Neun Monate Fünfkommafünf: ein Nachruf

Ja, es ist wohl eine Genugtuung für alle, die sowieso nichts von neumodischen Autos halten. Warum hat der Bub sich nicht einen soliden 124er als Alltagswagen gekauft? Warum mußte es ein geradezu flammneuer 211er Elektronikbomber sein? Ausgerechnet die Vernunftentscheidung “zuverlässiger junger Gebrauchter mit tadelloser Historie und Rundum-Anschlußgarantie” führte in den vergangenen Monaten zu einer lästigen Aneinanderreihung von Werkstattaufenthalten, gipfelte schließlich in einer spektakulären Havarie letzte Woche, die nun das Ende eines kurzen Autolebens bedeutet – zumindest in elektronischer Hinsicht.

Große Klappe und nichts dahinter? Der 5,5-Liter V8 namens M273 stellt sich nach dem Tanken plötzlich tot – und erwacht im ungünstigsten Moment plötzlich wieder

Meine divenhafte designo-E-Klasse, auch bekannt als der Rote Baron oder Rotkäppchen (der dazugehörige böse Wolf wohnt im rotlackierten Motorraum des E500/550), parkt seit vergangenem Mittwoch in einem Servicestützpunkt bei Hildesheim, nachdem er an diesem Tage zweimal binnen weniger Stunden hatte abgeschleppt werden müssen. Vor meiner Tür steht nun bis auf weiteres ein schnuckeliger 180er Kompressor der aktuellen C-Klasse-Generation (W204), sponsored by MobiloLife Garantie.

Was war passiert?

Ein Arbeitskollege und ich waren auf der Rückfahrt von Hamburg am frühen Mittwochabend vergangener Woche unterwegs auf der A7 richtung Süden, und dort nach kurzer Fahrt auf der Raststätte Brunautal-West havariert. Unmittelbar nach dem Tanken führte der erste Anlaßversuch zu plötzlichem heftigen Schütteln des Fünfkommafünf-Liter-V8 und darauffolgenden Dauerjodeln des Anlassers. Das war’s… Auto tot! Und es hatte zuvor keinerlei Anzeichen eines Problems gegeben.

Der Kollege mußte mich von der Zapfsäule wegschieben und dann standen wir da, versuchten noch einige Male vergeblich, den Wagen anzulassen oder irgend ein Anzeichen auf die Ursache des Problems im verkapselten Motorraum zu finden. Am Ende blieb uns nur, die Abendsonne zu genießen, auf den MB-Pannenservice zu warten und währenddessen wild zu spekulieren, ob der Sprit, den wir gerade erst getankt hatten, vielleicht gepanscht war.

Die zeitliche Koinzidenz war einfach zu eindeutig, als daß es irgendetwas sonst hätte sein können. Dieses Shell “Fuel Save Super” schien offenbar eine sehr direkte und durchschlagende Wirkung auf den Treibstoffkonsum meines Autos zu haben.

Andererseits hätte es unserer Einschätzung nach noch etwa bis zum Beschleunigungsstreifen der Autobahn dauern müssen, bis der frisch getankte Sprit nach vorne in die Einspritzanlage gelangt wäre, um dort dann seine verheerende Wirkung zu entfalten. Diesel hatten wir dem Geruch nach jedenfalls nicht getankt – das wäre auch schlecht möglich gewesen, da die Zapfpistole nicht kompatibel mit unserem Tankstutzen ist. Alles andere (Normal oder SuperPlus) hätte dem Motor nichts ausgemacht und im Falle von Normalbenzin lediglich die Klopfsensoren ein wenig gekitzelt.

Nach einer Dreiviertelstunde traf der Abschleppwagen ein. Um für das Verladen des Wagens die Automatik von P auf N stellen zu können, mußte ich den Zündschlüssel drehen. Wroooommm! Da war er wieder! Abschleppmann und Kollege schauen mich entgeistert durch die Windschutzscheibe an. Als ob nichts gewesen wäre, sprang der Rote Baron an und lief offenkundig auch völlig normal. Ein publikumswirksames Bild entsteht: roter Mercedes fährt mit eigener Motorkraft auf gelben Abschleppwagen. Ich konnte es selbst nicht fassen. Anfangs war ich noch froh, nicht alleine unterwegs gewesen zu sein. Nun aber war es mir zunehmend peinlich gegenüber dem Kollegen (und Audi-Fan!), wie die rote Diva, immerhin das E-Klasse-Topmodell, sich hier aufführte.



Rot und gelb dominieren die schmachvolle Szene. Fast möchte man meinen, hier würde eine Demo gegen Shells neue Wunderkraftstoffe stattfinden. Hatte es sich auf grausame Weise gerächt, daß ich an diesem Frühsommerabend meiner (nautik-)blauen Aral-Tankstelle untreu geworden war?

