Skyfall in Klein-Germersheim

Blendendes Aussehen, dicke S-Klasse, eigener Wartungsstempel: Ihr fragt Euch sicher, was jetzt noch kommen kann, oder? Dann atmet tief durch und schnallt Euch an: Marc und ich durften bereits zwei Wochen vor der Deutschlandpremiere von “Skyfall” voll und ganz in die James-Bond-Welt eintauchen. Was wir sahen, gibt es nicht beim MI6 in London-Vauxhall oder in den Pinewood-Studios im Westen der englischen Metropole, sondern nur im Gewerbegebiet Rödermark-Urberach südöstlich von Frankfurt – in Geheimdienstkreisen auch bekannt unter der Bezeichnung “Klein-Germersheim”.

Und was wir alles an jenem 20. Oktober gesehen haben! Hättet Ihr gewußt, daß 007 privat einen Shooting Brake aus Sindelfinger Produktion fährt?

Wir auch nicht, aber das sollte nicht die einzige Sensation des Wochenendes bleiben.
Offiziell eingeladen waren wir zum “Saisonabschluß 2012”, einem Stelldichein der Benzin-Bohème des ganzen Landes samt ihrer kostspieligen Fahrzeuge. Einmal im Jahr zum Herbstanfang trifft sich das “Who is who” in Klein-Germersheim, um bei leckerer Verpflegung gemeinsam das Jahr Revue passieren und sich vom Gastgeber selbst die neuesten technischen Entwicklungen bei Altfahrzeugen erläutern zu lassen.

Dabei erlebt man die lustigsten Dinge und hört die packendsten Abenteuer, die man so selbst aus dem Bond-Universum nicht kennt: Ein Auto voller gelber Briefe, ein 190er mit umhäkelter Anhängeverstrebung und aufgeklebten Lufteinlässen (wir berichteten) oder aber der gemeinsame Dienstwagen des neuen Stuttgarter Oberbürgermeisters und seines Minischterpräsidenten (Foto rechts).
Und welcher Bond-Kenner hätte das geahnt? Q trägt privat T-Shirt statt Tweet und hat einen sehr schwäbischen Zungenschlag. Zur Tarnung nennt er sich Markus Wagner und betreibt ein gelbes Internetforum zum Thema W126. Hier links sieht man ihn bei der Schnellmontage einer seiner Antennen zur Fernlenkung von Atom-Ubooten, die er in unterschiedlichen Ausführungen im Gepäckabteil einer S-Klasse mit sich führt.

Später schilderte er uns ungefragt, aber dafür umso detaillierter die Route der Mercedes-Benz-Erlkönige, die wohl regelmäßig an seiner Heimatstadt Neckartenzlingen vorbei richtung Schwäbische Alb unterwegs sind. Den kompletten Streckenverlauf kennt Q alias Markus W.  auswendig!

Und immer wieder Mercedes – oder wie der Brite es lieber nennt: Daimler. Offenbar setzt der britische Secret Service hauptsächlich auf Spitzenmodelle aus deutscher Produktion. Insbesondere die aus Stuttgart und nicht aus München, wie es in manch früherer Verfilmung mit Pierce Brosnan irrtümlich den Anschein erweckte. Aber wer ist schon Pierce Brosnan?


Der echte James Bond trägt OLiBa, nennt sich Oli Stork und tarnt seine Identität mit dem Handel erlesener Mercedes-Benz-Gebrauchtteile, die ihm den Unterhalt eines weit verzweigten Lagers mit Versteckmöglichkeit für allerlei Geheimdokumente erlauben. So authentisch und bis ins Detail ausgestattet, daß wir uns in den Räumlichkeiten sogar frei bewegen und fotografieren dürfen.

Wir staunten nicht schlecht! Zwischen all den geheimnisvollen Lagerbeständen in Rödermark findet sich unter anderem auch ein nagelneuer Rennmotor aus Untertürkheim. Wir vermuteten zunächst, daß er den Zuffenhausener V8 ersetzen würde, der sich während einer wilden Verfolgungsjagd an der Grenze nach Offenbach selbst entzündet hatte. In Wahrheit wurde er wohl nur zwischengelagert und geht dann an seinen eigentlichen Besitzer Ralf Weber, der sich das Triebwerk für seinen 190er-Fuhrpark zur Seite hat legen lassen.

