Nachts allein mit dem toten Pferdle, das zuviel wußte

Seit ich mir den großen blauen Gebrauchtwagen gekauft habe, sind mir schon echt abgefahrene Dinge damit und deswegen passiert. Man trifft die unterschiedlichsten und interessantesten Menschen, bis hin zum unvergleichlichen Herrn Dreikommanull, ohne den der nautikblaue Fünfkommasechs längst eine kostspielige Immobilie und diese Website ein langweiliges Blog wäre.

Und doch gibt es Momente, in denen auch Herr Dreikommanull nur stören würde, denn er ist bekannt für seinen unaufhaltsamen wenngleich hochinformativen Redefluss. Manchmal muß der Mann im Kind innehalten und die Dinge auf sich wirken lassen, jawoll! Das ist dann der Moment, wenn der Sternenjünger seine innere Mitte findet – und die ist nicht zwangsläufig vorne auf dem verchromten Kühlergehäuse, sondern an einem ganz besonderen Ort.

Solch einen Moment an solch einem Ort erlebte ich am vergangenen Wochenende. Am besten laßt Ihr Euch den weiteren Text von jemandem wie Hardy Krüger senior* vorlesen, vorausgesetzt er gibt sich wirklich Mühe. Schließt die Augen und stellt Euch folgendes vor:

Draußen ist es ziemlich dunkel, zumindest in meiner Erinnerung. Die Aluminiumkapsel, in der ich mich befinde, ist hell und in warmen Farbtönen ausgekleidet. Ein wildlederartiges Material wie in einem luxuriösen Traumauto. Vielleicht sowas wie Amaretta?

Der Boden leuchtet. Man fühlt sich geborgen. Durch einen umlaufenden Fensterschlitz kann man hinaus in die Weite des Raums blicken, in dem jederzeit der größte künstlich erzeugte Tornado der Welt lostoben könnte. Ich sehe aber vor allem mein eigenes in die Breite gezerrtes Spiegelbild im Glas. Es geht unaufhaltsam aufwärts. Komisches Gefühl!

Draußen lassen sich große Strukturen erahnen. In höhlenartigen, aber geometrisch exakten Ausformungen auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes funkelt es metallisch. Von noch ferner weg flirren bunte Lichter. Wie Sterne, die immer wieder auftauchen und verschwinden, während die Kapsel weiter nach oben steigt.

Allmählich wird es heller, als würde man vom Grund des Ozeans aufsteigen. Die Kapsel stößt lautlos durch eine bläulich schimmernde Membran und bremst ab. Jetzt ist es still und von außen scheint nur fahles Licht herein. Für einen Moment höre ich mich selber atmen und gebe zu: so ganz ohne die anderen, die lieber unten geblieben sind und Currywurst essen, ist das hier schon echt spooky! Dann doch lieber den Herrn Dreikommanull am Ohr…

Die Türen der Kapsel gleiten zur Seite und geben den Weg frei. Ein Licht wie bei Vollmond, aber synthetisch. Und es füllt diesen Raum ebenso aus wie das Summen, das von irgendwoher kommt. Sonst hört man nichts. Keine noch so banale Erklärung für all das kann der gespenstischen Atmosphäre hier oben entgegenwirken.

Ich laufe hinaus und obwohl ich eigentlich schon weiß, was mich erwartet, fährt mir doch ein leichter Schauer über den Rücken. Wenige Schritte vor mir, in der Mitte eines sternförmigen Steges aus gebürstetem Metall, steht ein totes Pferd auf einem Podest und starrt mit leeren Augen durch mich durch. Jetzt weiß ich wenigstens, daß ich hier richtig bin.

Ich muß am Gaul vorbei nach rechts, das ist sicher. Den düsteren Gang hinunter, der wie ein Tunnel anmutet. Fahlblau glimmen Monitore in der Wand und zeigen ein anderes, höchst lebendiges Pferd mit Reiter im Galopp. Der angrenzende Saal öffnet sich mit seinem großem Oberlicht vor mir. Plötzlich wird die Stille unterbrochen von einem Geräusch wie von einer alten Nähmaschine. Ein blecherner Takt, der sogar meinen Herzschlag übertönt. Im Augenwinkel rechts ragen drei schwarze Köpfe aus der Wand und ich muß wie erstarrt hinschauen.

Die Herren kennt man. Zumindest ich kenne sie, und gottseidank sehr gut. Jeder andere, der hier vorbeikommt, sollte das auch oder wird sie noch kennenlernen. Wenigstens aber sollte man sie freundlich grüßen!