Ich war mir eigentlich sicher, daß der roten Diva die Fahrt Huckepack über die Autobahn eine Lehre sein würde, und verbuchte den folgenschweren Aussetzer an der Zapfsäule vorerst als “Laune” – natürlich immer noch hoffend, im Fehlerspeicher befände sich dennoch gerichtsverwertbarer Beweis unsere Havarie. Immerhin war der Wagen bei Eintreffen des Abschleppdienstes ja wieder ganz normal angesprungen. Was, wenn man uns nun die Kosten für die vermeintlich unnütze Rettungsaktion aufbrummen würde?

Der Entschluß stand von Anfang an, den Wagen auf jeden Fall zur nächsten MB-Werkstatt zu transportieren, um dort wenigstens eine komplette Diagnose durchführen zu lassen. Doch die ergab NICHTS! Kein Fehler war im System gespeichert, außer ein Vermerk auf die Reifendrucksensoren, die bei stehendem Fahrzeug nicht erkannt werden konnten. Der Mitarbeiter von Sternpartner in Soltau konnte sich keinen Reim darauf machen, berichtete aber von einem Fall in der Vergangenheit, wo Diesel und Normalbenzin vom Lieferanten der Tansktelle Brunautal-Ost falsch befüllt worden waren und daraufhin etliche Fahrzeuge gestrandet waren. Auch hatte er vom Kollegen der Abschleppfirma erfahren, daß gerade eine halbe Stunde zuvor ein anderes Fahrzeug nach dem Tanken plötzlich stehen geblieben war und abgeschleppt werden mußte. Wie sich später herausstellte, hatte der Wagen jedoch nicht an derselben Tankstelle getankt wie wir.

Es half nix. Uns blieb nur, eine Probefahrt zu machen und dann nochmals das Diagnosegerät anzuschließen. Das stürzte daraufhin prompt ab und gab erst beim zweiten Versuch sein mageres Fehlerprotokoll aus: Reifendrucksensoren! Aha!

Eine mögliche Erklärung für die Ursache des Motorversagens war demnach nicht auszumachen. Von allen Theorien (gerissene Steuerkette, gepanschter Sprit usw.) blieb am Ende nur die vage Vermutung, daß ein Glitch in einem Steuersystem zu einem vorrübergehenden Versagen der Kraftstoffversorgung geführt haben mußte. Da nicht alle Steuersysteme sofort nach Ausschalten des Motors herunterfahren, sondern noch eine Weile auf Standby bleiben, könnte es so gewesen sein, daß erst nach der langen Standzeit bis zur Ankunft des Abschleppwagens ein kompletter Reboot – und damit ein Verschwinden des ausschlaggebenden Softwareproblems – stattgefunden hatte. Ein Trost war das nicht, aber doch eine vorrübergehend haltbare Theorie. Beim nächsten Mal also Geduld bewahren, System “abkühlen” lassen und erst dann wieder Starten.

Nachdem die Formalitäten (Kostenübernahme durch MobiloLife-Garantie) mit dem freundlichen, aber doch ratlosen Sternpartner aus der nördlichen Heide geklärt und die Dokumente unterzeichnet waren, konnten wir gegen 21 Uhr endlich unsere Reise fortsetzen. Wenige Autobahnkilometer später jedoch klagte mein Beifahrer über erste Symptome einer drohenden Unterernährung, sodaß wir bereits an der Raststätte Hildesheimer Börde hastig ein paar amerikanische Fleischsemmeln mit Kartoffelstreifen und brauner Brause zu uns nehmen mußten. Frisch gestärkt und zu Scherzen aufgelegt gingen wir in die mittlerweile angebrochene Nacht hinaus und erwarteten es schon beinahe: Rotkäppchen schüttelt sich beim Starten und geht sofort wieder aus. Das war’s dann!

Nur der Weisheit (und dem gesunden Pessimismus) meines Kollegen ist es zu verdanken, daß ich trotz der System-Abkühlungs-Theorie sofort auch den MB-Service anrief, um keine unnötige Zeit zu verlieren. Schließlich – so der Plan – könne man den Abschleppwagen ja schlimmstenfalls wieder abbestellen, sollte sich zwischenzeitlich ein weiterer Startversuch als erfolgreich erweisen.

Der emsige Helfer von KTW Hildesheim war extrem schnell an Ort und Stelle, um zu helfen. Man beachte das Kennzeichen!

Vor dem Schlepper traf diesmal sogar ein Werkstattwagen ein. Und wir hatten obendrein Glück im Unglück: diesmal sind die Startprobleme auch im Beisein des Service-Technikers noch immer vorhanden und beliebig reproduzierbar. Der quirlige Kerl hat sichtlich Ahnung und befreit in Windeseile den Motorraum von allen Kunststoffzierteilen, öffnet außerdem den Bereich unter der Rücksitzbank, um der Ursache des Motorversagens auf die Schliche zu kommen. Zunächst bestand Verdacht auf Versagen der Kraftstoffpumpeneinheit, die sich auf dem Tank unter dem Rücksitz befindet. Während eines weiteren Startversuchs bei angeschlossener StarDiagnosis crasht jedoch erneut das Computersystem des Diagnosegeräts. Zufall oder externes Symptom eines gravierenderen Problems der Steuerelektronik?

