Verein der Heckflossenfreunde / MB Strich-Acht IG”), der heute mit annähernd 6000 Mitgliedern der größte Markenclub bei den Daimlerveteranen ist.

Nicht allein deshalb dürfte man vom “vdh” schonmal gehört haben. Auf der Club-Website sind ganze neun Vereinsnamensvetter aufgelistet. Das sind der Verein der a) Hundezüchter, b) Hutmacher, c) Heiratsschwindleropfer, d) Heimatvertriebenen, e) Verband der Haustierpsychologen, f) Honig für Afrika, g) Verband der Harfinistinnen, h) Verbund Deutscher Honorarberater und i) Verband deutscher Holzingenieure.

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Ornbau_Sonntag_004Wer beim Pfingsttreffen in Ornbau dabei war, der weiß: der vdh könnte mit Fug und Recht alle vorgenannten Vereinsbezeichnungen tragen, denn Vielfalt ist das Markenzeichen des Clubs. Da gibt es Hundezüchter, Hutmacher, Heiratsschwindleropfer, Haustierpsychologen, wahrscheinlich sogar Harfinistinnen und Honorarberater, und ganz sicher auch mindestens einen Holzingenieur. Und an Pfingsten sind sie alle Heimatvertriebene und glücklich darüber. Honig für Afrika ist zwar nicht dabei, aber Chrom aus Kalifornien. Denn im amerikanischen Sunshine-State unterhält der vdh sein zweites Teilelager samt guter Kontakte, um seine Mitglieder regelmäßig mit Containerladungen von Organspenden zu versorgen, die Dank des günstigen Westküstenklimas kaum Patina, aber einen lebensrettenden Wert für manchen Sternenveteranen hierzulande haben.

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Dementsprechend ist die Wühltheke unser erster Anlaufpunkt – noch vor dem Grillstand, dem Zapfhahn und dem Klohäuschen! Viele Teile, einige davon sogar Neuanfertigungen für bzw. durch den Club, laden zum Kauf eines dazu passenden Fahrzeugs ein. Denn für Leute wie uns, deren Fahrgestellnummer mit WDB126 beginnt, muß es schon mit viel Glück zugehen, hier etwas für unseren Fuhrpark zu finden. Trotzdem macht das Stöbern Spaß. Ornbau_Samstag_004Auf zwei Etagen verteilt und ohne Brille betrachtet wirkt das Teilelager wie ein gut sortiertes Modekaufhaus. In eigens dafür angefertigten Regalen stehen Karosserieteile fein säuberlich Spalier und bilden wie auf Kleiderstangen aufgereiht die Modefarben der Sechziger und Siebziger Jahre ab. Die dazu passenden Krawatten und Schals hängen in Form von Gummidichtungen an der Wand daneben. Feinste Lederwaren in Gestalt von Sitzgarnituren gibt es auch, und funkelnde Kleinstaccessoires in Vitrinen muten an wie kostbarer Schmuck.

Ornbau_Samstag_016Wer echte Accessoires für den Herren oder die Dame sucht, der kann schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite im Clubarchiv fündig werden. Neben allerlei Fachliteratur findet sich dort das Merchandise rund um den Chrombenz – wenn man es denn überhaupt bis dorthin schafft. Die unteren Räumlichkeiten des Hauses, in der sich auch ein Bistro befindet, sind derart liebevoll eingerichtet und mit Sehenswürdigkeiten bespickt, daß es schwerfällt, rechtzeitig vor der ausgedehnten Mittagspause (wir sind hier immerhin in Bayern!) in den Archivraum ganz oben vorzudringen.

Vereinsmeierei hat beim vdh einen gänzlich positive Konnotation, denn an jeder Ecke innen wie außen begegnet man in Ornbau den Werken von Clubdesigner Matthias Meier. Ob allein das ikonische Kühlerportal an der Einfahrt zum Gelände, großflächige Cartoons der betreuten Baureihen oder monumentale Plastiken wie der preisgekrönte Messestand des Clubs in Gestalt eines 16 Meter langen Armaturenbretts auf der Retro Classics 2009. Die Meierschen Artworks verströmen den humoristischen Spirit des Clubs – wider den tierischen Ernst und die Krawattenträger.

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Ornbau_Samstag_021Entsprechend ungezwungen und augenzwinkernd geht es allenthalben zu. Die mindestens 3000 Besucher des Jahrestreffens bzw. deren Fahrzeuge sind die eigentlichen Stars im Wortsinn. Die kleinen Gassen und die zu Campingplätzen umfunktionierten Wiesen im Umkreis stehen voller Sternenveteranen und laden zum Flanieren ein. Hier trifft man auf ein größtmögliches Spektrum an Fahrzeugen: vom schnöden Originalo im Auslieferungszustand über das zeitgenössische Wohnmobil, das schon die ganze Welt bereist haben mag, bis hin zum Tuningexzess oder der kaum fahrbereiten “Ratte”. Das hat schon Festivalcharakter, auch wenn es offiziell ja nur die “Infotage” sind.

Zu den im Club betreuten Modellreihen mit Stern gehört die komplette Nomenklatur der  Fünfziger (W120 Ponton) bis frühen Neunziger Jahre (W201 Babybenz). Da scheint’s a weng sonderbar, daß ausgerechnet die Sonderklasse der Achtziger Jahre, (Baureihe 126, 1979-1991, erfolgreichstes Oberklassemodell der Welt und aller Zeiten) bislang im Club nicht offiziell angekommen ist – sehr wohl aber auf dem Pfingsttreffen.

