Von Stempeln, Erlkönigen und dem DFB-Pokal

Ich weiß… recht wenig Text von meiner Stelle, seit meine 35-Stunden-Woche oft schon Mittwochvormittag endet und die neue dann am Nachmittag beginnt. Aber einerseits hat der Kollege Dreikommanull hier alles bestens im Griff, andererseits gehört zum S-Klasse-Fahren eben auch ein voller Terminkalender. Und der ist gerade um ein erfreuliches Datum im Mai reicher geworden – aber der Reihe nach.

Die Woche begann in aller Herrgottsfrühe, um meinen Termin bei einer Institution im Herzen von Frankfurt-Bornheim wahrzunehmen, bei der selbst die stolzesten Sternenschiffkapitäne gerne “Stempeln gehen”: die Mercedes-Benz-Vertragswerkstatt Günter Messerschmidt GmbH.

Tachostand am Freitagabend: nach Kilometern wäre erst jetzt der große Wartungsdienst fällig, den ich aber schon vor eineinhalb Jahren durchführen ließ. Zeitlich ist dadurch auch der 250.000er-Service inzwischen überfällig gewesen. Kommt der 260000er dann schon bei 245000? Ich muß dringend mehr 126er fahren – oder die Wartungsintervalle ab sofort ignorieren.

Beim großen 126er stand ein Öl- und Bremsflüssigkeitswechsel an, der eigentlich erst bei 250.000 km fällig wäre. Obwohl es bis dahin durch die lange Winterpause noch gut 10.000 km sind, war der Pflegedienst rein zeitlich schon seit vergangenem Juli überfällig. Bei einem Fahrzeug, das nur noch an schönen Tagen bewegt wird, ist das nicht ungewöhnlich. Gerade einmal wenige hundert Kilometer nach dem großen 60.000km-Wartungsdienst für einen deutlich vierstelligen Rechnungsbetrag stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit, jedes Wartungsintervall penibel einzuhalten. Zumal dieses Liebhaberstück zeitlebens sowieso nicht mehr veräußert werden soll und ein durchgestempeltes Scheckheft unter Kennern keinerlei Nachweis über den tatsächlichen Zustand des Wagens darstellt.

Aber ich bin einfach gerne “beim Messerschmidt” – mittlerweile auch mit dem gerade erst 3 Jahre alten E500, der in letzter Zeit häufiger dort war als gedacht. Dies jedoch ist eine andere Geschichte.

Das Faszinierende an der winzigen Mercedes-Werkstatt inmitten der Äppelwoi-Hochburg Bornheim ist das Kundenspektrum: nicht selten bietet sich dem Besucher ein Stelldichein aus vielen Jahrzehnten Mercedes-Modellgeschichte. Oft steht auf dem winzigen Hof der Pagoden-SL neben dem R230, der 124er neben dem Ponton, der 212er neben dem Strich-Achter, und für alle gemeinsam ist es ein regulärer Werkstatt- bzw. Wartungsaufenthalt in der offiziellen Vertragswerkstatt. Wenn also etwas dran ist an der phänomenalen Langlebigkeit eines Mercedes: hier im „Generationenhaus Messerschmidt“ zeigt sie sich im Alltag.

Als ich am vergangenen Montag pünktlich um 8 Uhr dort eintraf, bildete mein 126er so etwas wie den “Missing Link” zwischen einem brandneuen Mopf-221er, der mit seinen furios leuchtenden LED-Rücklichtern gerade aus der Halle rangiert wurde, einem 116er, der sich direkt daneben noch auf der Hebebühne befand und einem 140er-Elefanten der Größe “L”, welcher auf einem der engen Parkplätze auf seine Wartung oder vielleicht schon Abholung wartete.

Was dem einen Modell die StarDiagnosis, sind bei anderen wie dem 126er ein geübtes Auge und die Erfahrung des Chefs und seiner Mitarbeiter. Wenn es hier bloß “Teiletauscher” gäbe – wie leider allzu oft in den Niederlassungen der Fall – hätte die kleine Werkstatt im nordöstlichen Frankfurt längst nicht diesen Kundenandrang, gerade aus der Altmercedes-Szene.

Pralles Scheckheft: seit Auslieferung lückenlos, aber ab jetzt kein Platz mehr für weitere Bremsflüssigkeitswechsel

Qualität kostet: wo Mercedes draufsteht, sind auch Mercedes-Preise drin. Und selbst wenn man dafür mit seinem alten Metall wie ein ehrenwerter Neuwagenkunde behandelt wird, so ersetzt auch ein Messerschmidt nicht die Rundumversorgung, die bspw. H+S Kfz-Technik in Köln bieten. Daher empfiehlt sich die Frankfurter Werkstatt für ortsnahe Wartungs- und Reparaturarbeiten kleineren Umfangs (und für größeres am Neumercedes), die Kölner Spezialisten aber bleiben für mich die Nr. 1, wenn es um aufwendigere Arbeiten inkl. Restaurationen am Veteranen geht.