Als die Jungs mit den Bärten nämlich noch gelebt haben, erschufen sie all das, was in diesem Saal und den weiterführenden Korridor entlang zu sehen ist. Und alles andere dahinter und darunter auch, sowie die Stadt drumherum und das meiste in ihren Straßen — allein durch die Impulse, die sie dieser Entwicklung gegeben haben. Der Zweck der gesamten, riesigen Struktur, in der ich mich befinde, dient der Veranschaulichung und Weitergabe dieses Spirits. Das blecherne Tackern der “Standuhr” hallt dem Besucher dabei wie ein mahnender Taktgeber hinterher.

Ich schleiche weiter. Ein leicht abschüssiger Korridor führt aus dem Saal in einer langgezogenen Kurve hinunter in die Dunkelheit, tief ins Innere des riesigen Baus.

Entlang des Weges stehen die frühen Erfindungen der genialen Herren hintereinander aufgereiht und es ist mir, als schauten mir ihre Köpfe von der Wand noch lange nach, auf daß ich ja nicht in die Versuchung käme, ihre wertvollen Arbeiten auch nur anzufassen.

Die Dunkelheit hat mich schon längst verschlungen und Herr Daimler, Herr Benz und Herr Maybach dürften mich aus den Augen verloren haben, als ich aus dem 19. Jahrhundert richtung Zukunft laufe und dabei einen schwachen Lichtschein vor mir wahrnehme. Mitten in der langgezogenen Kurve, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, eine rettende Öffnung nach draußen? Ich bin diese Zeitreise schon oft als normaler Besucher gegangen und habe hier nie eine Tür wahrgenommen.

Von draußen her duftet’s nach Sommerluft und ein lauer Wind weht mir entgegen, als ich hinaustrete. Eine Plattform mit vereinzelten Stehtischen und Sonnenschirmen darauf, umschlossen von einer metallischen Brüstung, hinter der man ein riesiges Industriegelände überschauen kann, über dem ein majestätisch rotierender Mercedes-Stern thront – eingebettet zwischen Weinbergen auf der einen und dem Neckar auf der anderen Seite.

Alles ist in violettes Licht getaucht. Ein paar Leute stehen umher, schauen in Richtung der längst untergegangenen Sonne und fotografieren.

Ein Mann mit Schlüsselbund und Namensschild hat mich bemerkt und spricht mich schmunzelnd und mit unterdrücktem, aber klar vernehmbarem schwäbischen Dialekt an: „Wie haben sie denn hierher gefunden?”
Ich versuche schlagfertig zu antworten: „Das Pferd hat ausgeplaudert, daß ihr hier seid!”
„Des is typisch. Des het’s Pferdle früher auch scho gemacht. Irgendwann hen mir’s erschosse und ausgestopft deswegen!”

Ich muß fast prusten beim Gedanken an das “Pferdle”. Spätestens jetzt ist klar, daß das hier eine kurzweilige Nacht werden wird. Nach den letzten Minuten bedächtiger Stille vermisse ich nun doch schon den Herrn Dreikommanull, weil er das eben nicht mitgekriegt hat. Stattdessen mußte er sich im Lounge-Bereich unten unbedingt noch eine (entsetzliche, aber bestimmt gesunde und klimafreundliche) Tofu-Currywurst von Sarah Wiener reinziehen. OK, geschenktem Gaul… äh… Pferdle schaut man nicht ins Maul usw.

Aber ich kann ihn schon vom Aufzug her hören, zusammen mit Herrn Jordan vom MB-PassionBlog, der sicher auch die nachhaltige Currywurst probiert hat. Das Catering sonst ist übrigens hervorragend, nur um hier keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen. Für uns gibt es sogar einen Wein, der passender hätte kaum sein können. Ein trockener Roter vom Hausberg des Werks Untertürkheim, der wirklich vorzüglich schmeckt. Alkohol und Auto passen eben doch manchmal sehr gut zusammen!

Davon ab: eine grandiose Nacht im Mercedes-Benz-Museum stand uns bevor, zusammen mit einer Hand voll anderer Blogger, Journalisten und Fotografen.

Als ob es nicht schon genug der Ehre gewesen wäre, einfach hier sein und sich frei bewegen zu dürfen, ohne Zeitdruck und Menschenmassen: unser Gastgeber hatte sich sogar noch ein abwechslungsreiches Programm für uns ausgedacht, von dem wir allerdings selbst nur wenig mitbekommen werden.