Neben dem tatsächlich abgebrannten Porsche 928 von Oli Stork gab es an jenem Samstag wohl auch eines von Bonds ersten Dienstfahrzeugen aus Mitte der Sechziger Jahre zu bestaunen, das in den Verfilmungen – sicher aus Klüngelei der beteiligten Produktionsfirmen – später durch ein englisches Fremdfabrikat minderer Qualität ersetzt wurde. Mit dem Vertrauen in dessen Zuverlässigkeit schien es denn auch nicht besonders weit her, was der plötzliche Ölverlust beim Betätigen der Fensterheber im Film “Goldfinger” zeigt, oder auch die Notwendigkeit eines Schleudersitzes, über den Béla Barényi hinsichtlich der Sicherheit seiner “Große Flosse” nur müde lachen konnte.

Nach 50 Jahren kommt eben irgenwann alles ans Licht. Auch das wahre Dienstfahrzeug von Bonds Kumpel Felix Leiter von der CIA zeigt sich erstmals der Öffentlichkeit:


Der Kollege aus Amerika hatte sogar noch ein weiteres Dienstfahrzeug mitgebracht, einen weißen 500 SEL, der direkt vor der Lagerhalle parkieren durfte. Wir haben uns den Wagen genau angeschaut und waren angetan. Vom Zustand her verbraucht aber in seiner Farbkombination wunderschön und sicher eine Restaurierung wert! Wohl auch andere Kollegen der CIA waren an dem Wagen interessiert.

Dieser verdächtige Pontiac Firebird (KITT?) stand den gesamten Nachmittag über in sicherer Entfernung und schien uns zu beobachten:

Saisonabschluß bei den Storks: da ließen sich auch James Bonds alte Widersacher nicht lange bitten. Hier der inzwischen etwas ergraute Sir Hugo Drax aus “Moonraker”, der heute gestohlene Porsche per Gamma-Bestrahlung auf Daumengröße schrumpft und in Schokoladeneiern versteckt, um sie so über die mexikanische Grenze zu schmuggeln.

Behilflich dabei ist ihm eine junge Mexikanerin, die zur Tarnung falsche Zähne trägt. Nun ja…

 

Ebenfalls kurz “Hello” gesagt hatten Jennifer und der etwas fülliger gewordene Jonathan Hart, im Foto oben beim Plaudern mit Herrn Blofeld, der inzwischen Bart trägt und nur noch nebenberuflich Bösewicht ist. Die meiste Zeit über schraubt er heute an alten Autos.

Woher die Teile dafür stammen, sieht man allerorten auf dem Storkschen Unfallversuchsgelände:

Soweit, so gut, aber wo sind denn nun die Gadgets, für die James Bond berühmt ist? Was waren das für Zeiten, als er mit dem Lotus Esprit auf Tauchstation ging oder einen BMW E38 vom Rücksitz aus mit dem Smartphone steuern konnte?

Wir sagen Euch: alles Pustekuchen gegen das, was der Agent “Dorian” aus Dortmund da in seinen unscheinbaren 500 SEL hatte einbauen lassen respektive selbst eingebaut hatte:

Eine Coupé-Sitzanlage mit ab Werk handgefertigter hinterer Staufachkonsole, orthopädischen Sitzen in Leder mittelrot und kardanischer Deckenleuchte – und das ist nichtmal alles! Uns jedenfalls war das ein eigenes “Making Of” wert. Herausgekommen ist ein etwa fünfzehnminütiger Film, der mindestens so spannend ist wie der neue Bond. Überzeugt Euch selbst:

Den Bonds aus Klein-Germersheim jedenfalls, dem lieben Oli Stork und seiner Familie, danken wir für die gewohnt großartige Gastfreundschaft und für einen viel zu kurzen Nachmittag am Ende einer viel zu kurzen Saison, die mit einem Schock für uns alle begonnen hatte. Jochen ist allgegenwärtig, nicht nur durch seine Kuriositätensammlung in Klein-Germersheim. Die kleinsten Gimmicks haben ihm immer die größte Freude bereitet.

Beinahe genauso habe ich mich über einen fast neuwertigen 123er-Stern (der mit dem großen Sockel) gefreut, den Marc mir noch vor Ort bei Oli aus einem 126er-Schlachtfahrzeug herausoperieren konnte. All das und mehr gibt’s auch in unserer Fotoreportage zu sehen: [KLICK]

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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