Der befand sich samt prallem Scheckheft am Dienstag bereits wieder zum seligen Ausruhen in seiner Garage, während ich – erneut in aller Herrgottsfrühe – mit dem „Roten Baron“ und drei Kollegen an Bord Kurs auf den Bodensee nahm. Auf dessen Ostseite, gleich hinter der österreichischen Grenze, hatten wir einen Kundentermin, den wir aufgrund der sehr hohen Reisegeschwindigkeit des E500 und seines telematic-gestützen Navigationssystems um fast zwei Stunden unterschritten. Für die drei eingefleischten Volvo- und Audifahrer war die Mitfahrt im äußerlich als knallrotes Taxi getarnten 400PS-Technologieträger merklich so etwas wie der Flug an Bord eines Space-Shuttles. Daß sich bei Mercedes hinter der ihrer unausgesprochenen Meinung nach biederen Fassade nicht nur Edelholzbarock befindet, sondern fast immer auch der State-of-the-Art des Automobilbaus, war ihnen tatsächlich vorher nicht bewußt. Zumal in einem inzwischen offiziell „veralteten“ Mercedes-Modell.

Wie auf Bestellung während meiner „Technik-Demo“ begegneten wir auf der A8 schließlich zwei noch schwer getarnten CLS-Erlkönigen mit den bei Prototypen üblichen Freiburger Kennzeichen, die in auffallend niedrigem Tempo gen Süden fuhren. Was immer die in ihrer Ausstattungsliste schon jetzt spazieren fuhren, es dürfte die Vorstellungskraft meiner schon vom 211er beeindruckten Mitreisenden weit übersteigen. Viel zu schnell verlor sich das Bild der beiden Erprobungsfahrzeuge mit ihren schwarzen Tarnkappen und den grellen LED-Scheinwerfern im Rückspiegel. Wäre ich alleine gewesen, ich wäre ihnen für den Rest des Tages wie ein knallroter Schatten unauffällig gefolgt.

Die knapp siebeneinhalb Stunden Fahrt an diesem Tag dürften meine Fahrgäste als kurzweiliges Erlebnis in Erinnerung behalten haben, zumal man sich im luftgefederten W211 auch weit jenseits der 200km/h noch in normaler Lautstärke entspannt unterhalten kann. OK, die meiste Zeit habe eh nur ich gesprochen, und meist auch nur über das eine Thema ;-)

Die Kritik am doch recht engen Platzangebot für vier ausgewachsene Mitteleuropäer konnte ich am Ende nicht ausräumen, kann aber für die nächste Langstrecke gerne eine größere Limousine mit ähnlichem Komfort anbieten. Und über die gibt es dann auch noch mehr zu erzählen als über den 211er…

Mit den beiden Wartungsstempeln für den 560er und den knapp 900 Autobahnkilometern für den 550er war die Wochendosis Sternenglück eigentlich schon am Dienstagabend erschöpft. Keine 48 Stunden später aber erreicht mich – natürlich im Auto mit Stern auf der Haube – ein Anruf, den ich in den ersten Sekunden erst für den üblichen Qualitätssicherungs-Call nach den jüngsten Werkstattaufenthalten meines kleinen Fuhrparks hielt. Der Anlaß des Telefonats war aber ein weitaus weniger nervtötender: „Wir dürfen ihnen mitteilen, daß sie von Auto Motor und Sport und Mercedes-Benz für die Sternfahrt zum DFB-Pokalfinale in Berlin ausgewählt wurden.“

Hammer! Tatsächlich hatte ich mich vor gerade zwei Wochen hierfür [KLICK] beworben – und prompt gewonnen.

Kleine Pointe: noch am Dienstag hatte ich mich im Auto mit der Kollegin scherzhaft gestritten, welches Hobby wohl seltsamer sei: Fußball (ihr Interessengebiet) oder alte Vorstandslimousinen (ich interessiere mich so gut wie gar nicht für Fußball). Sie empfand den Fußball der seltsamen Verehrung alter Sternenschiffe weit überlegen. Tja, was soll ich sagen? Nun reise ich dank genau dieses Spleens bei freier Kost und Logis inklusive Rahmenprogramm zum DFB-Pokalfinale – in der alten Vorstandslimousine. Ätsch! :-D

Es wird – außer Fußball – sicher sehr viel zu berichten geben :-) Danke, liebe AMS-Jury!

Fotos: ©fuenfkommasechs.de

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