Nach dem “Get Together” im Lounge-Bereich draußen vor dem Museum und nach der Einladung ins Freilichtkino gab es die exklusive Führung mit besonderen Überraschungen, individuelles Platznehmen in manchen der ausgestellten Autos, eine Fragerunde mit einem ausgewiesenen SL-Experten, die nächtliche Mitfahrt auf einem Nachbau des Patent-Motorwagens von 1886, und obendrein völlige Bewegungsfreiheit im gesamten Gebäude… und jetzt kommt’s: Nächtigen in einigen ausgewählten Exponaten oder eben hier oben im Zelt auf der Dachterasse – und für den nächsten Morgen gab es auch schon wieder Programm.

Das Nächtigen hatte sich für uns von vornherein erledigt, egal ob im Actros Taxi oder im originalen E 550 aus “Transformers 3”. Unser Wunsch, einmal nachts beim Daimler eingeschlossen zu werden, hatte sich erfüllt und würde für ausreichend Schlaflosigkeit sorgen, um gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen.

Und so war es dann auch. Wir sind bis zum Morgengrauen mindestens dreimal die komplette Ausstellung durchgegangen, genossen die einzigartige Atmosphäre, konnten trotz vieler Besuche zuvor viel Neues entdecken und haben mit Stativ und einem Handy als Lichtquelle bewaffnet einige der Mythosräume in ein mystisches Licht getaucht.

Mehr dieser Bilder findet Ihr hier: [KLICK]

Nun ja, zwischen 5 und 6 Uhr morgens waren dann die Batterien leer, auch unsere eigenen. Das führte dazu, daß wir dann doch mal kurz die Augen schlossen. Natürlich nicht ohne vorher den dafür perfekten Schlafplatz gefunden zu haben: ganz unten bei den “Young Classics”, direkt neben Coupé und Langlimosuine unserer S-Klasse. Hach!

*Übrigens: Hardy Krüger hat eines seiner Autos ebenfalls dort geparkt, im Mercedes-Benz-Museum – an der Wiege der Mobilität! Wer noch nicht dort war, und außerdem wissen möchte, warum alle Besucher stets vom toten Pferdle begrüßt werden, dem sei versichert daß sich die weiteste Anreise lohnt. Wirklich!

Davon ab, daß das Mercedes-Benz-Museum das einzige Markenmuseum der Welt ist, das zwangsläufig die vollständige Geschichte des Automobils dokumentieren kann, ist es einfach nur ein grandioses Kunstwerk der Architektur und zieht mit seinen didaktisch intelligenten Ausstellungen auch den größten Auto- und Technikmuffel in seinen Bann.

Kleiner Tipp: am besten eine Flasche Wasser dabei haben, denn die Luft ist zum Schutz der kostbaren Fahrzeuge im gesamten Museum sehr trocken und macht durstig. Unten angekommen erwartet Euch dann ein Café und das sehr empfehlenswerte Museumsrestaurant, sowie natürlich auch eine ausgiebige Gelegenheit zum Shoppen und für die Kinder zum Spielen.

Die Preise sind sehr moderat, auch in der Gastronomie, und wer mag, sollte den Verdauungsspaziergang gleich danach noch im Außenbereich der direkt angeschlossenen Mercedes-Benz Niederlassung Stuttgart unternehmen. Dort gibt es immer mal wieder besondere Neu- oder Kundenfahrzeuge zu bestaunen, eingerahmt vom ohnehin geschichtsträchtigen Werk Untertürkheim (Daimler Unternehmenszentrale) und der legendären Einfahrbahn, die man vom Parkdeck der Niederlassung ein Stück weit einsehen kann.

Genug aber der Insidertipps. Stattdessen möchten wir lieber unseren ganz herzlichen Dank aussprechen an das gesamte Museums-Team, das zusammen mit uns die Nacht zum Tage gemacht und uns mit großem Engagement und einer nicht selbstverständlichen Herzlichkeit bei unseren Knipsereien und Fragereien unterstützt hat. Es klingt für die Verantwortlichen möglicherweise fatal, aber seitdem fühlen wir uns im Museum zu Hause :-)

Das geht unseren Kollegen der anderen Blogs sicher ganz ähnlich, auf deren eigene Berichte wir hier gerne noch verweisen möchten:

Mercedes-Benz Passion Blog | Teymur Madjderey’s Icedsoul Photography | Rad-Ab.com | MYVAN.com | mein-auto-blog.de | Autophorie.de

und natürlich unser Gastgeber, das Mercedes-Benz-Museum

Achso, am Morgen sind wir natürlich – wegen möglichem Restalkohol und Übernächtigung – lieber mit dem Taxi gefahren:

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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