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Auch in diesem Jahr sind Marc “Dreikommanull” Christiansen und meine Wenigkeit mit der “Neuen S-Klasse” zum Veteranentreffen angereist, sozusagen als Werbung für den 126er. Und hätte der Dritte im Bunde, Felix “Dunkelblau” Kühn, nicht einen nochOrnbau_Samstag_001 viel schöneren W115 200D mit frisch-transplantiertem 2,2-Liter Ölmotor im Portfolio gehabt, er wäre sicher mit seinem 3,0-Liter Benzineinspritzer in Gestalt seines dunkelblauen 126er 300SE mit prominentem Kennzeichen dort vorgefahren.

Ornbau_Samstag_013Vor Ort fanden sich in diesem Jahr erfreulich viele Vertreter “unserer” Baureihe. Wir selbst als Fans der S-Klasse der Achtziger Jahre kamen am späten Samstagabend noch in den Genuß einer nächtlichen Mitfahrt in der E-Klasse der Siebziger Jahre “mit beleuchtetem Stern”, bei der unser Chauffeur Herr Kühn uns u.a. darüber aufklärte, daß der im Scheinwerferstreulicht sitzende Kühlerstern nicht rein zufällig des Nächtens illuminiert sei, sondern dies sogar im Lastenheft der Baureihe W114/115 gestanden habe. Und tatsächlich: die Faszination solcher Durchdachtheiten im Detail ist den Mercedesliebhabern aller Baureihen und Jahrgänge gemein.

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Im direkten Vergleich zu meinem eigenen V126 ist der karneolrote Strich-Achter zweifellos ein Oldtimer, bietet aber trotz seiner kompakten Abmessungen ein überraschend komfortables Platzangebot. Sicherheitsgurte im Fond sind hier unnötiger Schnickschnack, Fahrerhandschuhe indes keineswegs nur eine Marotte des sets stilsicheren Herrn Kühn. Denn einen Ganzmetallmercedes ohne Lenkhelfpumpe per Bakelitlenkrad zu pilotieren setzt zuverlässigen Grip in den Handinnenflächen voraus. Der Handschuh ist gleichsam ABS und ESP des StrichAchter-Piloten. Gepaart mit exzellenter Reaktionsfähigkeit sollte das an diesem Pfingstsamstagabend alleine zwei Igeln das Leben retten, die Herr Kühn mit präzisen Lenkbewegungen so gekonnt mittig auf der Landstraße überquerte, daß sie außer einem Luftzug samt aromatischer Dieselschleppe und einem kleinen Schreck nur wenig von ihrem Nahtoderlebnis mitbekommen haben dürften.

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Tierfreunde dürfen versichert sein, daß auch Feinstaub keine Gefahr für die Igel gewesen sein dürfte. Der Herrendiesel im 200D 2.2 nämlich produziert gar keinen Feinstaub, sondern echten Vollkorn-Ruß, der genußvoll abgehustet werden kann.

Eindrucksvoll auch der Unterschied zwischen halb und ganz durchgetretenem Fahrpedal bei normaler Reisegeschwindigkeit: es gibt keinen! Dabei waren wir hier sozusagen mit einem leistungsgesteigerten Versuchsträger unterwegs, und nicht mir dem liebevoll als “Wanderdüne” verhätschelten 200D. Felix hatte im vergangenen Jahr das alte Triebwerk durch ein gutes gebrauchtes der nächsthöheren Leistungsklasse ersetzt und dem Karneolroten als Verdienstabzeichen ein stolzes “2.2” am Heckdeckel angebracht.

So wurde der nächtliche Transfer zu unserer Unterkunft zu einem weiteren Highlight des auch sonst an Höhepunkten nicht gerade armen Tages. Immerhin klang der Pfingstsamstag in Ornbau ja kurz zuvor mit Livemusik, Freilichtkino und nicht zuletzt einem Feuerwerk aus, das man so auch in Frankfurt oder Köln hätte aufführen und kaum weniger Eindruck hätte schinden können. Applaus auf der ganzen Linie!

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Unsere Speicherkarten hatten jetzt auf jeden Fall eine Auszeit verdient, so reich an Motiven hatte sich der vdh und das Städtchen Ornbau dieses Jahr wieder präsentiert. Schon die Anreise bei herrlichstem S-Klasse-Wetter haben wir auf Video für die Nachwelt konserviert, damit man uns das überhaupt glaubt! Die phantastische Abendsonne vor Ort tat dann das ihrige, um auch unsere Fotokamera zu verwöhnen.

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Ein kleines bißchen weniger sonnig und bunt zeigte sich der Sonntag. Zur Mittagszeit waren bei zunehmend bedecktem Himmel viele bereits abgereist, nicht zuletzt um auf ihren teils mehrere hundert oder gar tausend Kilometer langen Rückreisewegen möglichst gut durchzukommen. Sie verpaßten freilich die Versteigerung von fünf Fahrzeugen, darunter “Knöpfle”, über den es einen sehr lustigen Fernsehbeitrag gibt.

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Ornbau_Samstag_009Ob im 2.2, im 3.0 oder im 5.6, ob im Oldtimer, Youngtimer oder modernen Fahrzeug: die Reise zu Pfingsten nach Ornbau lohnt immer, selbst wenn man sich mehr für aktuelle Mercedes-Modelle interessiert. Stand da doch mir nichts dir nichts ein R172-Versuchsträger am Wegesrand, mit falschem Dach und Sonderfunktion “E-Sound”, der dem 250er-Diesel-SLK zu einem sportlicheren Klangspektrum verhelfen soll. Jetzt überzeugt? Dann für die nächsten Pfingsten schonmal dick im Kalender eintragen.

Man sieht sich in Ornbau 2013!

Alle Fotos vom Pfingsttreffen findet Ihr hier: [KLICK]

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