Verkehrte Welt

Letzte Woche noch war Sommer und fast 30°C! Die Mitternachtssonne brennt vom Norden her am stärksten und außer noch dem Mond, der dort beim Zunehmen dünner wird, war kein anderes mir vertrautes Gestirn am Himmel zu sehen. Die vergleichsweise wenigen Sterne unterhalb dieses fremdartigen Firmaments befanden sich fast ausnahmslos im rostfreien Bestzustand, was möglicherweise daran liegt, daß das Waschwasser dort verhext ist und falsch herum in den Gully strudelt. Auch das Lenkrad ist immer auf der falschen Seite, und alle fahren sie aus deutscher Sicht mit den Rädern nach oben an den Straßen hängend umher – und das auch noch in die verkehrte Richtung.

Da wundert es Euch, wenn hier lange nichts gepostet wurde? Ich erhole mich noch immer vom Kulturschock und blicke wehmütig zurück auf meine letzte Arbeitswoche, die – so ist das halt in der Werbebranche – weitgehend am Strand stattfinden mußte, sechzehntausendfünfhundert Kilometer von zu Hause entfernt.

Ich armer Kerl wünschte dennoch, ich hätte auch ein paar mehr Stunden freie Zeit in der Stadt gehabt und überhaupt ein wenig umherschlendern können in “Oz”, der einstigen Sträflingskolonie, in der es heute beneidenswert sicher, entspannt, weltoffen und auffallend sauber zugeht. Zwar ist der Anteil an Sternenklassikern im Neuen Südlichen Wales vergleichsweise gering, dadurch fallen sie aber im Straßenbild inmitten des meist aus asiatischer Produktion stammenden Einheitsbreis umso deutlicher auf.

You like that car?” fragte mich ein Passant, als ich wie ein Irrer versuchte, mit meinem Weitwinkel den auf der anderen Seite der sehr breiten Avenue vorbeigleitenden 109er heran zu zoomen.
Of course! I have to like it. I am German!

Tatsächlich ist der Anblick dieser dort wohl fast immer im Bestzustand erhaltenen “deutschen Industriedenkmäler auf vier Rädern” der Moment, doch ein wenig stolz auf seine eigene Nationalität zu sein. Und ja, vielleicht fühlt man sich als geständiger Autobahnraser auch noch ein wenig überlegen angesichts des dort vorherrschenden allgemeinen Tempolimits von 100 km/h – wohlgemerkt in einem Land bzw. Kontinent, der beinahe so groß wie die Vereinigten Staaten ist, dafür aber nur mit einem Vierzehntel der Bevölkerung aufwartet. Oft sind Nachbarstädte und -gemeinden hunderte oder gar tausende Kilometer voneinander entfernt. Wie erträgt der Aussie das bei 100 km/h Maximalgeschwindigkeit und drakonischen Strafen für deren Überschreitung?

Richtig! Er kauft sich einen C63 AMG und ist damit aus dem Stand schon nach 4,5 Sekunden so schnell wie… äh… alle anderen.

Darüber mag man sich amüsieren. Ich tue es besser nicht, denn wer weiß, wie lange wir hierzulande noch guten Gewissens in den dritten Gang schalten dürfen. Einen großen Teil meiner Zeit dort habe ich ohnehin noch sehr viel langsameren Fahrzeugen zugesehen. Dieses hier fuhr höchstens Schritttempo und benötigte Kunststoffmatten als Fahrbahn:

Der Sound war trotzdem schön..

Trotz Kopfstand und Tempolimit sind die Aussies wirklich nur zu beneiden. Die Rückkehr ins enge, kleine, dichte, kalte und mißtrauische Deutschland fiel schon nach einer Woche schwer.

OK, das Lohnniveau down under ist nicht eben hoch (ein indirekter Grund für meinen beruflichen Aufenthalt dort), daher wohl auch die eher geringe Dichte an Premiumfahrzeugen. Man lebt meist außerhalb der Stadt – zwischen giftigen Tieren – und pendelt täglich nach Sydney hinein, wo dann selbst achtspurige Einfallstraßen hoffnungslos verstopfen, während darüber ganze Schwärme fliegender Hunde kreisen. Für den Bau einer U-Bahn für Sydney fehlt im Moment das Geld, dafür gibt es alles andere, was diesen Ort lebens- und liebenswert macht, gratis! Inklusive eines Traumstrandes (Bondi Beach) mitten in der Stadt, beinahe ganzjährig sommerlichen Klimas, wilder Flora und Fauna und einer riesigen Orange als Opernhaus.

Ich empfehle jedem einen Ausflug nach Down Under – und sei es nur per Google Earth. Sydney und sein Umland sind schon alleine einen dreiwöchigen Urlaub wert. Die Landschaft ist sensationell, die Sonne ist erbarmungslos, das Klima jedoch sehr gnädig und am schönsten soll es im australischen Frühling (September/Oktober) sein. Die Flüge kosten heutzutage ja nicht mehr viel. 900 Euro für hin und zurück sind bei rechtzeitiger Buchung leicht zu unterbieten. Wir sind mit Etihad Airways geflogen (einmal umsteigen in Abu Dhabi), wo schon die Economy den Standard der Business Class anderer Fluggesellschaften erfüllt. Bei Quantas soll es noch einen speziellen Deal für zwei kostenlose Inlandsflüge innerhalb Australiens geben, hat mir ein Hamburger Ehepaar erzählt, die dort derzeit per Miet-Camper die Küsten erkunden.

Natürlich könnte man auch den 126er dorthin verschiffen und damit das Outback erkunden… oder so. Das erwähne ich aber nur, um thematisch nochmal die Kurve zu kriegen, bevor fünfkommasechs.de zum Ratgeber Reisen mutiert.

Trotzdem möchte ich mit meinen Schnappschüssen aus dem bezahlten Beinahe-Urlaub ein wenig angeben und verlinke sie daher [HIER]. Keine Angst, ich habe extra für Nicht-Aussies alle Bilder um 180° gedreht!

Fest steht: es war sicher nicht das letzte Mal, daß wir in Australien waren.

Fotos: ©fuenfkommasechs,de

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