Der Mann von KTW Hildesheim schafft es schließlich, das Aggregat zu starten. Alles läuft scheinbar wie immer, und doch besteht kein Anlaß zur Entwarnung. “Lustiges Auto ham’se da!”, kommentiert er trocken die Tatsache, daß der Wagen nach den Gegebenheiten eigentlich gar nicht hätte starten dürfen, es aber dennoch tat. Der Techniker will das Auto in jedem Fall dabehalten. So also fährt der schicke E550 4MATIC ein zweites Mal an diesem Abend mit eigener Motorkraft auf die Laderampe eines Abschleppfahrzeugs. Wir erhalten in der etwa zehn Kilometer entfernten Mercedes-Niederlassung einen leckeren Cappucino und einen fast neuen C 180 Krompressor von Europcar für die Weiterfahrt, mit dem wir in den frühen Morgenstunden schließlich auch zuverlässig die ferne Heimat erreichen.

Und um den Rest der Geschichte kurz zu machen: den 180er fahre ich noch immer und bin sogar ein bißchen verliebt in den Kleinen. “Der hätte eigentlich auch gereicht” will mir mein schlechtes Gewissen einreden, wann immer ich ihm auf der BAB die Sporen gebe und überrascht bin, wie gut das kleine Motörchen den GTIs davonzieht. Andererseits hatte ich letztes Jahr für dasselbe Geld (sogar weniger) einen fast vollausgestatteten E500/550 ergattert. Das perfekte Schnäppchen, wenn man einmal von dessen chronischer Immobilität absieht.

Hündin Kida hat den kleinen Einskommaachter sofort in ihren Herzensfuhrpark aufgenommen: kaum geht der Kofferraum auf, sitzt sie schon drin

Am Mittwochabend, dem 9. Juno, wird die Havarie des 550ers bereits eine Woche her sein. Rotkäppchen wartet in Hildesheim auf seine Herztransplantation. Diagnose: defektes Motorsteuergerät, das Herzstück eines jeden modernen Autos! Der Tausch bedeutet einen weitgehenden Identitätswechsel des Fahrzeugs – und neben allerlei Bürokratie auch erhebliche Kosten. Der Daimler-Kundenservice Deutschland in Berlin weigerte sich sogar zunächst, dies nach Ablauf der zweijährigen Werksgarantie als Kulanzfall anzuerkennen. In jedem Fall aber hätte (und hat) hier die “Junge Sterne” Garantie gegriffen, die nun auch einen Anteil von 50% übernimmt. Den Rest zahlt der Daimler nach Intervention durch KTW nun doch auch.

Wir reden hier immerhin über einen E500 und keinen Kleinwagen”, so der nach meinem Geschmack verbal ein wenig zu engagierte Service-Mitarbeiter heute am Telefon. Freilich geht es um einen Schaden bzw. damit verbundenen Abschlepp- und Mietwagenkosten in Höhe von mehreren tausend Euro, ganz abgesehen von den entstandenen Unannehmlichkeiten. Ich hoffe trotztdem, daß diese Kosten auch und gerade im Falle eines Kleinwagens vom Daimler getragen worden wären, und nicht nur bei einem E500.

Am Ende bleibt eine erkleckliche Liste von Defekten, deren Leidtragende wir über die letzten neun Monate wurden. Vom kaputten Nockenwellensensor (evt. besteht hier sogar ein Zusammenhang!) über die defekte Luftfederung AIRMATIC und einem funktionslosen elektrischen Heckdeckel bis hin zum fehlenden Kraftschluß im Allradgetriebe 4MATIC durch mehrfach mysteriösen Ölmangel blieb uns bislang wenig erspart. Das Herzversagen im großen V8 schlägt dem Faß nun fast den Boden aus.

Andererseits: versetzen wir uns doch mal selbst in Rotkäppchen! Geboren als das Rückgrat des Konzerns, Spitzenmodell seiner Klasse, mindestens einmal vom Band genommen für Sonderlackierung und -ausstattungen, seitdem Einzelstück, als sündhaft teures Fahrzeug nur zwei Jahre und 34000km gefahren, dann zum Ramschpreis (immerhin gut 60% Wertverlust in nur 2 Jahren) an einen gerade 33jährigen, vollschlanken Altmercedesfahrer verkauft worden, der den roten E als Alltagswagen sieht, um damit u.a. Ersatzteile für sein eigentliches Liebhaberfahrzeug zu transportieren. Gewisse Befindlichkeiten sind da gut nachvollziehbar!

Last but not least macht ein hervorragender (bislang stets kostenloser!) Mercedes-Benz-Service alles wieder wett. Wenn schon ab Werk so manches schiefgelaufen zu sein scheint: der Service sucht seinesgleichen! Und ich freue mich auf Emil, auch wenn er mit neuem Herzen nicht mehr derselbe sein wird. Den kleinen Einskommaacht werden wir trotzdem auch vermissen…

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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